Arbeiten in der Spieleindustrie ist für viele ein Traumberuf. Sie glauben, sie könnten ihre Kreativität ausleben, Spaß haben und nebenbei noch mit ebenso lustigen und kreativen Menschen zusammenarbeiten. Dass meist das Gegenteil der Fall ist, wird den wenigsten bewusst. Das Magazin games.on.net deckte nun die Arbeitsbedingungen beim Entwicklerstudio Gameloft auf, die ganz und gar nichts mit Spaß und Kreativität zu tun haben.

Gameloft ist bekannt für eine ganze Palette an mobilen Spielen für Smartphones und Tablets. Der Entwickler beschäftigt über viertausend Mitarbeiter in etwa zwanzig Ländern weltweit und macht dabei mehrere Hundert Millionen Euro Gewinn. Damit gehört das Studio zu den größten in der Branche. Allerdings scheint der Blick hinter die Kulissen weit weniger glanzvoll zu sein. Das zumindest berichten Angestellte aus dem Gameloft-Büro in Auckland, Neuseeland.

Glenn Watson, ehemals leitender Programmierer bei Gameloft New Zealand, berichtet Erschreckendes aus seinem Arbeitsalltag:

„In manchen Wochen arbeitete ich zwischen 100 bis 120 Stunden pro Woche. Um 09:30 Uhr morgens anfangen, um 02:30 Uhr nach Hause gehen und am nächsten Morgen wieder um 08:30 Uhr im Büro sein, war nichts Ungewöhnliches. Es kam auch vor, dass ich um 23:30 Uhr vom Entwickler ins Studio gerufen wurde, nur um dann um 02:30 Uhr morgens wieder nach Hause zu können. Das war, nachdem ich vier Wochen lang 14-Stunden-Tage hinter mir hatte - Wochenenden inklusive - bis ich dann realisierte, dass ich kündigen musste.“

Glenn beschreibt die Arbeitsbedingungen bei Gameloft als „gefährlich“. Er geht davon aus, dass die Firma damit die neuseeländischen Gesundheits- und Sicherheitsgesetze verletzt. Der Druck, der auf die Mitarbeiter ausgeübt wurde, führte letztlich auch dazu, dass sie immer mehr Fehler machten. Aber das Management sah nicht ein, etwas an dieser Situation zu ändern. Die „inakzeptablen“ Arbeitsbedingungen wurden direkt von Gamelofts leitenden Management erzwungen. Glenn beschreibt eine Woche, in der das gesamte Team Überstunden machen musste, um ein Spiel für das französische Hauptquartier des Entwicklers in eine vorführbare Fassung zu bringen.

„Es war 23:30 Uhr nachts, alle waren seit 08:30 Uhr morgens da und sogar unserer zuverlässigsten Programmierer machten Fehler. Ich ging zum Mananger und und Chef-Entwickler des Studios und sagte ‚Hört zu, diese Jungs machen Fehler, sie sind müde und sie müssen nach Hause gehen‘, aber der Entwickler antwortete nur, dass sie jeden hier bräuchten und die Deadline muss erreicht werden. Später fand ich dann heraus, dass einer der Junior-Programmierer über 24 Stunden durchgängig im Büro war.“

Glenn glaubt, dass diese Fristen oft vom französischen Management des Entwicklerstudios falsch festgelegt wurden, um die Mitarbeiter dazu anzutreiben, einen konstanten Druck aufrechtzuerhalten. Er beschreibt verschiedene Situationen, in denen die Belegschaft Fristen gesetzt bekam, nur um dann nach Hunderten von Überstunden feststellen zu müssen, dass sie noch mehrere Wochen Zeit hatten, um das Projekt zu Ende zu bringen. Dieser Prozess wurde intern als „vergolden“ [„golding“] bezeichnet, bei dem den Mitarbeitern immer wieder erzählt wurde, dass man unterhalb der kritischen Zeitlinie lag, um Gold aus dem Spiel zu machen - es also soweit fertigzustellen, dass es veröffentlicht werden kann. Dieses „Vergolden“ wird wohl oder übel auch immer noch so betrieben.

Es scheint, als hätte man bei Gameloft Auckland massive Angst davor, dass das Studio geschlossen werden könnte. Aus diesem Grund versucht man alles um nicht nur die vorgelegten Abgabefristen einzuhalten, sondern sie auch noch weit zu unterschreiten. Man will die Fähigkeiten als Entwickler unter Beweis stellen und deswegen zwingt das Management die Angestellten dazu, unsinnige Fristen einzuhalten, damit die Produkte schnell entwickelt werden und man verhindert, dass da Studio geschlossen würde. Verschiedene Mitarbeiter teilten die Sorge, dass es vermutlich schon zu spät sei; sie sprechen von verpassten Abgabefristen, fallen gelassenen Projekten und bereiten sich schon auf den unausweichlichen Zusammenbruch vor.

Das Magazin games.on.net konnte ebenfalls herausfinden, dass das Studio in Auckland berühmt dafür war, Neulinge in der Branche anzustellen - eine Vorgehensweise die als eher sehr ungewöhnlich angesehen wird. Die Firma habe aber auch in der Branche den Ruf, gerade junge Mitarbeiter zu zermürben. Mit Ausnahme von Programmierern haben die Entwicklerstudios in Auckland und Korea allerdings derzeit einen Einstellungsstopp verhängt.

Die Entwicklerszene betreibt eine relativ ausgeprägte Kultur der Anonymität und die Mitarbeiter der Studios fürchten um ihre Jobs, wenn sie sich mit ihrem Namen bei Meinungsumfragen melden. Auch Glenn bekam die Möglichkeit, anonym zu bleiben - er lehnte das allerdings ab.

„Gameloft forderte mich dazu auf, mich dafür zu ‚entschuldigen‘, das ich das Studio verlasse und Anderen die Last meiner Arbeit aufbürde. Ich denke, die beste Entschuldigung, die ich abgeben kann, ist sicherzustellen, dass sie nie wieder diese beschissenen Arbeitsbedingungen durchsetzen können.“