Eigentlich ist meine Affinität zu japanischen Rollenspielen sehr hoch. Dementsprechend bin ich auch recht tolerant gegenüber so manchen Inhalten, die in irgendeiner Form nur im Kontext zu der japanischen Otaku-Kultur zu verstehen sind. Egal ob dabei die Inszenierung einem psychedelischen Drogentrip gleicht oder ob die Anime-typischen Charaktere übermäßig zuckersüß daher kommen – solang die Spiele Spaß machen, bin ich für solche Designentscheidungen immer zu haben. Wenn aber die Entwickler keine Ahnung haben, wie man eine Geschichte erzählerisch ordentlich verpackt, hilft auch keine Kulturschock-Überwindung mehr.

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Ar nosurge – Ode to an Unborn Star gehörte für mich zu den aktuellen JRPG-Titeln, die große Erwartungen schürten, da das Spiel mit der Ar-Tonelico-Trilogie in Zusammenhang steht. Die Spielreihe stammt vom selben Entwicklungsstudio und hat mir zu damaliger Zeit großen Spaß bereitet. Dabei handelt es sich bei Ar nosurge um eine Art Ursprungsgeschichte, die in einer futuristisch anmutenden Welt spielt, in der die Menschheit Äonen zuvor ihren Heimatplaneten verlor und seitdem in kleineren Kolonien auf künstlichen Planeten weiter existiert. Neben dem gleichen Universum weist der Ableger auch spieltechnische Ähnlichkeiten gegenüber der Trilogie auf.

So kommt beispielsweise innerhalb der rundenbasierten Kämpfe die sogenannte Song Magic zum Einsatz, die bereits bei der Ar-Tonelico-Serie schon eine große Rolle spielte. In Ar nosurge – Ode to an Unborn Star kämpft ihr als Zweierteam: Während die eine Spielfigur als Frontkämpfer die Gegner mit physischen Angriffen bearbeitet und die gegnerischen Attacken abwehrt, beschwört eure zu beschützende Begleiterin zur Unterstützung die Song Magic. Der dabei durch die Magie verursachte Schaden wird potenziell größer, je mehr Punkte ihr durch das Abwehren oder Schaden der Gegner sammelt.

Ar Nosurge: Ode to an Unborn Star - Ode an die Belanglosigkeit

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Bei Cass handelt es sich um eine Weaver, die in der Lage ist, Song Magic zu beschwören. Ihr Freund Delta beschützt sie vor Angriffen.
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Die zunächst nicht so ganz ersichtliche Kampfweise gestaltet sich zusätzlich durch die nicht hundertprozentig absehbaren Angriffe der Gegner etwas schwieriger. Schade ist hierbei, dass man sich zwar einem ähnlichen Kampfsystem wie bei Ar Tonelico bedient hat, allerdings auf die Leiste verzichtet wurde, die dem Spieler die sich anbahnenden, gegnerischen Angriffswellen angezeigt hat. Das Kampfsystem der Trilogie kam aufgrund dessen teilweise wie ein Rhythmusspiel daher und wies durch die zusätzlich gelieferte Motivation zur perfekten, zeitigen Abwehr eine gewisse Dynamik auf.

Die Zufallskämpfe fallen auf Dauer monoton aus, sind aber immerhin innerhalb eines Gebiets auf eine gewisse Anzahl glücklicherweise beschränkt. Zusätzlich lassen sich innerhalb eines Kampfes ganzen Gegnerhorden mit einem Mal auslöschen, sofern die Kraft euer musikalischen Magie dafür ausreicht, sodass ihr für den Rest eurer Erkundungstour erst einmal Ruhe habt.

Ar Nosurge: Ode to an Unborn Star - Ode an die Belanglosigkeit

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Zum Ausrüsten verschiedener Status-Attribute und Kampfboni muss der Held mit seiner Begleiterin eine sogenannte Reinigung vornehmen.
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Zähflüssige Erzählung statt Erzählfluss

Während das Kampfprinzip eure Zeit, Geduld und Nerven weniger in Anspruch nehmen wird, sieht es bei sämtlichen anderen Spielelementen leider anders aus. Der wohl größte Störfaktor, auf dem die meisten Kritikpunkte basieren, ist die geballte Textlastigkeit. Gerade bei einem japanischen Rollenspiel sind zahlreiche Dialoge und umfangreiche Erzählboxen im Grunde nicht unüblich. Umso negativer fällt es allerdings auf, wenn ein Großteil der Textinhalte völlig irrelevant für die eigentliche Handlung daherkommt. Ar nosurge – Ode to an Unborn Star schafft es in der Hinsicht tatsächlich, dass auch nur der kleinste Funken Motivation inmitten der schwer zu durchdringenden, wirren Gelaberflut ertränkt wird.

Bei weitem kein schlechtes JRPG. Jedoch wird der Erzählfluss stetig durch irrelevante Abschnitte ausgebremst, wodurch die Handlung nie wirklich durchgängig fesseln kann.Fazit lesen

Schon der Anfang liefert bereits erste Stolpersteine für eine leichte Zugänglichkeit der Handlung, denn alles beginnt mit einem wirren Traum des Protagonisten. Ohne einen Blick auf die chronologisch erzählte Synopsis im Hauptmenü wäre ich allerdings gar nicht erst darauf gekommen, dass es sich hierbei um eben einen solchen gehandelt hätte. Die ersten Abschnitte gestalten sich sehr zäh und lassen einen klaren roten Faden vermissen, sodass sich der eine oder andere nach zehn Stunden Spielzeit fragen wird, was und warum er etwas tut. Die zwei sich gelegentlich abwechselnden, miteinander verflochtenen Handlungsstränge aus der Sicht von jeweils einem Protagonistenpärchen wirken vom Ansatz her interessant, können aber aufgrund vieler unnötig ausschweifenden Handlungsbögen nicht dauerhaft fesseln.

Als wäre es nicht schon schwer genug, durch die nicht eindeutig ersichtliche Handlung durchzusteigen, wird das allgemeine Verständnis neben den erschlagenden Tutorials und durch die Dive-Abschnitte erschwert. Bei letzteren taucht der Held in eine Art Gedankenwelt beziehungsweise in die Seele seiner Song Magic beherrschenden Freundin ein und sucht dabei die verschiedenen Orte auf der Karte jener nicht real-existierenden Welt auf. Diese Abschnitte ähneln mehr einem Visual Novel, in denen der Protagonist auf verschiedene merkwürdige Gestalten trifft und bestimmte Entscheidungen treffen muss.

Wer bereits mit einem Spiel der Ar-Tonelico-Reihe in Berührung kam, weiß, dass die Ereignisse innerhalb dieser Welten sinnbildlich für die Persönlichkeit der Song-Magic-Nutzerin stehen. Bestimmte Bewohner jener Welten stellen dementsprechend die Personifikation bestimmter Eigenschaften der Protagonistin dar. Einige sind sich ihrer Existenz als solche bewusst, andere wiederum nicht. Die hierbei oft surreal ausufernde Metaphorik kann dabei leicht verwirren.

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Später wechselt die Geschichte zu Ion und ihrem Roboter-Begleiter Earthes.
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Erst recht verwirren die unterschiedlichen Szenarios, die sich innerhalb dieser Welten abspielen. Diese erinnern an so manche Lücken füllende Handlungsbögen oder Was-wäre-wenn-Episoden aus Animeserien. Von typischen Kampfszenen wie bei den Power Rangers oder banalen Schulalltags-Episoden ist alles vertreten und in jeder dieser Welten tauchen auch die Charaktere der Hauptgeschichte in gänzlich neuen Rollen auf. Inhaltlich sind diese Szenarien belangloser Quatsch, der auch in keinem Zusammenhang mit der Hauptgeschichte steht. Der einzige Sinn hinter diesen Dive-Phasen ist unterm Strich die Erlangung zusätzlicher Song-Magic-Beschwörungen und Ausrüstungsgegenstände.

Schon allein innerhalb dieser Welten kann man Stunden verbringen – wenn man sich den ganzen absurden Inhalt wirklich antun will und ernsthaft durchliest. Hätte man auf diese Abschnitte zu weiten Teilen verzichtet und stattdessen mehr in die Übersichtlichkeit der eigentlichen Geschichte investiert, würde es mir als Spieler auch nicht schwer fallen, sich dafür zu interessieren.

Die meisten Dialoge würden womöglich auch nicht nervig daherkommen, wenn das Spiel nicht die Gewohnheit hätte, mich gleich nach dem Ende einer langatmigen Zwischensequenz nur zwei Schritte laufen zu lassen, damit kurz darauf das nächste Video beginnt.

Etwas Charme, etwas Minimalismus und viel Fremdschämfaktor

Fernab von den handlungstechnischen Leerläufen kann das Spiel einigermaßen Spaß machen, wenn man auf den japanisch-typischen Fanservice-Kram steht, denn davon gibt es reichlich. Dazu zählen das gemeinsame Bad mit der Freundin(!), das euch „zweckmäßig“ Status-Boni beschert, oder das Synthetisieren verschiedener Gegenstände.

Das Crafting-Resultat wird dabei von den Charakteren mit mehr oder weniger lustigen Dialogen kommentiert. Zusätzlich wird der Entstehungsprozess neuer Items von einer kurzen Gesangseinlage der Charaktere begleitet, die einer japanischen Lebensmittelwerbung gleichkommen. Ob sie von Grund aus peinlich daherkommen oder einen gewissen Charme mitbringen, darf jeder für sich entscheiden. In der amerikanischen Tonspur, die alternativ neben der japanischen verfügbar ist, hat man wohl bewusst auf den Gesang verzichtet. Mehr Sinn als die überflüssig wirkenden Dive-Weltenszenarien, deren Dialogszenen auch nicht vertont wurden, ergeben diese leider auch nicht.

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Was spricht schon gegen ein angenehmes Bad und einen lockeren Plausch?!
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Wer als JRPG-Fan kaum grafische Ansprüche erhebt, wird hier auch nicht sonderlich viel an den farblich und kompositorisch motivationslos gestalteten Abschnitten zu beanstanden haben. Weniger schlauchige und offenere Abschnitte hätten der Authentizität dieser Fantasy-Welt dennoch nicht geschadet. Schade auch, dass die 3D-Modelle der Figuren Vielfalt hinsichtlich der Emotionen vermissen lassen. So minimalistisch die gezeichneten 2D-Render der alten Ar-Tonelico-Teile auch waren, so hatten diese dennoch einen gewissen Charme und konnten auch klar erkennbare Gesichtsausdrücke vorweisen. Punkten kann das Spiel zumindest ab bestimmten Abschnitten wie den Bosskämpfen mit dem Soundtrack, wurde der doch unter anderem von renommierten Sängerinnen der japanischen Musikszene beigesteuert.

Unterm Strich lässt sich über Ar nosurge – Ode to an Unborn Star sagen, dass der Titel weit entfernt von einem schlechten JRPG ist, da dessen Geschichte gegen Ende doch noch eine schöne Dramatik entfaltet. Aber leider hat selbst der geduldigste Spieler nicht immer die Zeit und Lust, mehr als 40 Stunden aufzubringen, nur um endlich an einer Stelle zu gelangen, an der die Geschichte interessant und überschaubar zu werden scheint. Wer also viel Geduld besitzt und sich von einem langsamen Pacing nicht abschrecken lässt, kann durchaus Spaß haben und wird mit einem schönen Ende belohnt. Ein guter Genrevertreter schaut aber anders aus.