Wie glitzernde Funken tanzen die Sonnenstrahlen auf den Wellenkronen über den dunkelblauen Tiefen des Ozeans, während die Kamera langsam nach oben fährt und den Blick der nahen Küste zuwendet, an der soeben ein Schiff im Hafen einläuft. Hinter der Fassade des Lagerhauses: ein vertrauter Anblick. Die Hütten eines Dorfes zwischen im Wind wogenden Baumwipfeln, Händler, die auf dem Marktplatz lauthals ihre Waren feilbieten, und in den Gassen die Schatten majestätischer Vögel, die über allem thronend ihre Runden durch den Himmel ziehen.

Bis hierhin: Standardprogramm. Kein Artikel über ein deutsches Aufbauspiel, das ohne solcherlei Beschreibungen auskommen würde – zumeist begleitet von Adjektiven wie „malerisch“ oder „traumhaft“, gefolgt von Floskeln wie „Wuselfaktor“ oder „Aquariumseffekt“. Warum das so ist? Vermutlich, weil es stimmt. Eben wurde Anno 1404 offiziell auf der Games Convention angekündigt. Bei Entwickler Related Designs in Mainz durften wir bereits einen ersten Blick auf das neue Meisterwerk werf

Anno 1404 - Die Welt entdecken in unserer Video-VorschauEin weiteres Video

Gäbe es eine deutsche Entsprechung zum amerikanischen Traum, den Anno-Entwicklern liefe er vermutlich jede Nacht vor dem inneren Auge vorüber. Bei unserer Ankunft in den Mainzer Studios bewundern wir in einer dezent beleuchteten Vitrine die bisherigen Erfolge aus der Feder des Teams: Ein paar EDV-Titel für Sportvereine aus der „Goldenen Serie“ von Data Becker stehen da neben einem Toffifee- und einem Bahlsen-Werbespiel. Erst später verdiente man sich mit Strategietiteln wie „America“ erste Sporen im Haifischbecken Spieleindustrie.

Anno 1404 - Monumental: Teil 4 wird das beste Anno aller Zeiten!

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Auf zu neuen Ufern: Anno 1404 erweitert die Serie um sinnvolle Neuerungen.
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Bis Sunflowers an die Tür klopfte, mit der Lizenz für Deutschlands erfolgreichste Spieleserie unter dem Arm. Das Projekt Anno 1701 bewerkstelligten die damals etwa 30 Mann (und Frau) trotz Erfolgsdruck-Bürde und Umstellung auf 3D mit Bravour – heute arbeiten in den Studios über 50 Personen plus externe Dienstleister. Anfang letzten Jahres griff Publisher Ubisoft zu und stellte die Anno-Marke neben ihr erfolgreiches Siedler-Franchise ins hauseigene Portfolio-Regal.

Wie man uns im Interview verriet, ein wichtiger Schritt für die deutsche Spieleszene, um auch im Ausland die Aufmerksamkeit zu erhalten, die man hierzulande nach ungezählten Platinauszeichnungen längst genießt. Doch was hat das „Anno 1404“-Schiff geladen, um damit auch nach der Fahrt über den großen Teich die Bedürfnisse der dortigen Einwohner zu befriedigen?

Packshot zu Anno 1404Anno 1404Erschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Anno bleibt Anno, wie es singt und lacht

Dass Anno 1404 ausgerechnet in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt produziert wird, scheint auf den ersten Blick kein Zufall zu sein. Den genau wie es das Motto des hiesigen Karnevals verheißt, bleibt auch der Deutschen liebste Aufbauserie sich selber treu. Will heißen: „Evolution statt Revolution“, wie es Executive Producer Christopher Schmitz zusammenfasst.

Alles bleibt Anno: Related Designs nimmt sich der Kritik am Vorgänger an und dürfte damit den besten Teil der Serie vorlegen.Ausblick lesen

Anno 1404 bleibt beim bewährten Konzept der Serie, nimmt Detailverbesserungen vor und erfüllt Wünsche aus der Community. Die vermutlich wichtigste Neuerung: „Einer der meist genannten Kritikpunkte am Vorgänger war, dass man ab einem gewissen Punkt im Spiel nicht mehr viel zu tun hatte“, geht Christopher mit seinem Spiel ins Gericht. MMO-Spieler würden sagen: Es fehlte der Endgame-Content.

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Die Bewässerungsanlage „Noria“ gehört zu den neuen Gebäuden.
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Daher wird es dieses Mal von Anfang an eine Kampagne geben. Die Zeiten, in denen eine solche per Addon nachgereicht werden musste, sind vorbei. Über deren Story oder ihren Ablauf könne man uns aber noch nichts sagen. „Während wir uns hier unterhalten, sitzen exakt nebenan unsere Designer und tüfteln an den Plot-Einzelheiten. Daher weiß ich selber genauso wenig darüber wie du“, gesteht der Entwickler.

Das zweite wichtige Element in der Frage um den Endgame-Content darf er aber bereits nennen: „Quests“ würden MMO-Spieler dazu sagen. Wer seine Siedlung im späteren Spielverlauf die Ausmaße einer mittelalterlichen Metropole hat angedeihen lassen, darf mit dem Bau des prachtvollen Kaiserdoms als ultimativem Ausdruck seiner Macht beginnen. Allein die Anzahl der animierten Arbeiter, die während des Baus auf den Gerüsten dieses Monuments ihre Arbeit verrichten, übersteigt die Zahl der simulierten Siedler im Vorgänger, betont Christopher einmal mehr die Bedeutung des Wuselfaktors für das Genre.

Der Clou: Ist der Bau vollendet, erhält der Spieler vom Kaiser Aufträge, so genannte „Challenges“, die er zu dessen Wohlgefallen zu meistern hat. Dadurch soll das Spiel auch im fortgeschrittenem Stadium stets fordernd bleiben und vor allem dem „monumentalen“ Konzept des neuen Teils Ausdruck verleihen – ein Begriff, der auffallend häufig an diesem Tage aus den Mündern der Entwickler fällt.

Genial monumental

„Monumentalität“. Es fehlt nur das Ausrufezeichen, doch selbst dieses würde nichts daran ändern, dass der Begriff unübersehbar über jedem Schritt der Anno-Entwickler wie ein selbstverhängtes Damocles-Schwert schwebt. Zahlreiche Screenshots aus verschiedenen Stadien der Produktion hängen an einer Wand – auf jedem überdeutlich besagtes Wort zu lesen.

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Monumentalität: Der Kaiserdom symbolisiert das neue Motto der Serie.
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Das Luftbild einer mittelalterlichen Anno-Stadt: solide Steinhäuser, zu Dutzenden aneinander gereiht, im Stein miteinander verschmolzen und überthront von den prachtvollen Zinnen der Kathedrale. „Monumentalität“. Der Marktplatz: Menschenmassen, die sich versammeln, Waren handeln und transportieren, ihren Herrscher feiern. „Monumentalität“. Ein Gebäude aus Anno 1701, daneben sein größeres Pendant aus dem Nachfolger. „Monumentalität“. Keiner vermisst ein Ausrufezeichen, es denkt sich sowieso jeder dazu.

„Wir wollen dem Spieler das Gefühl geben, wirklich monumentale Städte und Bauten zu errichten, nicht einfach nur Siedlungen“, wird das Konzept dahinter beschrieben. Gleichsam wolle man sich dadurch zu dem Konkurrenten aus mittlerweile eigenem Hause abgrenzen.

Wie der Name schon sagt, geht es bei Blue Bytes „Siedler“-Reihe um das Schicksal der kleinen Wusler, der Warenproduktion und deren Kreisläufen. Anno teilt zwar bestimmte Facetten dieses Prinzips, „bei uns geht es aber eher darum, riesige Städte aufzubauen, um damit auf politischer Ebene den Bedürfnissen seiner Bewohner nachzukommen.“

Um diese Städte entsprechend glaubhaft darzustellen, wolle man sich von dem kantigen Look des Vorgängers verabschieden. Die scheinbar EU-normierte Parzellen-Anordnung der Gebäude im Vorgänger weicht einer „krummen und schiefen“ Platzierung, bei der die Hauswände gewissermaßen „natürlich zusammenwachsen“, wie man es von den Altstädten europäischer Citys kennt. „Europäisch“ liefert sogleich das Stichwort zum nächsten Kapitel, denn: Wir sind nicht mehr allein…

Anno 1001 Nacht

Was sich im Addon „Der Fluch des Drachen“ mit dem asiatischen Gegenspieler bereits angekündigt hat, wird in Anno 1404 endgültig Wirklichkeit: Die Serie erhält eine zweite Fraktion. Im Laufe der Kampagne wird der Spieler in die Welt des Orients vorstoßen und dort gar wundersame Dinge entdecken.

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Der Orient bildet die neue Fraktion im Anno-Universum.
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„Zu jener Zeit war der Orient in vielerlei Hinsicht dem Okzident voraus“, gibt Christopher Schmitz eine plausibel klingende Begründung für die Entscheidung zur Umfelderweiterung. „Um im Spiel weiterzukommen, muss der Spieler mit dem Orient handeln, viele Dinge von ihnen lernen, bis er dann in der Lage ist, selbst orientalische Städte und Siedlungen zu errichten.“ Anno 1404 ist demnach auch ein Spiel der kulturellen Annäherung.

Das hier beschriebene Schema ist im Übrigen verbindlich: Man wird sich nicht zu Beginn für eine der beiden Fraktionen entscheiden können, sondern erst nach einiger Zeit die neue Kultur kennen lernen. Obwohl der Orient gänzlich andersartige Gebäude, Produkte und selbst eine eigene Farbgebung für sich verbuchen kann, ist er in vielerlei Hinsicht als Spiegelbild der eigenen Partei entworfen: Die Funktionen der Gebäude unterscheiden sich, die Mechanik dahinter bleibt weitest gehend dieselbe.

So wachsen statt Salat- und Kohlköpfen eben Mandelbäume auf den Feldern, und statt Schweinen werden Ziegen geschlachtet. Um der Dürre in der Wüste Herr zu werden, baut der Spieler Bewässerungsbrunnen, sobald er die purpurfarbenen Blätter seiner Mandelblüten welken sieht, und auf dem Basar treibt er Handel mit Waren, die er selber – anfangs - nicht produzieren kann.

Mit wehenden Fahnen

Gerade auf eben erwähntem Basar sind die Vorteile der komplett neuen Engine von Anno 1404 gut zu erkennen: Die eigens entwickelte Windsimulation lässt nämlich nicht nur die Äste der Bäume sich sanft hin und her wiegen, sondern animiert auch das Windspiel in Stoffen und Tüchern. Besonders eindrucksvoll wirkt dies in den Segeln der mächtigen Segelschiffe.

Was nur noch von der Grafikpracht eine Etage tiefer getoppt wird: die Wassereffekte nämlich, die nun komplett dreidimensional berechnet werden. Ein dahin schnellendes Schiff bricht nun in realistischer Weise durch die Bugwellen und zieht eine sich deutlich abzeichnende Wasserrinne hinter sich, deren Wellenfront sich erst in der Ferne an einer Felsküste bricht.

Die Entwickler versprechen volle Kraft voraus in die DirectX10-Ära. Im jetzigen sehr frühen Pre-Alpha-Build sind die Unterschiede zum Vorgänger zwar nur bei direkter Gegenüberstellung erkennbar, doch gehen wir davon aus, dass die „Monumentalität“ am wenigsten vor den Grafikkarten unserer Rechner Halt machen wird. Trotz der angepeilten High-End-Grafik versprechen die Entwickler jedoch eine ausreichende Skalierbarkeit, um auch Gelegenheitsspielern mit schwächeren Rechnern ein flüssiges, aber auch schönes Spielerlebnis zu ermöglichen.

Denn schließlich soll das neue Anno zahlreiche unterschiedliche Spieler zusammenbringen. Zwar dürfen die Entwickler über den Multiplayer-Modus noch nichts verraten, doch wurden bereits umfangreiche Community-Features angekündigt. Diese bieten unter anderem die Möglichkeit, Screenshots seiner Siedlung im Web zu veröffentlichen, aber auch durch bestimmte erfüllte Ziele Achievements zu erlangen und sie jedermann mitzuteilen.

Apropos „Community“: Einen weiteren großen Kritikpunkt aus den Reihen der Fans will man sich für den Nachfolger vorgenommen haben. Das Kampfsystem hat sich mit dem Spielprinzip nicht vertragen. „Die militärischen Aktionen waren zu kurzfristig angelegt, zu actionreich“, so das Fazit. „In Anno 1404 wird es anders.“ Und wie genau? Nun: apropos „nichts verraten“…