Ich bin ein Freund von Loot-Shootern. Ein Genre, das erst in den letzten Jahren so richtig Fahrt aufgenommen hat und seit der fantastischen Borderlands-Reihe auch in die Online-Gefilde vordringt. The Division habe ich samt aller DLCs durchgesuchtet, Destiny 2 ebenso ins Herz geschlossen. Da ist es schon beinahe Schicksal, dass Anthem irgendwann auf meinem Tisch gelandet ist. Mit viel Enthusiasmus und Vorfreude, die sich seit den ersten Gameplay-Szenen zu Anthem angestaut hat, habe ich die erste Session herbeigesehnt.

Welchen Javelin wählt ihr für euren

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Nach dem Test bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich – ganz im Gegenteil zu The Division oder Destiny 2 – nicht mehr weitermachen will. Anthem hat mich komplett gesättigt. Hat mir gezeigt, wie eintönig Loot-Shooter sein können. Und das, obwohl im Herzen ein wirklich tolles Spiel steckt. Oder ist das nur der Frust, der über die ersten verkorksten Tage von Anthem aus mir herausspricht? Eine Fehlersuche im großen Test zu Anthem und dem einhergehenden Sinn und Unsinn von Early Access.

Anthem bietet uns tolles Gameplay, aber insgesamt zu wenig Ideen, um vollends zu überzeugen.

Was für eine Zettelwirtschaft

Freelancer! Schön, dass du dich wieder blicken lässt! Anthem ruft mit neuen Abenteuern. Im neuen Spiel von BioWare und Electronic Arts übernehmt ihr ebendiese Rolle eines Freelancers. Eines Mech-Piloten, der sogenannte Javelins steuert und damit vor die Tore der letzten Bastionen der Menschen fliegt. Im Kampf gegen die Kreaturen, die die Hymne, eine mysteriöse Macht, vor vielen Jahren in der Welt freigesetzt hat. Doch wie das Leben als Held so ist, läuft nicht alles gut. Größere Gefahren machen sich jenseits der Mauer bereit, euch und den Überlebenden für immer den Gar aus zu machen.

Was auf dem Papier richtig gut klingt, verendet im Spiel selbst leider etwas in Belanglosigkeit. Die Geschichte von Anthem plätschert vor sich hin, kann nur mit wenigen Momenten so richtig überzeugen. Immerhin ist sie nicht so flach, dass sie Spieler abschrecken würde. Ein bisschen mehr Kreativität in Sachen Plot und Twists hätte ich mir von den einstigen Story-Legenden bei BioWare aber schon erwartet. Zumal die wichtigsten Dinge über die Welt nur in Codex-Einträgen erzählt werden. Diese arten nach wenigen Stunden bereits in ein Zettelwust aus und dürften selbst lore-begeisterte Spieler schnell kalt lassen.

Die ersten Stunden der Story sind richtig cool. Blöd, dass sie danach nicht wieder so in Fahrt kommt.

So richtig will da auch der kleine Ausblick auf zukünftige Inhalte nicht zünden, den BioWare an das Ende der Story-Kampagne packt. Keine Angst vor Spoilern: Ich verrate euch hier nichts. Doch werden die Spieler, die hier schon etwas ermüdet sind, mit einer Karotte vor der Nase wieder dazu angetrieben, weiter zu machen. In Zukunft könnt ja wieder etwas Cooles für Anthem erscheinen und wir müssen bereit sein. Doch die Lust darauf fehlt etwas.

Dafür hat Anthem ein ganz anderes Highlight zu bieten, das euch dem Spiel und dem Lore näherbringt: Die Spielwelt. Wunderschön, mysteriös und gleichermaßen gefährlich wartet sie darauf, erkundet zu werden. Da ist es schon fast schade, dass sie im freien Spiel zwischen den Missionen nur wenige starre Punkte zu bieten hat, die dann wirklich mit Erkundungen locken. Doch Panoramen warten hier überall auf euch. Das entschädigt hier und da sogar ein bisschen für die insgesamt flache Geschichte.

Die Spielwelt von Anthem weiß bei Tag und Nacht zu begeistern.

Mech-Kampfanzüge können nicht uncool sein

Wenn wir ehrlich sind, sind wir doch alle bei Anthem, weil es metallstrotzende Mech-Fights bietet, oder? Fast schon, als würden wir uns etwas verschämt in einen Transformer-Film von Michael Bay schleichen. Anthem hat damit viel gemein, bietet aber noch ein bisschen mehr Gehalt. Die Gemeinsamkeiten finden sich in den brachialen Momenten, die Anthem euch auf den Bildschirm zaubert. Die vier Javelins (Interceptor, Storm, Colossus und Ranger) bringen allesamt ein mächtiges Arsenal mit, das auf die Gegner mit einem echten Effektgewitter niedergeht. Sollten alle Spieler gleichzeitig ihre Ultima-Fertigkeiten zünden, sind nicht nur die Feinde, sondern auch meine Augen obgleich der Farbexplosionen und Lichtblitze platt.

Andere Loot-Shooter wie Destiny 2 haben das zwar auch schon geschafft, boten dabei aber nicht ganz so viel spielerische Freiheit. Die Javelins von Anthem können für einige Zeit fliegen und schweben, was im Kampf neue Möglichkeiten eröffnet. Zudem lassen sich die Skills durch unterschiedliche Mods so sehr verändern, dass selbst zwei gleiche Javelin-Klassen unterschiedliche Rollen erfüllen können. Der Colossus wählt beispielsweise zwischen Nahkampf-Angriffen oder Bombardements aus dem Hintergrund, während der Storm Elemente wie seine Unterhosen wechselt. Das bringt für uns als Spieler eine enorme Abwechslung, ist aber für das eigentliche Spiel unerheblich. Selbst in den Festungen, die die Raids von Anthem darstellen, gibt es keinen Grund, eine bestimmte Rollenaufteilung zu wählen. Selbst vier Interceptor-Javelins, die nur wenig Rüstung mit sich bringen, können so erfolgreich sein, wie eine durchgemischte Truppe.

In Sachen Boss- und Gegner-Design hätte es auch etwas mehr Abwechslung gebraucht.

Der Gameplay-Loop, wie es so schön heißt, bestehend aus looten, ballern und aufleveln, ist in weiten Teilen aber magnetisch und fesselt mich vor den Bildschirm. Wären die Missionen und Nebenquests in Anthem abwechslungsreicher, hätte ich nach 20 Stunden vermutlich auch noch nicht den Kanal voll. Doch bis auf wenige Rätsel – die allesamt auf den gleichen Mechaniken basieren – gibt es keine Abwechslung in Anthem. Ihr fliegt von einem Areal zum nächsten, erledigt dort alle Gegner oder sucht unter Beschuss Items und bringt diese dann zu einem Sammelpunkt zurück. Nur, um dann weiter zu können und schließlich vor dem nächsten Arealen mit denselben Herausforderungen zu stehen. Einzig die Story-Dialoge zwischen den Bereichen ändern sich von Mission zu Mission. Wie ich aber bereits gesagt habe, sind die nie so wirklich spannend und verzögern das Voranschreiten der Gruppe nur, die in der Zwischenzeit Däumchen dreht.

In ein paar Monaten ist Anthem sicherlich ein grandioses Spiel mit mächtig vielen Inhalten. Aktuell sorgt das Gameplay zwar für jede Menge Spaß, wird aber nach der Kampagne zu schnell eintönig.Fazit lesen

Technik, Tücken, Temperamente

Ein Beispiel einer Runde Anthem in den ersten Tagen: Ich starte eine Session – mehrere Minuten im Ladebildschirm – Angekommen im Fort Tarsis wird der Javelin angepasst – Kurze Ladezeit – Zurück zum Launch-Pad und eine Expedition starten – Verbindungsfehler plus Ladebildschirm – Zweites Starten der Session – minutenlanger Ladebildschirm – Zurück zum Launch-Pad – Mission starten, bestreiten und glücklicherweise beenden – zurück zur Startrampe, die eigentlich schnelle Missionsstarts ermöglichen sollte – eingesperrt in der Startrampe, weil die Türen nicht funktionieren – zurück zum Hauptmenü – minutenlanger Ladebildschirm – gefrustetes Alt+F4.

Ihr seht hier vielleicht schon, dass der Start von Anthem ein holpriger war. Ein Raum, der Spieler auf ewig einsperrt und nur durch einen Neustart verlassen werden kann, seltsame Verbindungsabbrüche und aufploppende Levelarchitekturen waren an der Tagesordnung. Es steht ganz klar fest: Wer Anthem schon vor dem Start aller anderen gezockt hat, hat die schlechteste Version des Shooters gesehen. Mit den Wochen und Monaten werden diese Bugs der Vergangenheit angehören und das Feedback der Spieler zahlreiche Verbesserungen mit sich bringen. Doch bis dahin ist es noch ein steiler Weg.

Anthem kann es mit den Effekten fast schon übertreiben. Schön sieht es aber immer aus.

Die Entwickler versprechen indes einen riesigen Day-One-Patch, der die Startprobleme komplett ausmerzen soll. Deshalb klammere ich diese technischen Tücken in der Punktewertung am Ende zunächst aus. Sollte das Update keine Abhilfe schaffen, werde ich mir noch eine entsprechende Ergänzung und Veränderung an der Wertung vorbehalten. Auch, wenn ich glaube, dass tatsächlich Vieles mit dem Early Access von Anthem zu tun hatte. Und wenn wir schon bei dem Thema sind, möchte ich mit einem kleinen Exkurs zu diesem Thema abschließen.

Die Ersten werden die Deppen sein

Wenn ich in meinem Test zu Anthem schon die technischen Aspekte aus der Wertung herauslasse, muss ich doch einen Punkt stark kritisieren. Etwas, das nicht erst seit Anthem eine gängige Praxis geworden ist, aber jetzt ihren neuen Höhepunkt erreicht hat. Early Access, Origin Access, Origin Premier – Egal wie die Services auf diversen Plattformen heißen mögen: Am Ende sind sie meiner Meinung nach allesamt ein Schaden für die Spiele, die unter ihnen erscheinen. Anthem beweist dies nicht erst seit dem Early-Access-Launch, der unter einer Vielzahl von Bugs und Problemen litt.

Denn die Zeit der Entwickler geht in den kritischen Wochen vor dem Release dafür drauf, eine VIP-Demo zu basteln, die einen abgetrennten Blick in das fertige Spiel geben soll. Arbeitskraft wird auf diese Demo verwandt, reicht aber nicht aus, um die technische Seite ausreichend zu stemmen. Und da die Testversion nur zwei Wochen vor dem Launch der Early-Access-Version erscheint, bleibt am Ende keine Zeit, um die nötigen Änderungen vorzunehmen und einen reibungslosen Launch oder – man möchte gar nicht mehr dran glauben – ein weitestgehend bugfreies Spiel zu veröffentlichen.

Fast schon ironisch: Der Ingame-Shop war das einzige Element, das ohne Probleme auch zum Early Access funktionierte.

Am Ende sind die Spieler, die monatlich bezahlen oder Anthem vorbestellt haben, diejenigen, die am wenigsten Spaß mit dem Game haben werden. Sie müssen die Fehler ausbaden, die aller Voraussicht nach erst zum „richtigen“ Launch behoben werden. Alle die bis dahin die Story beendet und einen Ausblick auf das Endgame geworfen haben, werden mit Anthem bereits abschließen und nicht zurückkehren, bis neue Inhalte veröffentlicht werden. Nur könnte dann die Spielerschaft schon so gering sein, dass es sich nicht lohnt, überhaupt noch einen Blick auf Anthem zu werfen.