Jeden Morgen, während ich in Überschallgeschwindigkeit zu meiner Haltestelle rase, um meine Bahn nicht zu verpassen, laufe ich an einem heruntergekommenen Stück der Berliner Mauer vorbei. Allerdings lässt sie mich, anders als viele andere, nicht in eine vergangene Zeit zurückreisen - als ich geboren wurde, war die Mauer längst gefallen. Ich habe keinerlei emotionale Verbindung zu diesem großen Stück Stein. Den Entwicklern von All Walls Must Fall geht es da anders: Als waschechte Berliner haben sie ein Tech-Noir-Spiel entwickelt, in dem die Mauer nie fiel.

All Walls Must Fall - Kickstarter Trailer

Berlin 2089. Der eiserne Vorhang hat bis heute Berlin in zwei Hälften geteilt, der Kalte Krieg fand in dieser Realität kein Ende. Bis jetzt. Ein Lichtblitz, eine Explosion, vor euren Augen wird Ost-Berlin in Schutt und Asche gelegt. Aber ihr habt einen Vorteil: Ihr seid ein zeitreisender Agent, werdet um zehn Stunden in der Zeit zurückgeschickt. Eure Mission? Die Explosion verhindern und erfahren, was wirklich in dieser Stadt passiert.

Eure ersten Anweisungen lauten ein bestimmtes Ziel auszuschalten, Dragan Müller der Name. Was Dragan verbrochen hat wisst ihr nicht, aber die Stimme in eurem Ohr wird wohl Recht haben. Also begebt ihr euch in den ersten von vielen Berliner Schwulenclubs (Ja, auf das letztgenannte Detail legen die Entwickler sehr viel wert) und versucht eure Aufgabe zu erledigen.

All Walls Must Fall - Was wäre, wenn die Berliner Mauer nie gefallen wäre?

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Bewegen, Deckung suchen, schießen - Strategie-Fans kennen diesen Rythmus
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Wer schon einmal XCOM gespielt hat, der wird sich bei All Walls Must Fall total wohlfühlen: Auf einem brettspielartigen Raster schleicht ihr durch die jeweiligen Clubs von Raum zu Raum. Hier stellt sich aber vor allen Dingen die Frage nach dem wie: Wie kommt ihr in den Club hinein? Wie kommt ihr durch verriegelte Türen? Was tun, wenn euch jemand nicht vorbeilassen will? Hier bietet das Spiel viel Raum zum Experimentieren. Mal könnt ihr versuchen den Türsteher zu bezirzen oder ihm einreden, dass ihr ein Veteran seid, der seinen Arm bei der Rettung eines Kindes verlor. Dank sehr schön formulierter, wenn aktuell auch etwas repetitiver Antwortmöglichkeiten könnt ihr eure Gegner auf verschiedene Arten überzeugen. Auch könnt ihr Türen mit Brachialität oder per Hack öffnen, letzteres kostet eine Zeit-Ressource, die ihr euch gut einteilen müsst.

Redekünste retten Leben

Meinen Lieblingsmoment hatte ich, als ich in einen Hochsicherheitsbereich eingedrungen und von einem Wachmann erwischt worden bin: Dank präziser und überzeugender Antworten konnte ich dem Herren in schwarz einreden, dass ich ein beauftragter Techniker sei und dass, wenn er mich nicht in Ruhe arbeiten ließe, er Ärger vom Chef bekommen würde. Diese Vorstellung flößte ihm so viel Angst ein, dass er mich einfach weiterziehen ließ. Sehr schön.

All Walls Must Fall - Was wäre, wenn die Berliner Mauer nie gefallen wäre?

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Nicht immer müsst ihr töten, manchmal muss man eben auch tanzen!
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Könnt ihr euch wider Erwarten nicht mit Worten durchkämpfen, bleibt nur noch der Schießbefehl. Dank verschiedener Waffen, die ihr im Verlauf der Kampagne in einem Shop mit erspielten Punkten freischalten könnt, ändert sich hier eure Vorgehensweise. Auch könnt ihr euch zwischen gezielten, möglichst tödlichen Angriffen und Warnschüssen entscheiden. Außerdem bewegen sich eure Gegner und ihre Kugeln nur, wenn ihr selber Aktionen durchführt. Ihr habt also Zeit, um euren nächsten Zug zu bedenken.

All Walls Must Falls liefert jetzt schon viele gute Argumente für Strategie-Fans mit Hang zu Politik. Wenn das finale Spiel konstant spannend wie innovativ bleibt, entsteht hier gerade eine Perle für das viel zu wenig bediente Genre.Ausblick lesen

Back to the Vergangenheit

Geht einmal alles schief, könnt ihr einfach die Zeit zurückdrehen. So werden Dialoge oder auch Schusswechsel komplett neu ausgespielt. Trickreiche Agenten können so versuchen an Informationen zu kommen, die Zeit zurückzudrehen, um dann die Informationen im Dialog zu nutzen. Das bereits erwähnte Zeit-Meter läuft allerdings konstant ab: Mit jeder Bewegung verliert ihr einen der maximal 500 Punkte, auch wenn ihr zu lange wartet um eine Aktion auszuwählen, kostet euch das wertvolle Ressourcen. Wenn ihr in schwierigen Situationen die Ruhe bewahren könnt, habt ihr immer genug Energie gespeichert. Nervöse oder impulsive Spieler hingegen kriegen hier schon schneller Probleme. Dahingehend ist All Walls Must Fall ziemlich realistisch, sind sehr schießwütige Spione doch meistens eher semi-erfolgreich in ihrem Berufsfeld.

Insgesamt liefert All Walls Must Fall besonders eines ab: Atmosphäre. Jeder Schusswechsel mit einem Gegner, selbst eine schlecht geführte Konversation kann schnell zu einer prekären Situation führen. Habt ihr keine Energie mehr um die Zeit zurückzuspulen, heißt es nach drei Treffern Game Over. So kommt, im Zusammenspiel mit der stetig spielenden Techno-Musik, eine bedrückende Stimmung auf, die nur wenige Stealth-Spiele übertreffen. Zwar konnte ich bislang nur wenige Ost-Klubs besuchen, im fertigen Spiel soll sich die Anzahl der Level jedoch glatt verdreifachen. Zudem sind diese Level zufällig generiert, wodurch sich auch der Wiederspielwert nach einem Game Over erhöht.