




Ich mag Obsidian. Und ich mag ihr erstes eigenes Baby, das in vielen Bereichen mutige Akzente setzt, sogar mehr als BioWare, das aber auch sehr viele Kinderwehwehchen durch die weltweite Verschwörung buckelt. Mich stört nicht mal die karge, leblose Kulisse, die selten ein Gefühl von Natürlichkeit erweckt, auch nicht das kümmerliche Animationsgerüst der Gegner oder das des schleichenden Thortons. Und auch nicht die Unreal-typischen Ladeverzögerungen der Texturen oder die Sterilität der Innenräume, in denen weder Stuhlbeine noch Tische Schatten werfen – das kann man alles irgendwie verkraften, wenn die inneren Werte stimmen.
Doch dann greifen die Gegner mit ihrem Verhalten immer wieder tief in den Idiotentrog: Es darf einfach nicht passieren, dass ich einen von ihnen lautstark von hinten überrumpele und seine beiden Kollegen im selben Raum (!) nicht mal mit der Wimper zucken. Es darf auch nicht passieren, dass sie Granaten ohne Ausweichbewegungen über sich ergehen lassen und sogar deppenhaft in die Flammen einer Brandbombe tapsen. Die Illusion einer glaubhaften Welt zerstört Obsidian mit der fehlerhaften KI einfach einen Tick zu oft, als dass ich mich restlos begeistert in den nächsten Einsatz stürzen kann, zumal sich die konventionellen Schießereien zu kraftlos anfühlen.
Aber im nächsten Moment packen sie mich wieder und zeigen, was mit Entscheidungen und Konsequenzen in Zukunft möglich ist: Ihr wollt mit einer endlosen Kette aus kleinen und großen moralischen Zwickmühlen einen dritten Weltkrieg verhindern? Ihr wollt frank und frei vom kecken zum charmanten zum aggressiven oder witzelnden Agenten werden? Ihr wollt mit eurem Verhalten in vor Brisanz triefenden Dialogen aktiv Einfluss darauf nehmen, ob mysteriöse Ex-Stasi-Sexbomben mit einem Kopfschuss oder als Bettintermezzo enden? Ihr wollt euch durch ein Sammelbecken ideologischer und politischer Gegensätze hangeln und jede einzelne Entscheidung spüren? Dann müsst ihr Alpha Protocol eine Chance geben.
Es ist ein Spiel, das mich bis zum Finale zum Richter über Wohl oder Wehe erhebt und damit eine Marschrichtung vorgibt, die nicht nur dem Agentenerlebnis im Besonderen, sondern dem Genre im Allgemeinen tierisch guttut. Eines, das eindrucksvoll demonstriert, wie wertvoll ein Händchen für Charaktere, Dialoge und verworrene Beziehungen sein kann. Trotz all der ärgerlichen Schwächen hat mich Michael Thorton mit seinem Abenteuer bis zum Ende gut unterhalten.
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Weitgehend karge Kulissen mit sterilen Innenräumen, sehr aufdringlichen Texturnachladewehwehchen und wenig Auge fürs Detail. Bis auf die guten Gesichtsanimationen in den Dialogen und einige kleine Lichtblicke in Sachen Levelgestaltung muss sich Alpha Protocol den Vorwurf gefallen lassen, eins ganz besonders zu sein: technisch ziemlich überholt.
Markante englische Sprecher (vor allem Michael klingt in jeder Situation super), die ihren Job sehr gut erledigen. Auch die Musikkulisse ist abwechslungsreich und meist klasse aufs Agententhema zugeschnitten – bei den Effekten hat man hingegen ein bisschen gespart.
Viele Entscheidungen mit Auswirkungen auf den Spielverlauf – prima! Aber die reine Missionsstruktur fällt sehr geradlinig aus, es gibt kaum Raum zum Stöbern und Erkunden; viele KI-Fehler; kaum etwas zu tun zwischen den Missionen; Schleichen wenig reizvoll.
von SEGA, Obsidian EntertainmentGenre: Action, RollenspielPC, PS3, XBox 360: 28.5.2010Offizielle WebseiteFreigegeben ab 16 Jahren
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