Wenn es um die eigenen Geräte geht, dann scheint Apple wenig kritikfähig zu sein. Insbesondere dann, wenn es um die Thematisierung von Produktions- und Marketingstrategien geht, die in den letzten Jahren immer mal wieder kritisch hinterfragt wurden. Das Spiel „Phone Story“ von Mollenindustria ist kritisch, zynisch und thematisiert die Bedingungen, unter denen Apples Flaggschiff und Haupteinnahmequelle produziert wird. Grund genug für die Kalifornier, das Spiel aus dem App Store zu verbannen.

Apple - Kritisches iPhone-Spiel "Phone Story" aus dem App Store verbannt

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Phone Story macht auf den Missbrauch von Kindern in der Produktionskette von Elektrogeräten aufmerksam - und wurde wegen dieser Inhalte aus dem App Store geworfen.
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Mollenindstria macht mit Vorliebe kritische Spiele, in denen es um die zweifelhaften Vorgänge in der Ölindustrie oder bei Fast-Food-Konzernen geht. Gesellschaftskritische Spiele zu Kindesmissbräuchen in der katholischen Kirche stehen genauso auf dem Portfolio des italienischen Entwicklers, wie Games die Verschwörungstheorien und Wikileaks thematisieren. Solcherlei Spiele hat Apple bisweilen zugelassen. Mit „Phone Story“ gehen die Italiener nun allerdings zu weit, denn sie kritisieren Apple selbst.

Was Apple an dem Spiel stören könnte, wird klar, wenn man sich die Level des Handyspiels ansieht, das mittlerweile im Adroid Marketplace verfügbar ist. Das Spiel thematisiert, wie zu erwarten war, die Produktion und Vermarktung von Apples iPhone. Es beginnt damit, dass man im ersten Level Kinder in Erzminen im Kongo treiben muss, in denen sie das Erz Coltan schürfen müssen. Coltan wird vor allem in der Halbleiterindustrie verwendet. Aus Coltan wird das Metall Tantal gewonnen, welches für die Herstellung von Kondensatoren benötigt wird, die in allen modernen Geräten der Unterhaltungsindustrie verwendet werden - insbesondere in Handys und somit natürlich auch in Apples iPhone.
In Level 2 geht es um die Produktionsbedingungen des iPhones selbst. Der Spieler steht allerdings nicht am Fließband und baut es zusammen. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, Arbeiter mit einem Sprungtuch aufzufangen, die vom Dach einer Fabrik springen. Dabei handelte es sich um eine sehr zynische Anspielung auf die Selbstmordserien. Der Hinweis darauf, dass bei Foxconn in Shenzen nicht etwa die unmenschlichen Produktionsbedingungen verbessert, sondern stattdessen Fangnetze angebracht worden sind, um zu verhindern, dass die Arbeiter sich in den Tod stürzen.
Hat man dann möglichst viele der suizidalen Fließbandarbeiter gerettet, geht es im dritten Level daran, das iPhone zu verkaufen. Kommentiert wird das mit der Aussage, dass Apple unglaublich viel investiert hat, um überhaupt eine Nachfrage zu erzeugen und einen Wunsch nach Status und Lebensstil zu erwecken. Kernaussage ist also, dass das iPhone, welches unter brutalen Bedingungen hergestellt wird, eigentlich niemand braucht und niemand will - dieses Bedürfnis aber durch eine massive Werbeindustrie erzeugt wird.
Zu guter Letzt wird das iPhone entsorgt - denn es wird ja schließlich jedes Jahr ein neues verkauft und das alte muss weg. Natürlich wird das Gerät recycled. Dazu muss der Spieler am Fließband das höchst toxische Material aussortieren.

Bereits kurze Zeit nach der Veröffentlichung wurde das Spiel von Apple aus dem Store geworfen. In einem Interview mit dem Magazin Gamasutra erläuterten die Entwickler die Gründe: Apple zitiert vier Verstöße gegen den Nutzungsbedingungen. Unter Punkt 15.2 der Nutzungsbedingungen wird Gewalt oder Kindesmissbrauch in Apps untersagt, Punkt 16.1 verbieten Inhalte die anstößig oder brutal sind und die Punkte 21.1 und 21.2 verbieten das Erbitten von Spenden innerhalb von Apps. Diese Begründung ist allerdings besonders fragwürdig, da Mollenindustria gar nicht für sich selbst um Spenden bat, sondern vielmehr angekündigt hatte, den größten Teil der Einnahmen aus dem Spiel an Nichtregierungsorganisationen spenden wollte, die sich für die Rechte von Arbeitnehmern einsetzen.

Paolo Pedercini sagte in dem Interview, dass das Spiel durchaus ein gesellschaftskritisches Ziel verfolgt. Man wollte die Konsumenten darauf aufmerksam machen, was für eine Geschichte ihre Konsumgüter haben, wie sie produziert werden und woher das Material, dass dazu benutzt wird, stammt. „Wir wollen nicht, dass die Leute aufhören Smartphones zu kaufen. Aber vielleicht können wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich die Wahrnehmung der Lust auf Technologie von ‚cool‘ zu ‚nicht ganz so cool‘ wandelt. Das ist, was früher schon mit Pelzmänteln, Diamanten und Geländewagen passiert ist. Ich wüsste nicht, warum es nicht auch mit iPads passieren sollte. [...] Natürlich war es unser Ziel, einen peinlicherweise hässlichen Zwerg in Apples von Mauern geschützten Garten einzuschmuggeln, aber nicht die Zurückweisung zu provozieren. Wenn es nur eine Frage der Provokation gewesen wäre, wäre ich noch viel weiter gegangen. Ich wäre viel glücklicher, wenn das Spiel momentan für jeden zugänglich wäre und möglicherweise eine Diskussion über die Vorkommnisse auslöst, auf die es recht plump hinweist.“

Für Pedercini verstößt das Spiel nicht gegen die Richtlinien. Vielmehr beinhaltet es eine Menge schwarzen Humor und die dargestellte Gewalt wäre durch Cartoons und Stilisierungen angedeutet - und zwar viel milder, als bei einer ganzen Menge anderer Spiele, die im App Store verfügbar sind. Für den Chef des Entwicklerstudios ist die Reaktion der anderen Entwickler, die von der Sache erfahren haben, viel dramatischer:

„Das Problem ist Folgendes: Die einstimmige Reaktion der Entwicklergemeinschaft war ‚Wow es ist unglaublich, Phone Story hat es durch Apples Review-Prozess geschafft.‘ Für mich zeigt das die volle Akzeptanz eines Zensur-Regimes, für Entwickler das Äquivalent, was Journalisten als ‚abschreckende Wirkung‘ bezeichnen."

Mollenindustria will aber nicht aufgeben. Man will eine neue Version des Spiels entwickeln, die ohne die Gewalt und den Missbrauch von Kindern in der Produktionskette von Elektrogeräten auskommen soll. Außerdem soll eine Version (vermutlich ungeschnitten) für den Android Marketplace und für iOS-Geräte mit Jailbreak veröffentlicht werden. Diejenigen User, die das Spiel kaufen konnten, bevor es entfernt wurde, seien nun im Besitz einer sehr seltenen Sammler-Edition des Spiels.