Ich habe nie eine Carrera-Bahn besessen. Ich habe nie wirklich überhaupt mit Autos gespielt. Der Grund: weil ich doof bin. Autos sind cool, das weiß jedes Kind, und wenn sie sich quasi magisch über zuvor selbst zusammengesteckte Bahnen hetzen lassen, steigert das ihre Coolness nochmals exponentiell. Heute machen wir etwas leicht anderes als unsere üblichen Game- und Film-Reviews: Wir erzählen euch von unserer Erfahrung mit der App-gesteuerten Rennbahn Overdrive von Anki.

Der Bezug zu "normalen" Games ist durchaus gegeben, und das mehr, als man es erwarten würde. Jeder Außenstehende, dem ich von Overdrive erzähle, reagiert auf dieselbe Weise. Erst gespielte Aufmerksamkeit. Dann anerkennendes Nicken. Und anschließend ungläubige Blicke, skeptisches Staunen. Wenn ich erzähle, was Overdrive kann oder zumindest anstrebt, dann ist das grundlegende Maß an Anerkennung ziemlich hoch.

Versuchen wir doch mal, ob das auch bei euch klappt. Overdrive verfolgt einen modularen Ansatz: Zum Zeitpunkt, an dem ich diesen Text schreibe, gibt es sechs Fahrzeuge und ein ganzes Areal an Geraden, Kurven, Sprungschanzen, Crashkreuzungen und derlei mehr. Das Prinzip beim Aufbau ähnelt stark dem alten Stecksystem bei Carrera und Konsorten, technisch ist es aber bei Overdrive genau umgekehrt: Nicht die Bahn wird mit Strom versorgt, sondern die Autos haben einen Akku – und mehr ist gar nicht nötig. Ansonsten braucht man nur noch sein Smartphone oder Tablet, um loscruisen zu können.

"Ja, toll, also sind es bloß ferngesteuerte Autos, die man auf überteuerten Plaste-Scheiben hintereinander herjagt! Abzocke!", mag jetzt so mancher denken, und falls ja: Sehr artikuliertes Motzen, anonymer Internetnutzer, chapeau! Stimmt aber tatsächlich nicht. Vielmehr arbeiten die Strecken und Autos mit Sensoren, die den kleinen Flitzern erlauben, die Strecke und ihre Möglichkeiten bzw. Erfordernisse selbstständig zu erkennen. Das sieht alleine schon gut aus, wenn die Autos hintereinander her die Strecke abfahren und alle an der gleichen engen Kurve oder diesem einen Sprung scheitern. Aber sie scannen nicht nur, sie lernen auch: Beim nächsten Mal wird für die Kurve gebremst oder vor dem Sprung beschleunigt.

Anki Overdrive - App auf die Rennbahn!

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Die Strecken lassen sich ganz nach Belieben zusammen bauen.
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Der erste große Punkt, der an Overdrive gelobt werden muss, sind die Strecken und ihr Aufbau, der wortwörtlich kinderleicht ist. Die trügerisch dünnen und flexiblen Segmente (im Starterkit erst einmal vier Geraden und sechs 90-Grad-Kurven) schnappen nahezu nahtlos und ohne jede Krafteinwirkung über kleine magnetische Laschen aneinander und sind beim Abbau genauso schnell wieder getrennt. Wer weiß, wie viel Aufwand gerne im Auf- und Abräumen größerer Gadgets und Spielzeuge steckt, wird das sehr zu schätzen wissen. Dadurch, dass sie so leicht sind, ist auch der etwaige Transport keine große Herausforderung.

Autos, Waffen, Crashs - ist das Carmageddon?!

Bereits aus den im Starterset enthaltenen Streckenabschnitten kann man acht Streckendesigns basteln, und eine echte Obergrenze gibt es de facto nicht – vorausgesetzt, man ist bereit, mehr in zusätzliche Streckensets zu investieren. Neben besagten Sprungschanzen und Crash-Kreuzungen (inklusive Stützen, um Abschnitte der Strecken zu heben) gibt es auch Elemente wie Leitplanken und Steilkurven, wobei man gewisse Elemente auch durch Improvisation ersetzen kann – ob eine offizielle Plaste-Stütze meine Unterführung hält oder doch eher eine eigens zusammengebastelte Konstruktion, ist Overdrive herzlich egal. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, außer eben der finanziellen, und mit Einfallsreichtum oder etwas Google-Suche bastelt man ganz einfach sehr tolle Strecken – zur Not mit der Hilfe der Eltern. Ja, unsere Eltern arbeiten mit uns bei gamona, was kümmert euch das?!

Ist die Strecke errichtet, setzt man die für das Match gewählten Autos auf die Straße, dann wird gescannt und der Weg in der App gespeichert. Man lenkt, eine Parallele zu früher, also nicht selbst. Durch Drehen des Smartphones kann man, angelehnt an ein echtes Lenkrad, die Spur wechseln, ansonsten gibt oder nimmt man Gas... und benutzt seine Items und Waffen. Dabei liegt ja nach Spielmodus der Fokus auf der Strecke ein bisschen anders. Es gibt Zeitrennen, King-of-the-Hill - wer in Führung bleibt, kriegt Punkte - und ein einfacher Rennmodus, in dem es darum geht, schneller als die Feinde eine Anzahl Runden zu absolvieren. Aber vielleicht am unerwartetsten ist der Battlemodus des Spiels, in dem man die anderen Autos mit seinen Waffen aus dem Weg zu räumen versucht.

Und das ist meist der Punkt, an dem die Zuhörer stutzen und erstmals eingestehen, dass Overdrive ein paar Dinge kann, die so eben doch nicht ganz üblich sind. Ob man nun menschliche Gegner neben sich sitzen hat oder gegen eine KI fährt (was noch einen Unterschied zu den üblichen Autorannbahnen darstellt), ein paar Dinge erinnern immer ein bisschen an nicht ganz so ernste Racer wie Mario Kart mit ihrem abgedrehten Waffenarsenal. Eindeutig auch ein Grund dafür, dass wir uns auf gamona dem Teil überhaupt widmen. Das, und weil wir es unbedingt spielen wollten. Verklagt uns doch.

So hat Anki Overdrive tatsächlich eine kleine Kampagne, in der man nacheinander großkotzige und, in der deutschen App, eher leidlich gut eingesprochene Charaktere plattmacht. Das ist eine schöne Alternative zu den "normalen" Matches und führt einen durch das sukzessive Freischalten neuer Elemente langsam und gut in Overdrive ein. Denn es gibt prinzipiell viel zu entdecken. Nicht nur drei exklusive Ausrüstungsgegenstände für jedes der sechs Autos, auch passive Boosts für ihre internen Statuswerte und Level-Ups. Ja, das Spiel hat Rollenspielelemente. Ziemlich cool.

Anki Overdrive - App auf die Rennbahn!

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Die KI-Gegner sind gar nicht mal schlecht und fahren merklich unterschiedlich.
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Die Kampagne bietet außerdem die Möglichkeit, ein paar lustige gescriptete Momente zu nutzen, um damit zu prahlen, was Overdrive so kann. Da gibt es etwa den Roboter, gegen den man im Tutorial antritt, der plötzlich eine Fehlfunktion hat. Dann heult gleichzeitig aus dem Smartphone "WhoaOaoaOh!" und sein Auto dreht sich wie bescheuert vor uns auf der Piste. Wenige Rennen später kann der arrogante Anführer der örtlichen Racing-Gang seine Niederlage nicht hinnehmen und aktiviert einen Superboost, der sein Auto wie von der Hornisse gestochen von der Piste rasen lässt. Wehe den Spielern, die die Strecke neben einem offenen Kamin aufgestellt haben. Was allerdings sowieso keine gute Idee ist, dazu später mehr.

Ganz ohne Waffen- UND Führerschein!

Die Waffen und Items sind ebenfalls konzeptionell ziemlich cool eingebaut. Natürlich werden nicht tatsächlich Plasmakanonen und Gatlings auf der Strecke eingesetzt, aber die Waffenbenutzung ist vom Effekt her merklich unterschiedlich und auch weitgehend visuell nachvollziehbar: Schießt ein Auto eine Waffe ab (je nach Art nach vorne oder auch nach hinten), blinkt dessen Front und der Getroffene leuchtet auffällig auf. Die Wirkung ist höchst unterschiedlich: Ein Flammenwerfer trifft nur in einem kleinen Radius vor dem Auto, richtet aber gewaltigen Schaden an. Präzise Einzelschusswaffen wollen auf große Distanz eingesetzt werden, wenn man direkt hinter dem Feind ist. Ein Schnellfeuergeschütz hingegen haut einfach permanent Salven raus, muss dafür deutlich öfter treffen bis...

...tja, bis was eigentlich? Die Autos werden ja schlecht auf der Strecke explodieren. Es ist so: Trifft man den Feind hinreichend, wird er kurzzeitig lahmgelegt, sodass man einen gewaltigen Vorsprung gewinnen kann. Imm Battlemodus dreht sich alles komplett um Abschüsse, sodass die richtige Wahl der Waffen und Gadgets einen wirklichen Unterschied macht.

Leider haben die Waffen und Gadgets ihre Grenzen. Dass es keine wirkliche optische Repräsentation der Waffen gibt, wird spätestens bei Elementen wie Minen auf den Strecken ärgerlich, denn wie soll man denn wissen, wo die Biester sind? Und es funktioniert nicht alles so gut, wie es sollte. Wenn mein Wagen eine kreisrunde Schockwelle um sich erzeugt, klappt das gut. Aber recht früh hatte ich ein Gerät mit dem wundervollen Namen "Crazy Ivan", das mir eine extrem scharfe 180-Grad-Wendung erlaubt, um Feinde hinter mir zu beschießen. Das Ergebnis war sehr unbeständig. Mal drehte sich mein Wagen zu schnell wieder um, manchmal machte er auch einfach direkt eine Wendung um 360 Grad, sodass ich gar nichts gewonnen hatte. Andermals funktionierte das Feature wieder prima und ich konnte wirklich Geisterfahrer spielen. Verlässlich ist allerdings anders.

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Trotz einiger Macken machen die Rennen ziemlich Laune.
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Auch darüber hinaus wird Overdrive in seiner jetzigen Version von ein paar Gremlins heimgesucht. Die Kontrolle des Gaspedals ist bei solchen Bahnen nie leicht, doch die Karren in Overdrive fliegen schon eine Spur zu gerne aus der Kurve, sodass man idealerweise neben den Spielern noch jemanden neben der Bahn haben sollte, der etwaige abgezischte Kontrahenten wieder zurück auf die Strecke setzt – daher auch die anfängliche Bemerkung, man möge Overdrive bloß nicht neben einem eventuellen Kamin und dem Weihnachtsbaum aufbauen. Die Autos, das sollte man erwähnen, sind schön robust, halten einiges aus und gehen auch bei ruppigem Umgang nicht schnell kaputt. Doch alles hat seine Grenzen und ein Kaminfeuer gehört da eindeutig zu.

Vom Smartphone zum Kartphone

Womit wir zu der App kommen, die zum Zeitpunkt dieses Artikels sehr verbesserungswürdig ist, was das Matchmaking angeht. Wir hatten immense Schwierigkeiten, zwischen unseren Smartphones eine Wi-Fi bzw. Bluetooth-Verbindung herzustellen, sowohl zwischen Android-Geräten als auch mit einem weiteren iOS-Smartphone. Die minimalistische Oberfläche und Lobby dient sicher der generellen Übersichtlichkeit, gab uns allerdings keinerlei Informationen darüber, was nicht funktionierte oder welche Schritte zur Verbindung nötig wären. Die Hilfe-Funktion der App, die äußerst grob gehalten ist, ist ebenfalls ein Schuss in den Ofen. Mag ja sein, dass sich Overdrive an ein jüngeres Publikum richtet, aber gerade da wäre es wichtig, alle nötigen Infos leicht auffindbar zu machen, sonst braucht es direkt wieder die Eltern neben einem.

Solche Mängel in der Nutzbarkeit geben insbesondere zu denken, wenn man auf das Preisschild guckt. Das absolute Minimum, was man zum Spielen braucht, ist das schon erwähnte Starter-Kit, das zwei Autos nebst aller nötigen Elemente (eine Ladestation und ein Reinigungsgerät für die Reifen) sowie vier Geraden, sechs Kurven und ein paar Stützen für Brückenpfeiler beinhaltet. Mit den erwähnten Segmenten ergeben sich acht potentiell baubare Strecken. Das alles kostet knapp 180 Euro – kein Geld, das man normalerweise leichtfertig ausgibt. Das größte derzeit auf der Webseite angebotene Bundle geht mit nahezu 620 Euro an die Brieftasche – und selbst das beinhaltet, wenn auch viele Streckenteile, noch nicht einmal alle Autos, sondern nur zwei der (momentan) vier zusätzlichen Flitzer.

Das alles ist happig. Letztendlich ist es immer noch ein Spielzeug. Und ein Spielzeug sollte eine gewisse Preisgrenze nicht übersteigen – erst recht nicht, wenn noch nicht alle Macken ausgebügelt sind. Für 620 Euro kann ich mir problemlos ein Go-Kart besorgen und dann im Garten meiner Villa meinen Butler jagen – warum dann so viel Geld für diese Bahn ausgeben? Wenn die Entwicklung so teuer gewesen sein sollte, ist das Teil seiner Zeit vielleicht noch eine Spur voraus.

Wenn man es dann aber hat und alles funktionieren sollte, kann man unleugbar einen Riesenspaß mit seinen Freunden haben – oder, je nach Gesinnung, mit dem Teil dreimal spielen und es dann einstauben lassen. Wir bereuen unsere Zeit mit Anki Overdrive jedenfalls nicht, aber unsere Empfehlung ist momentan doch eine eingeschränkte.