Eigentlich müsste man Jowood gratulieren und Spellbound die Hand schütteln. Letzteres geht nicht, weil nie einer der Entwickler aus Kehl anwesend ist, um die kreative Vision hinter „ihrem“ Gothic 4 zu präsentieren – das war auf der ersten gamescom so und dieses Jahr nicht anders. Und Gratulation an Jowood: Diesmal sahen wir eine technisch saubere Version ohne gröbere Fehler und fast ohne Platzhalter. Nur: Warum wirkt das alles so seelenlos?

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Das Gras wippt, die Bäume ebenfalls. Wellen schwappen an den Strand, die Sonne brennt, die einbetonierte Bubifrisur sitzt. Hässlicher Hauptcharakter, ja, aber auch eine schöne Szene, die zeigt, wozu „Arcania“ in der Lage ist: unverschämt hohe Sichtweite, dichte Vegetation, ansehnliche Wettereffekte und so weiter. Muss ein Geh-wohin-du-willst-Rollenspiel Baujahr 2010 leisten können. Lässt man diesen einen Moment auf der Tutorial-Insel Feshyr auf sich wirken, erkennt man allerdings nur mit Not, ob man gerade „Risen“, „Divinity“ oder Gottweißwas vor der Linse hat.

Arcania: Gothic 4 - Das neue Gothic: zwischen Vorfreude und Enttäuschung

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Die Welt von Arcania sieht wunderhübsch aus - doch noch fehlt das wichtigste: Seele.
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Ich hab nun schon tausendmal gesehen, wie anschaulich Gras hin und her wackeln kann oder dass viele Bäume in der Ferne eine dichte Baummasse ergeben. Wirklich beeindruckend alles, mit nur wenigen gräsernen Pop-ups, Regentropfen, die den Boden aufweichen und, und, und. Aber was mir in „Arcania“ bislang fehlt, ist etwas, das ruft, nein, brüllt: „Ich bin ein echtes Gothic“ - oder warum steht die Vier im Titel? Wenn Spellbound nicht ausschließlich den Namen ins Intro kleistern und das Logo auf die Verpackung pappen will, braucht es diesen unverwechselbaren Charme aus'm Pott – davon gab's nichts zu sehen.

Böse ausgedrückt ist das Gezeigte nicht mehr als generische Kunterbunt-Fantasy-Pampe ohne eigene Note; ich vermisse das Raue, das Derbe, das Schmutzige. Wie ertragen die Amerikaner das bloß? Für sie gibt es in den Grafikoptionen eine Extraeinstellung in Extrabunt – mit ganz viel Zucker obendrauf. Ich hab's gesehen. Meine Augen schmerzen noch immer. Übrigens dürfen sich Xbox-360-Abenteurer entspannt zurücklehnen. Vor allem diejenigen, die bei der Erwähnung des Namens „Risen“ verstört zu zucken beginnen. „Arcania“ sieht auch auf Konsole richtig gut aus.

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Arcania wird schöner als Risen - da sind wir ziemlich sicher.
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Die Sichtweite ist um Welten angenehmer als der trübe 360-Nebel der Konkurrenz, die Vegetationsdichte wurde nur hier und da reduziert, die Pop-up-Bevölkerung ist nicht allzu aufdringlich. Okay, in den Büschen flackert und zuckelt es, schräg nach hinten verlaufende Bodentexturen verlieren in der Distanz merklich an Schärfe, und die Rüstungen sehen matschiger aus – aber unterm Strich trotzdem zwei Klassen besser als „Risen“ auf der Xbox 360.

Unserem namenlosen Laufburschen ist der ganze Technikkram schnurz. Er hat höhere Ziele im Heimatdorf: die Hochzeit mit seiner Holden. Aber auch ein derbes, faltengesichtiges Problem: den Schwiegerpapa in spe. Wer seiner Tochter das Blümchen ins Knopfloch stecken will, muss erst drei Heirats-Quests erledigen. Total logisch. Ich weiß nicht, wie krumm sich das buckelnde Jungchen dafür machen soll, aber den Vater als plumpen Missionskasten einzubinden, zu dem man jedes Mal wie ein Idiot zurückdackelt – kommt schon, Spellbound... Wer würde einem ungeliebten Knilch überhaupt „Hochzeitsaufgaben“ geben? Und wer würde seine Meinung ändern, nur weil der Nichtsnutz plötzlich zehn Wildschweinköpfe aus dem Hut zieht?

Ins Maul, du Blödpaul!

Jedenfalls schlappt unser Jüngling nicht allzu lange im Dorf umher. Genau genommen existiert es keine drei Stunden mehr. Denn der alte Gothic-Held, bekannt durch seine wunderbar markante Hackfresse, hat das Herrschaftsruder in Myrtana übernommen und steuert stramm in Richtung Arschgeigenepoche. Gut, erst macht er die lauschige Fischerklitsche platt und den neuen Mr. Namenlos stinksauer. Eine „fesselnde Story“ entbrennt – steht zumindest in der Pressemappe.

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Noch verbesserungswürdig: das Kampfsystem.
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Was sich in der Präsentation abzeichnet, wirkt bestenfalls wie ein technisch sauberes und spielerisch fürchterlich biederes Abenteuer. Riesenkäfer hier, Feuerball da, Ork-Gebrüll dort, Klinge in die Fresse. Versteht mich nicht falsch: Auch ein primitiver Fantasy-Klopper kann interessant sein, wenn die Action gut gemacht ist. Doch dieses wüste Linksklickgerammel geht auf den ersten Blick nur deshalb als passabel durch, weil keine Ramboschweine wie in „Gothic 3“ zu erkennen waren.

Ich darf zwar mit jeder Waffe blocken, darf Hiebe aufladen und auf höheren Stufen sogar Kettenangriffe vom Stapel lassen, allerdings riecht das Geknüppel bislang keine Spur leckerer als „Risen“, „Two Worlds“ und Co. Es kracht nicht, es rummst nicht, es funkt einfach nicht. Oder sollte ich vielleicht sagen „noch nicht“? Eine spannende Frage, die wohl leider bis zum Test warten muss.

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Ein Held mit der Stimme von Leo DiCaprio? Hmm...
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Der angehende Held malocht fleißig weiter und schwatzt mit einem Schafhirten namens Knut, der ein Molerat-Problem hat. Schön, die quiekenden Schweinchenfressen wiederzusehen, aber als am linken Bildrand plötzlich „0/6“ eingeblendet wird, beschleicht mich ein unschönes Gefühl... Was die Gesichtsanimationen und feinmotorischen Details in den Dialogen angeht, hat Spellbound nur das Nötigste getan: Das sieht alles durch die Bank sehr hölzern und steif aus. Die Sprecher klingen allesamt ordentlich, obwohl ich noch nicht weiß, ob ich mich mit Leonardo DiCaprio als Stimmgeber für den Helden anfreunden kann – der alte klang eben kantiger, männlicher.

Sieht optisch toll, aber unheimlich generisch aus. Spielerische Überraschungen gab's ebenfalls nicht zu sehen.Ausblick lesen

Eine nette Idee übrigens, dass man viele Vereinfachungen in den Optionen jederzeit ein- und ausschalten darf: den Quest-Pfeil, die Minimap, das farbige Schimmern, das NPCs umschließt. Nutzlos dagegen eher das Deaktivieren der sogenannten Rollenspielaktivitäten. Wer bei diesem Punkt den Haken entfernt, muss wohl auf große Teile des Handwerkssystems, etwas Waffenbau, verzichten – wer würde so etwas tun wollen?

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Die Effekte sind ordentlich - auch sonst läuft Arcania schön rund.
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Das Charaktersystem umfasst im Groben die drei Kampfrichtungen Schwert, Bogen und Magie. Hier haut man die gewonnenen Erfahrungspunkte auf den Kopf, ohne sich den Kram erst umständlich von einem Lehrer aneignen zu müssen. Nahkämpfer freuen sich über neue Techniken wie den Schildschlag, längere Angriffsketten und so weiter. Bogenschützen zielen präziser, Magier rüsten den fitzeligen Feuerpfeil zum Feuerball und schließlich zum Inferno auf. Schade übrigens, dass die arkane Karriere lediglich drei Richtungen anbietet: Feuer, Eis und Blitz. Hinzu kommen gesonderte Runen der Marke „Sprinten“ und „Druckwelle“. Schleichen, Schlösserknacken, Taschendiebstahl – nichts zu sichten.