"TJ the blind gamer" ist kein gewöhnlicher Call-of-Duty-Spieler, denn er ist blind. Und dass er als blinder Spieler dennoch bald 10.000 Kills in Call of Duty: WWII erreicht, ist eine kleine Meisterleistung an sich.

TJ the blind gamer ist eine Inspiration

Videospiele sind eine ziemlich visuelle Angelegenheit, darin dürften alle überein stimmen. Gutes Audio ist heutzutage selbstverständlich Pflicht, aber für die meisten ist es Teil der Immersion und kein "überlebenswichtiges" Element. Nicht so für "TJ the blind gamer". Der 19-Jährige aus dem Bundesstaat Utah in den USA war zeit seines Lebens sehbehindert: sein linkes Auge war schon immer komplett blind - die Netzhaut hatte sich gelöst - auf dem rechten konnte er noch ein wenig sehen. Schon bevor er durch einen Unfall komplett erblindete, war er ein leidenschaftlicher Call-of-Duty-Spieler. Alles begann mit dem Zombie-Modus bei Call of Duty: World at War und ging bis Call of Duty: Black Ops 2. Vor viereinhalb Jahren erblindete TJ komplett, auf seinem rechten Auge kann er seither nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden. Das war eine schwere Zeit, erinnert er sich. Er litt unter Depressionen und konnte sich ein Jahr lang für nichts mehr begeistern. "Ich wusste, dass ich mein Augenlicht früher oder später ganz verlieren würde. Die Sache war nur die, dass mich die Art und Weise überraschte", so TJ. "Blind zu sein, ist nicht wie das Auge zu schließen und dann schwarz zu sehen. Es ist die Abwesenheit jeglicher visueller Eindrücke. Es ist schwer zu erklären."

Call of Duty: Black Ops 3

Eineinhalb Jahre nach seiner kompletten Erblindung raffte sich TJ auf und startete einfach Call of Duty: Black Ops 3, brachte sich von Grund auf selbst bei, das Spiel nur über Audio zu spielen, was zunächst laut TJ sehr sich als sehr schwierig erwies, da er es nicht gewohnt war, sich nur mithilfe von Geräuschen zu orientieren, und konzentrierte sich hier vor allem auf den Multiplayer- und den Zombie-Modus - er war wieder im Gaming-Fieber. Das Besondere an der Call of Duty-Reihe, so TJ, seien die vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten gerade im Audio-Bereich, die teilweise als "zufällige" Option für mehr Zugänglichkeit dienten. Hier nennt er vor allem die Einbindung von Alexa Skill in Call of Duty: WWII. Mittlerweile hat er über 8020 Kills im Multiplayer-Modus angesammelt. Sein Ziel ist es, 10.000 zu erreichen. Eine Zahl, die zumindest ein Blinder bislang noch nicht erreicht habe, erklärt er. Im Zombie-Modus hat er es bis in Runde 28 geschafft. Black Ops 4 wolle er sich auch holen und hofft ganz besonders darauf, dass Activision und Treyarch hier auf dieselbe Engine zurückgreifen wie im Zombies Chronicles DLC, die Audioqualität hier sei überragend. Neben Call of Duty: WWII spielt er ab und an noch Diablo 3, wie er auf Anfrage wissen lässt.

Zu TJs Videospiele-Zielen gehört aktuell das Erreichen von 10.000 Kills in Call of Duty: WWII

Doch TJ gibt sich nicht damit zufrieden, als blinder Spieler First-Person-Shooter zu spielen, er hilft anderen blinden Spielern, sich in der virtuellen Umgebung eines First-Person-Shooters zurechtzufinden. Ross Minor, ein anderer blinder Spieler, der mit seinen Mortal-Kombat-Videos bekannt wurde, kennt TJ sogar persönlich. Er habe ihm über Discord beigebracht, wie er Call of Duty: Black Ops 3 spielen kann. Die Beiden sind also echte Gaming-Buddies. Auf seinem Youtube-Account hat er einige Videos hochgeladen, in denen er teilweise auch über seine Erblindung spricht und erklärt, wie er trotz fehlendem Augenlicht spielen kann.

Und was er ohne Augenlicht ebenfalls gern macht, ist "Filme schauen". Besser gesagt schaut er Filme mit Audiobeschreibung für Blinde. Ein Problem sei das nur, wenn er mit sehenden Freunden einen Film schauen wolle. Neben ES gehören die Star-Wars- und Marvel-Streifen zu seinen Favoriten.

Mehr Wahrnehmung

Dass er blind ist, behält TJ in der Regel bei Online-Partien für sich. Denn sobald die Leute erfahren, dass er ein blinder Gamer ist, werden nicht wenigen ausfallend. "Sie beleidigen mich dann und trollen mich", erklärt er seine Entscheidung, seine Behinderung lieber zu verheimlichen. Was sich TJ auch gerade deswegen generell wünscht, ist eine größere Wahrnehmung der blinden Spieler-Community. Viele Spiele seien einfach nicht auf die Bedürfnisse derjenigen ausgelegt, die nicht sehen könnten, erklärt er. Interessanterweise zählt ausgerechnet EA in dieser Hinsicht zu den vorbildlichen Studios, so sein Lob. Mortal Kombat zähle hier ebenfalls dazu, aber im Gegensatz zu Minor finde er absolut keinen Gefallen am Fighting-Genre. "Diese Spiele langweilen mich einfach nach einer Zeit zu Tode." Enttäuscht war er von God of War 3: Remastered, da bei diesem Spiel das Audio keine Hilfe beim Spielen war.

TJ spielt auf der PS4 (tjpunk98), aber in Sachen Zugänglichkeit sei eine Xbox One wesentlich besser. Leider habe keiner seiner Freunde die Konsole und er selbst könne es sich aktuell nicht leisten, eine Xbox One zu kaufen, da er arbeitslos ist. "Niemand stellt jemanden ein, der blind ist", so TJ resigniert. Der Vater eines sechs Monate alten Sohnes, seine Freundin ist ebenfalls sehbehindert, würde gern als Berater für mehr Zugänglichkeit für Sehbehinderte, Blinde und Behinderte im Gaming-Bereich arbeiten und Studios dabei helfen, Spiele besser auf die Bedürfnisse jener Gruppe zuzuschneiden.