Ich ärgere mich. Sollte ich nicht, aber ich tue es, weil mir zu Herzen geht, was aus Harmonix geworden ist. Einen Test wie diesen zu schreiben, grenzt an Masochismus. Jede Zeile fühlt sich an, als würde ich mir selbst in die Nieren boxen. Um die Tortur komme ich aber nicht herum, weil Amplitude nur wenig von dem einhält, was die Macher versprechen.

Wir alle tragen verzerrte Erinnerungen mit uns herum. Wir assoziieren, weil wir positive Gefühle mit gewissen Ereignissen verknüpfen. Zum Beispiel die Erfahrung mit Amplitude und seinem Quasi-Vorgänger Frequency. Beides Spiele aus dem Hause Harmonix, die in der PlayStation 2-Ära neue Akzente im jungen Genre der Musikspiele setzten und Begeisterung entfachten. Was bei solchen Erinnerungen manchmal verloren geht, ist der eigentliche Grund für den Gefühlsausbruch. So dolle aufregend ist der Spielablauf nämlich nie gewesen.

Amplitude für PlayStation 4 ist kein per se schlechtes Spiel, aber es verfehlt sein Ziel. Vereinfacht ausgedrückt geht es um eine Art Guitar Hero mit Controller-Steuerung, wenn auch mit elektronischer Musik unterlegt und ein paar zusätzlichen Feinheiten im Spielsystem. Es unterscheidet sich allerdings in einigen Aspekten ungemein von seinen Vorgängern, was teilweise der Marktlage zuzuschreiben ist.

Amplitude war anno 2003 ein ziemlich avantgardistisches Spiel. Elektronische Musik aus der Indie-Sparte, psychedelische Aufmachung und geradlinige Spielerfahrung befriedigten das verlangen nach einer audiovisuellen Alternative zum üblichen Genre-Einerlei. Insbesondere bei den Musikspielen, deren Eltern noch in den Nachwehen lagen und abseits gewisser Ausnahmen als Freakware abgehandelt wurden. Parappa the Rapper, Vib Ribbon und Space Channel 5 mögen als Alternativen anerkannt worden sein, aber für die Szene prägend waren damals Japano-Knaller der Marke Beatmania. Deren schrille Soundtracks und hohen Anforderungen schreckten westliche Spieler ab.

Amplitude - Nette Beats auf dünnem Aufguss

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Lasst euch nicht von dem Raumschiff im Vordergrund verwirren, die drei Kreise davor sind viel wichtiger.
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Wissend um den Fehler im Design, versuchte Harmonix den Grundgedanken zu verwestlichen. Mit Erfolg. Amplitude brach das unübersichtliche Beatmatch-System eines Beatmania in Einzelspuren für jedes hörbare Instrument herunter und tischte die zugehörigen Notensymbole in dreidimensionaler Ansicht auf. Anderweitig ging es um dasselbe wie eigentlich immer in diesem Genre: Man versuchte, vorgegebene Notensymbole rhythmisch korrekt abzuklopfen, auf dass die Musik in Hintergrund ertönt.

Tunnelblick

Der größte Unterschied im Vergleich zu Guitar Hero oder Rock Band liegt in der Aufteilung der Songs in feste Checkpoints, die nochmals in kleinere Segmente unterteilt werden. Wurden in einer Spur (zum Beispiel den Drums) ein paar Noten am Stück korrekt getroffen, so hat man einen Abschnitt bewältigt und der Rest der Spur verschwindet bis zum nächsten Einsatzpunkt. Will man kontinuierlich Punkte sammeln und den Multiplikatorwert oben halten, so muss man augenblicklich auf eine andere hörbare Musikspur wechseln – zum Beispiel auf den Gesang.

Packshot zu AmplitudeAmplitudeErschienen für PS3 und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Noten zu verpassen senkt im ersten Augenblick nur die Punkteausbeute. Allerdings muss man zum Passieren der übergeordneten Checkpoints einen gewissen Multiplikatorwert halten, daher werden Ausfälle umso kritischer, je näher man diesen Checkpoints kommt. Kurzzeitige Hilfestellung gewähren lediglich zu verdienende Power-ups des Typs Zeitlupe, Bahn-Abräumer oder Freeslye-Einlage.

Amplitude - Launch Trailer

Klingt bestimmt nicht schlecht, wenn man das so liest. Ist aber unglaublich rückständig, wenn man es mit den vielen anderen Musikspielen vergleicht, die nach 2003 das Licht der Welt erblickten. Mitunter ebenfalls im Hause Harmonix. Zum Beispiel Rock Band Blitz. Funktioniert beinahe genauso, reduziert die Positionen möglicher Noten allerdings von drei auf zwei und geht großzügiger mit den Checkpoints um. Tia, warum wohl? Klar: Damit man mehr Spaß an der Musik hat, schließlich fällt das punktgenaue Wechseln der Instrumentenspuren schon schwer genug aus. Im höchsten der vier Schwierigkeitsgrade braucht man irre Reflexe.

Schon erstaunlich. Wenn man genau hinschaut, ist Rock Band Blitz eine ziemlich schlau aufgemotzte Variante von Amplitude, die nicht nur spielerisch besser funktioniert, sondern auch grafisch erheblich mehr auf dem Kerbholz hat. Nun gut, jetzt haben die vielen Backer auf Kickstarter für ein waschechtes Amplitude bezahlt und nicht für Rock Band Blitz. Meinetwegen. Aber das heißt doch nicht, dass man das System nicht erweitern und verbessern könnte, und sei es nur optisch.

Amplitude - Nette Beats auf dünnem Aufguss

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Amplitude spielt sich wie ein Guitar Hero ohne Instrument. Dem grundsoliden Spielaufbau fehlt vor allem eine zündende Idee für die Präsentation.
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Nein, keine Chance. Gemessen an dem, was PlayStation 2 damals und PS4 heute grafisch auf die Reihe bekommen, sieht das neue Amplitude deutlich schlechter, ja langweiliger und unspektakulärer aus als sein Vorgänger. Ein klein wenig vom psychedelischen Touch ist noch immer erhalten geblieben, insbesondere durch die (anderweitig recht trockenen) Menübildschirme, die verraten, dass es um eine Reise durch das Gehirn einer Patientin geht. Innerhalb der Spielabschnitte ist dagegen große Langeweile angesagt. Hier ein wenig Licht, da ein wenig Schatten, da ein Gitter und dort ein Strahl. Eine ausgefeilte Präsentation findet nicht statt, man kann ja schon froh sein, dass die Notenspuren im Lichtschein glänzen. Wirklich erstaunlich, wie wenig Mühe hinter dem Konzept steckt, das noch im letzten Moment über die Crowdfunding-Mindestgrenze geschleift wurde.

Kann mir jemand mal erklären, warum es hier dringend eines Remakes bedurfte? Ich komme nicht drauf.Fazit lesen

Gäbe es wenigstens auf musikalischer Seite etwas Aufregendes zu vermelden, so fiele mein Urteil sicher milder aus. Aber auch in dieser Kategorie bleibt Amplitude unspektakulär, ja sogar erschreckend konservativ. Erfüllt wird das Mindestmaß; da steckt kein Mut, keine Überzeugung in der Auswahl. Die Musik soll niemandem weh tun. Mission erfolgreich.

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