Das Action-Rollenspiel „Mass Effect“ sorgt seit seinem Release für die Xbox 360 Ende letzen Jahres für viel Furore. Gilt es einerseits im Gamingbereich als eines der besten RPGs seit langer Zeit, steht es in konservativen Medien eher wegen eines bestimmten Spielinhalts im Rampenlicht: So warfen zahlreiche Verhaltensforscher und Psychologen dem Spiel unlängst vor, Frauen verachtende Sex-Szenen zu beinhalten, die starke Ähnlichkeiten mit einem Pornofilm aufweisen. Dies führte dazu, dass Experten das Spiel als „höchstgradig gefährlich“ für Kinder und Jugendliche einstuften. Sind die Sorgen der Experten wirklich begründet? Wir haken nach.

Mass Effect ist für Singapur eine Nummer zu heiß

Im November letzten Jahres verkündete Singapur ein landesweites Verbot für BioWares Vorzeigespiel Mass Effect. Zu diesem Entschluss kam das Gericht, weil im Spiel eine Beziehung zwischen zwei Frauen angedeutet wird. In Singapur ist die Liebe unter gleichgeschlechtlichen Partnern gesetzlich strikt verboten und wird deshalb mit einer Gefängnisstrafe quittiert.

Akte Sex: Der Fall Mass Effect - Hot Coffee war gestern: Eine Analyse zur Pornoaffäre um Biowares Top-Rollenspiel.

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Stein des Anstoßes: Zwei liebende Frauen sind zuviel für den Spielemarkt in Singapur.
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Die Gründe für ein Verbot von Mass Effect legte das Gericht folgendermaßen aus: „Das Verbot hilft uns auch weiterhin zu garantieren, dass Spiele für ein allgemeines Publikum verwendbar bleiben und dabei nicht unnötige Sex- und Gewaltszenen beinhaltet oder irgendeine Religion oder Rasse verunglimpflicht.“ Ein Pressesprecher von Microsoft verkündete daraufhin, dass der Publisher die Entscheidung des Landes respektiere.

Glücklicherweise wurde das Verbot kurze Zeit später von der Media Development Authority in Singapur wieder zurückgenommen – Mass Effect ist auf der südostasiatischen Insel fortan für Erwachsene ab 18 Jahren erhältlich. Wem diese spezielle Szene noch nicht bekannt war, darf sich unter diesem Link selbst ein Bild davon machen, ob der Vorwurf der Obszönität gerechtfertigt ist.

Sex und Gewalt machen vor Kindern keinen Halt

Im großen Format angestoßen wurde die Dikussion um die angeblich anstößigen Sequenzen erstmals durch eine Fernseh-Debatte auf dem amerikanischen Sender Fox. In Martha MacCallums Talk-Sendung „Live Desk“ fanden sich im Januar Experten im Rahmen der Debatte „Sexbox - Neues Videospiel zeigt digitale Nacktheit und Sex-Szenen“ zusammen.

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Aufreger Nummer zwei: Eine kurze Liebeszene. Details gibt es nicht zu sehen.
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Auf der Seite der Befürworter des Spiels befand sich als einziger Geoff Keighley vom Videospiel-Sender Spike TV, während sich auf der Seite der „Ankläger“ neben der Psychologin Cooper Lawrence noch weitere Medienforscher und Verhaltensexperten einfanden. Laut Cooper Lawrence zeige Mass Effect neben der brutalen und unsinnigen Gewalt auch nackte Körper von Frauen, die über keinerlei Werte verfügen. Folglich sei das Spiel gleich doppelt so gefährlich für Kinder: Einerseits fördere es ihre Gewaltbereitschaft und andererseits desensibilisiere es sie in ihrer Sexualität.

Die Jugendlichen würden ihr Verhältnis zum anderen Geschlecht verändern, indem sie Frauen lediglich als Objekte der Begierde ohne Gleichberechtigung ansähen. Lawrence vertrat zudem die Meinung, dass es keine Rechtfertigung für ein Spiel sei, sich auf die Altersfreigabe zu stützen - für Kinder existierten vielerlei Wege, um an solche Spiele mitsamt ihrer gefährlichen Inhalte heranzukommen.

Geoff Keighley konnte die Äußerungen der Psychologin in keinem Punkt nachvollziehen. Zuerst wollte er klar stellen, dass Mass Effect in keiner Weise ein Spiel mit pornographischen Elementen sei, wie lautstark von den Verhaltensexperten gemutmaßt wurde. Laut Keighley seien die Szenen keineswegs pervers oder jugendgefährdend – im Gegenteil: Die körperliche Liebe sei ein Produkt einer vorhergehenden Beziehung zwischen zwei Charakteren und deshalb mitnichten eine ad-hoc abrufbare Aktion im Spiel.

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Sex als einziges Spielziel? Wohl kaum: Mass Effect bietet in 30 Stunden weit mehr als anstößige Inhalte.
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Keighley hob außerdem hervor, dass die genannte Szene lediglich zwei Minuten von insgesamt 30 Stunden Spielzeit einnehme. Zudem sei es nicht elementarer Bestandteil des Spiels, da der Spieler selbst über das Verhältnis der Beziehung entscheiden könne. Keighleys fundierte Argumentation prallte jedoch knallhart an der Voreingenommenheit und Sturheit der Verhaltensexperten ab.

Ihre Überzeugung blieb auch weiterhin, dass „Mass Effect“ ein gefährliches Medium für Kinder sei und man keine Akzeptanz für solche Spielinhalte zeigen dürfe. Abschließend resümierte einer der Experten, dass BioWares Spiel eine Mischung aus Luke Skywalker und Debbie Does Dalles (pornographischer Film) sei.

Die TV-Diskussion und eine weitere „Sex-Szene“ könnt ihr euch hier in voller Länge anschauen.

Viel Wind um nichts?

EA (Publisher für die PC-Version) ließ nicht lange mit einer Antwort auf die vorangegangene Sendung warten: Jeff Brown, VP (Vizepräsident) of Communications, beschuldigte MacCallum einer zu Unrecht geführten Diskussion. Laut Brown seien die angeführten Argumente unfair, rücksichtslos und ohne fundiertes Wissen gewesen, weshalb er eine Entschuldigung und eine Korrektur der Vorwürfe forderte.

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Bei Fox hat die Moral noch ein zu Hause. Objektiver Journalismus? Fehlanzeige!
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Im Anschluss darauf verwies er noch auf die paradoxe TV-Philosophie des Senders Fox: „Schaut ihr Fox Network? Schaut ihr Family Guy? Habt ihr jemals OC California gesehen? Glaubt ihr wirklich, die sexuellen Situationen in Mass Effect seien drastischer als in den üblichen Serien eures Senders? Denkt ihr wirklich, dass Menschen durch Mass Effect mehr gefährdet seien, als durch eure Prime-Time Shows?“

Ray Muzyka, Chef von BioWare, gab sich ebenfalls enttäuscht: "Wir sind verletzt. Wir glauben, dass Spiele eine Kunstform sind, und im Namen der 120 Leute, die drei Jahre lang ihr gesamtes Herzblut in dieses Spiel gesteckt haben, kann ich nur sagen, dass wir extrem verletzt darüber sind, dass jemand das Spiel falsch darstellt, ohne es überhaupt gespielt zu haben." Fox News lud daraufhin EA zu einem Gespräch in ihre Live-Sendung ein – EA lehnte dies allerdings ab. Eine Richtigstellung des TV-Senders Fox blieb ebenfalls aus.

Auf Keighleys Frage, ob Cooper Lawrence überhaupt die Szenen kenne bzw. Mass Effect überhaupt gespielt habe, antwortete sie mit einem höhnischen Lachen „Nein“. Erst nach der Sendung befasste sie sich näher mit dem Spiel – kurz darauf wurde Lawrence bewusst, dass ihre Aussagen fernab der Realität gewesen sind: "[…] die angeblichen Sex-Szenen im Spiel sind ein Witz. Ich gebe zu, dass ich mich getäuscht habe."

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Fahrenheit zeigte Sex schon weitaus früher deutlich, blieb von Kritik aber verschont.
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Kevin McCullough, Redakteur beim konservativ eingestellten Online-Politikmagazin Townhall, machte sich mit seinen Vorangegangen Äußerungen vor allen in der Gaming-Szene nicht viele Freunde: „Mass Effect erlaubt es seinen Spielern […] sich in unglaublich realistischste Sexszenen hineinzuversetzen, […] (sodass) die virtuelle Vergewaltigung nur einen Knopfdruck weit entfernt ist.“

Den massiven Druck konnte letztendlich auch McCullough nicht standhalten - seine Einstellung gegenüber Mass Effect blieb jedoch unverändert: "Ja, dafür entschuldige ich mich bei der Spieler-Welt! Trotzdem stimme ich immer noch mit meiner ursprünglichen Position überein, dass der anstößige Inhalt in Mass Effect auch weiterhin widerlich bleibt und nicht in die Hände dieser Minderjährigen gelangen sollte."

Und die Moral von der Geschicht’…

Mass Effect ist erneut ein Paradebeispiel dafür, dass selbsternannte Moralapostel aus reiner Willkür unbegründete Medien-Hypes hervorrufen, nur um einmal mehr im Mittelpunkt zu stehen. Anders ließe es sich sonst nicht erklären, dass „Sexszenen“ in eher unbekannten Spielen (Fahrenheit) an den Medien blindlings vorbeigehen, wohingegen große Spiele, wie GTA IV mit seinem freischaltbaren Hot Coffee Mod oder Mass Effect tonnenweise Skandale auslösen.

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Generalziel der Medien: Computerspiele - vorzugsweise mit gewalttätigen oder erotischen Inhalten.
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In diesem Fall lässt sich zusammenfassend sagen, dass viele der gegen Mass Effect angebrachten Vorwürfe größtenteils auf Unwissenheit beruhten. Trotzdem können die vorgetragenen Besorgnisse auch als Denkanstoß betrachtet und darüber hinaus zum Anlass genommen werden, ein wenig über die inhaltliche Entwicklung von Spielen nachzudenken.

Mit den derzeitigen technischen Möglichkeiten – besonders durch die sprunghaften Fortschritte in der KI - wäre es doch endlich einmal an der Zeit, mehr Spiele mit komplexen Charakteren zu gestalten, die in ihren Handlungen und Gefühlen dem wirklichen Menschen ähneln.

Ein solches Spiel müsste dabei nicht zwingend eine Lebenssimulation à la Die Sims sein. Zu Gunsten der Atmosphäre und des Verständnisses der Charaktere könnte in nahezu jedem Genre Aspekte wie Freundschaft, Liebe, Angst oder Leid tiefsinniger thematisiert werden – und ja: Sex ist auch ein wichtiger Bestandteil des Lebens und sollte keinesfalls, so wie bei Mass Effect geschehen, kritisiert oder künstlich zurückgehalten werden.

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Lehrreich? Glaubwürdige Charaktere können Jugendlichen Werte vermitteln.
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Spiele mit weit reichenden Inhalten würden zugleich den Geist des Spielers fördern und ihm darüber hinaus für zwischenmenschliche Beziehungen sensibilisieren. Homosexuelle Liebe in einem Spiel darstellen? Klar, warum nicht! Durch welches Medium könnte man Jugendliche sonst so spielend leicht tugendhafte oder moralische Werte vermitteln? Oder sollten Spiele lediglich zum Zeitvertreib dienen und dabei keinesfalls einen erzieherischen Wert besitzen? Diskutiert mit!