Zuerst kam der Beißreflex. Ohne den Artikel überhaupt gelesen haben zu können, ergoss sich am vorletzten Sonntagnachmittag Häme und Spott in meiner Twitter-Timeline. Nur ein bis zwei Tage später mischten sich unterwürfige Lobpreisungen darunter, als der unerwartet positive Inhalt auch zum letzten Nörgler durchdrang. Ausgerechnet die thematisierte Branche selbst legt plötzlich jenes Schwarz-Weiß-Denken an den Tag, das sie ihren Gegnern sonst immer vorwarf – und zeigte damit, dass DER SPIEGEL genau ins Schwarze getroffen hat.

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„Spielen macht klug“ ist der schmissige Titel, den vielleicht nicht jeder von euch gehört, aber zumindest gesehen hat. Prominent platziert in Schaufenstern und Kioskauslagen, mit GTA-Schriftart und bekannten Szenemaskottchen war es wohl eines der auffälligsten Magazincover der letzten Zeit, das ironischerweise gerade jene am meisten ansprach, die auf acht aufwendigen Seiten thematisiert wurden, ohne selbst zur Zielgruppe zu gehören.

Die im Schnitt etwa 900.000 wöchentlichen Leser des europaweit auflagenstärksten Nachrichtenmagazins sind nicht unbedingt der typische gamona-Stammleser oder jemand, der von sich behaupten würde, ein beinharter Gamer zu sein – und genau das macht das Titelthema Videospiele für uns, die wir täglich über die aktuellsten Entwicklungen der Branche informiert sind, umso wichtiger.

“Spielen ist wie ein Trieb, ähnlich mächtig wie Sex“

Auf vier inhaltlich anspruchsvollen Doppelseiten zeichnet DER SPIEGEL das wohl umfassendste und fairste Bild in der Geschichte der deutschen Berichterstattung, das Spiele je erfahren haben. Wer engstirnig nach der Erwähnung seiner Lieblingsspiele Ausschau hält und den immensen Umfang kritisiert, der „Randerscheinungen“ wie Casual-, Free-to-Play- und Serious-Games eingeräumt wird, ist sich nicht nur über das Klientel der Zeitung, sondern auch die eigentliche Bandbreite seines Lieblingshobbies im Unklaren.

SPIEGEL-Titelthema Videospiele - Anstoß einer überfälligen Debatte: Warum uns DER SPIEGEL eine große Chance gegeben hat

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Kein Cover, an dem man einfach vorbeigehen kann.
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Videospiele. Das ist nicht (mehr) nur PlayStation, World of Warcraft, Ubisoft und eSport. Im Jahr sieben nach Einführung des iPhones gehört das täglich „700 Millionen Mal gespielte“ Candy Crush ebenso dazu wie ein Re:Mission, das krebskranken Kindern dabei helfen soll, ihre schreckliche Krankheit zu besiegen. Videospiele mögen kein nerdiges Nischenhobby mehr sein, haben aber auch längst ihre kommerziellen und vermeintlichen Hardcore-Fesseln abgelegt. Eine Tatsache, die selbst der Mehrheit der Konsolen- und PC-Spieler kaum bekannt sein dürfte.

Was längst überfällig war und wir bislang versäumten

DER SPIEGEL leistet mit diesem Titelthema ein Stück weit Aufklärungsarbeit und gibt uns, einer stetig wachsenden Branche, die sich nur allzu oft unfair behandelt und benachteiligt fühlt, die Chance auf eine faire Debatte, die dort stattfindet, wo sie schon seit Jahren hingehört: in der Mitte der Gesellschaft. In der Mitte einer Gesellschaft, die noch immer von Vorurteilen und Ressentiments, von „deutscher Skepsis“ dominiert wird. „Videospiele haben in Deutschland den Beigeschmack von Kindlichkeit, es herrscht noch immer die Grundskepsis, ob Computerspiele überhaupt zu irgendetwas nutze sein könnten.“, wird auch Maic Masuch, erster deutscher Professor für Computerspiele“, nicht ohne Grund zitiert.

Mit beinahe reaktionärem Eifer wird das wissenschaftliche, pädagogische und medizinische Potenzial dieses enorm wandlungsfähigem Mediums in Deutschland zum ewigen Brachland erklärt, während speziell in den USA ein steter Strom des Wandels sprudelt, der bereits deutlich mehr trägt als nur „erste Früchte“. Ob Spielen nun tatsächlich klug macht, weiß man zwar nicht genau, die Überzeugung der Autoren von den Möglichkeiten der virtuellen Unterhaltung ist jedoch nur allzu deutlich – nicht nur, weil sie ihnen knapp die Hälfte des Textes widmen.

Wer auch die restlichen Seiten liest, wird sich zwischen Schlagworten wie „Free-to-Play“ und „Beyond: Two Souls“ schon eher heimisch fühlen, ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens stellt sich aber auch hier nicht ein – aus gutem Grund. DER SPIEGEL befasst sich weder mit der narrativen Finesse eines The Walking Dead, noch wird das Duell zwischen Xbox One und PlayStation 4 thematisiert. Wozu auch?

Stattdessen wird differenziert. Zwischen Kommerz und Kultur, den beiden Seiten einer Medaille, zwischen denen sich der Rezipient eines jeden Mediums entscheiden muss. Sonst unhinterfragt übernommene Vorurteile werden widerlegt, polemische Behauptungen relativiert. Das Suchtpotenzial ist geringer, die Gewaltbereitschaft nach dem Konsum von Spielen nicht höher als nach einem 08/15-Actionfilm, „Computerspiele sind Teil unserer Kultur, nicht besser oder schlechter als Filme und Bücher.“

SPIEGEL-Titelthema Videospiele - Anstoß einer überfälligen Debatte: Warum uns DER SPIEGEL eine große Chance gegeben hat

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Auch Endgame: Eurasia wird im Text erwähnt. Das Spiel befasst sich mit dem Krieg in Syrien. Wir wussten nichts davon - ihr etwa?
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All das ist richtig und wichtig, in seiner positiven Deutlichkeit sogar fast derart überwältigend, dass die schwärmerische „Hach, danke, herzallerliebster SPIEGEL“-Attidüde im Grunde keine große Überraschung ist. Tatsächlich liest sich die Titelgeschichte vergangener Woche beinahe wie eine Legitimierung einer ganzen Brache.

„Spiele sind kein Teufelszeug!“, scheint es dem Leser regelrecht entgegenzuschreien. Das sind sie nicht. Sie sind Teil unseres Alltags, haben gute und schlechte Eigenschaften und, gerade in Deutschland, viel ungenutztes Potenzial. Videospiele sind aber auch mehr als das, womit wir, die typischen Gamer uns alltäglich beschäftigen.

Während die Allgemeinheit ihre Augen nach dem Lesen des SPIEGEL-Artikels hoffentlich für diese großartige Sache öffnet, mit der wir uns täglich beschäftigen, sollten wir dies ebenso tun, einen Blick über den viel zitierten Tellerrand werfen und diese Gelegenheit ergreifen. Wir haben die Chance auf eine faire Debatte bekommen. Wir sollten sie nutzen.

Wer den vollständigen SPIEGEL-Artikel nachholen und sich selbst ein Bild verschaffen möchte, kann dies hier tun.