DRM – manchmal sind es die kleinsten Abkürzungen, die den mit Abstand größten Ärger verursachen. Mit Maßnahmen des „Digital Rights Managements“ sollen die Nutzung und Verbreitung digitaler Medien kontrolliert werden. Dass „Kontrolle“ in diesem Fall auch soviel wie „Einschränkung“ oder gar „Verhinderung“ bedeuten könnte, haben die Spieler dieser Welt schon vor langer Zeit zu fürchten begonnen. Zu recht, wie sich nun zeigt – denn Ubisofts neuestes DRM-Verfahren „kontrolliert die Nutzung“ sogar so gut, dass nicht einmal die rechtmäßigen Käufer ihre teuer erkauften Produkte spielen können.

Denn der erwartete Riesenknall ist jetzt eingetreten: Die Ubisoft-Server sind inaktiv, Spiele können nicht gespielt werden. Die Gründe dafür sind bislang nicht gänzlich geklärt, aber die Idee, dass Ubisoft ein System entworfen hat, das funktionierende Onlineserver voraussetzt, diese aber nicht bieten kann, trieft vor so süßer Ironie, dass wir fast Diabetes kriegen. Ubisoft selbst, natürlich, schiebt es auf irgendwen, als wäre es irgendwie besser, wenn jemand von außen das narrensichere, wasserdichte System geknackt oder gehackt hätte.

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Das weise Orakel des google-Autocompletes sagt: Die meisten Leute, die nach „DRM“ suchen, tippen gleich noch das Wort „entfernen“ hinterher. Und wer kann es ihnen verdenken? Als Ubisoft gegen Ende 2009 ankündigte, dass es eine neue Variante des Digital Rights Managements bei allen künftigen Titeln einsetzen würde, waren die Reaktionen noch verhalten. Als Anfang 2010 die Details zu dieser neuen Art des Kopier- und Benutzungsschutzes bekannt wurden, war der Aufschrei groß: Künftig müsse man zum Genuss sämtlicher Ubisoft-Spiele am Rechner permanent online sein und eine Verbindung zum Ubisoft-Server haben.

Ubisoft und Assassin's Creed - Der reinste Murks: Ein Kommentar zum DRM-Skandal

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Silent Hunter 5 sollte das erste Opfer des DRM werden, wenngleich nicht das am meisten beachtete.
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Unweigerlich stellten sich der Community einige natürliche und sehr berechtigte Fragen: Was, wenn der Server ausfällt? Was, wenn mein Provider streikt? Was wird in 10 Jahren sein, wenn ich vielleicht aus Nostalgie mein altes Spiel noch mal zocken möchte? Und was machen die wenigen Unglücklichen, die aus dem einen oder anderen Grund keinen Zugang zum Internet haben? Alles kluge Fragen, auf die Ubisoft sogleich schmeichelnde Antworten parat hatte: es würde nicht passieren, man sei ja wer, man fände Lösungen etc pp.

Die ersten Titel dann, die mit dem neuen DRM ausgestattet werden sollten, waren das nicht ganz so heiß erwartete Silent Hunter 5, eine U-Bootsimulation, die erwartungsgemäß verbuggter war als ein durchschnittlicher Urwald, und die PC-Version von Assassin’s Creed II, das, sagen wir es vorsichtig, doch schon ein bisschen ungeduldiger ersehnt wurde.

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Ezio ergeht es seit kurzem auch nicht gut.
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Die Erklärung für diese radikalen neuen Maßnahmen war denkbar einfach, man wollte der Piraterie ein für alle mal einen Riegel vorschieben und, auch das gab man offen zu, die Menge der User, die ein und dasselbe Spiel im Laufe der Zeit nutzten, einschränken. Durch die Authentifizierung, die das neue DRM erforderte, und die sich immer weiter verbreitende Seuche des kostenpflichtigen DLCs, der einem häppchenweise neue Kleinigkeiten als vollwertige Inhalte verkauft (vor allem solche, die eigentlich schon im Release enthalten sein sollten), sollte zum Beispiel der Weiterverkauf und Secondhand-Markt eingeschränkt werden. Und „eingeschränkt“ ist hierbei Corporation-Speak für „ausgemerzt“.

Nieder mit der Piraterie

Unknackbar. Kein geringeres Prädikat drückte man dem neuen System auf, sicherer denn je, diesmal würden sich die Piraten die Zähne ausbeißen. Um sicherzugehen, dass dem auch wirklich so sei, ging Ubisoft sogar etwas weiter, als sie öffentlich angegeben hatten: Selbst eine Deaktivierung des Netzwerkadapters während des Spielens war nicht mehr möglich, ein Eingriff, der schon recht unorthodox ist. Doch alles für das große Ziel, alles für die Sicherheit und Unterbindung der Piraterie, es lebe Ubisoft, es lebe das neue DRM!

Am 2.3.2010 erschien Silent Hunter 5, das erste Spiel mit dem neuen DRM. Einen Tag später war es geknackt.

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Wuseln? Ja gerne, sofern bei eurer nächsten Partie Siedler 7 der Server noch lebt.
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Hatte Ubisoft tatsächlich gedacht, die Hackerszene, die Cracking-Gruppen, würden das auf sich sitzen lassen? Der Publisher hatte im Vorfeld zugesichert, dass man die Spiele nach einer bestimmten Zeit mittels eines Patches von ihrer Onlinefessel befreien würde, damit Nostalgiker dann spielen könnten, solange sie wollten. Hatte man wirklich geglaubt, dass niemand sonst einen solchen Patch zustande brächte? Erst Recht nicht die Leute, die sich seit zig Jahren darauf spezialisieren, Spiele zu cracken und die Ubisofts virtuelle Ohrfeige nicht einfach so hinnehmen würden?

Eine Antwort darauf bleibt Ubisoft freilich schuldig, aber eines wissen wir: Peinlicher als ein Verlierer ist nur ein Verlierer, der nicht zugibt, einer zu sein. Ähnlich wie bei dem kürzlich eingetretenen GAU mit den abgeschmierten Servern war man mit Dementi (man beachte: der Begriff ist mit dem Wort „Demenz“ verwandt) und händefuchtelnden Erklärungen schnell zur Hand. Im Wesentlichen verfolgte man die Argumentationsstrategie „Stimmt ja gar nicht!“. In Anbetracht dessen, dass die Spieler zuhause fleißig Silent Hunter 5 spielten, während Ubisoft darauf beharrte, die Version würde gar nicht richtig funktionieren, war das schon fast so unterhaltsam wie ein eigenes Spiel.

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Abgebildet: Die Alternative.
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Auszug aus der offiziellen Ubisoft-Pressemeldung: "Im Internet sind derzeit Gerüchte aufgetaucht, die besagen, dass unsere PC-Spiele Assassin’s Creed II und Silent Hunter 5, die ab heute im Handel erhältlich sind, gecrackt wurden. Diese Information entspricht nicht der Wahrheit und jeder Spieler, der eine gecrackte Version herunterlädt, wird feststellen, dass die Version unvollständig und deshalb unspielbar ist."

Die Folgen des Eklats

Und spätestens seit dem Serverabsturz (der laut Ubisoft, wie gesagt, ein externer DoS-Angriff sein soll) ist natürlich das genaue Gegenteil des erzielten Effekts eingetreten: Die Rage und Enttäuschung der Spieler kennt keine Grenzen, Vorbestellungen werden wieder zurückgerufen, kommende Ubisoft-Titel wie Splinter Cell: Conviction und Die Siedler 7 werden wie Folgen dieser kurzsichtigen, nur auf den augenblicklichen Profit gerichteten Anti-Anti-Raubkopie-Kampagne deutlich zu spüren bekommen.

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"Na, wer cancelt seine Vorbestellung jetzt?!"
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Übrigens haben sich die EA-Server zum aktuellen Action-Highlight Battlefield: Bad Company 2 aus Solidarität gleich mit verabschiedet. Natürlich wird bei solchen Fehlern sofort und schnellstmöglich und überhaupt an einer Lösung gearbeitet…oder aber, man sagt, das Problem beträfe nur 5% der Spieler und erklärt es zur unteren Priorität. Wir gucken in eure Richtung, Gearbox und Take2.

So oder so, alle Beteiligten sollten etwas aus dem DRM-Fiasko Ubisofts gelernt haben. Die Spieler, dass sie öfter ihrem Bauchgefühl vertrauen sollten, wenn eine Idee nach Schrott aussieht, besteht die Chance, dass sie Schrott ist. Und Ubisoft, dass der beste Weg zur Verhinderung von Piraterie nicht etwa ist, die eigenen Spiele unspielbar zu machen, sondern sie, eher im Gegenteil, zu verbessern. Der Grund, dass Silent Hunter 5 nicht gekauft wird? Es ist nicht gut und zu verbuggt. Assassin’s Creed II? Vielleicht sind die Leute minderwertige PC-Ports gewohnt und insofern vorsichtig. Die Siedler 7? Womöglich reagieren Leute nicht positiv darauf, wenn ihre Lieblingsfranchises grundlegend verändert werden.

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"In Deckung, der Ubisoft-Server geht hoch!"
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Als PC-Spieler kommt man da kaum umhin neidisch gen Konsolenfraktion zu schielen. Dort, aufgeteilt in die Lager der Schwarzen (PS3) und der Grünen (Xbox 360), erfreuen sich die Spieler uneingeschränkten Spielvergnügens - im Falle von "Assassin's Creed II" schon seit einigen Monaten. Hand hoch, wer dieser Tage nicht am Liebsten den Netzstecker des Rechners für immer ziehen und in den nächsten Konsolen-Fachhandel schlendern möchte.