Es gibt Stephen Kings “Brennen Muss Salem” und es gibt Dantes “The Divine Comedy”. Es gibt “Insidious” und es gibt “Faces of Death”. Es gibt The Evil Within und es gibt Agony. Bücher, Filme, Videospiele – sie alle stolpern durch die Weiten des Horror-Genres, mehr und minder erfolgreich. Sie alle besitzen Ausnahmen; Werke, die ihre Fühler über die Grenzen des Normalen strecken und sich eine Frage stellen: Wie weit kann ich gehen?

Mehr kranke Kunst, als Videospiel - Agony zeigt die rote Königin in ihrer vollen Schönheit:

Agony (2018) - Trailer: Die rote Königin2 weitere Videos

Ich glaube noch immer, dass die HBO-Serie “Hannibal”; neben vielen anderen Beispielen, einen Schritt aus dem Horror-Genre heraustrat und etwas anderes wurde; mehr als das Horror-Action-Popcorn-Kino, das den Großteil alle Produktionen in der Film- und Videospielwelt ausmacht. Das ist es, was die Show erfolgreich machte; und das ist es, was ihr den Erfolg gleichsam versagte: Zu krass, zu geschmacklos; trotz der Zensur. Horror als Kunst? Nicht unbedingt das, was unsere moralischen Vorstellungen gutheißen.

Jetzt gibt es Agony von Madmind Games, das “Hellraiser” der Videospiele-Industrie; der Schritt hinaus aus Zombies-Shootern und Gothic-Games an einen Ort, der dem Begriff “Hölle” ein Gesicht verleiht.

Agony in der Vorschau: Die Horror-Mär wird einige Grenzen des Genres übertreten

Es schreit, aber du kannst es nicht sehen

Ich war in Agony. Als ich das höllische Szenario in der Demo betrat, bestätigte sich, was ich zuvor über das Spiel dachte (Fixe Vorschau): In Agony geht es nicht um Action oder klassisches Survival, tatsächlich gehört der eigene Tod zum Gameplay hinzu und muss mehrmals aktiv umgesetzt werden: Wenn ihr in Agony sterbt, verlasst ihr euren Körper und könnt in einem gewissen Zeitfenster einen anderen besetzen; ein Weg, neue Abschnitte und Level zu betreten.

Wie auch in ähnlichen Werken, die auf Atmosphäre setzen, werdet ihr durch die Unterwelt im Spiel wandern und sie erleben. Es gibt Gegner, ja, doch diese sind nicht erkennbar zwischen all den Kreaturen und Wesen, welche um euch herum stehen, hocken und liegen; verbrannt oder betend oder weinend. Ich konnte spinnenartige Ungetüme mit einer Fackel wegtreiben; doch das wird es wohl gewesen sein – wird ein Dämon auf euch aufmerksam oder glaubt ihr, auf eine aggressive Kreatur zu treffen, müsst ihr rennen. Ein Prinzip, auf das auch Frictional Games Amnesia: The Dark Decent setzt. Kein Kampf, gut, werdet ihr denken,das kennen wir schon.

Packshot zu Agony (2018)Agony (2018)Release: PC, PS4, Xbox One: 29.5.2018 kaufen: Jetzt kaufen:

Was mir am intensivsten im Gedächtnis geblieben ist, sind jedoch nicht die Spinnen. Und auch nicht die etlichen halbtot gequälten Menschen, über welche ich auf meinem Weg durch die Demo von Agony stolperte: Nein, es war ein langgezogener Schrei, der einsetzte, als ich durch eine der labyrinthartigen dunklen Höhlen kroch. Mir war sofort klar, aus welcher Richtung er kam. Ich schlich also durch den entsprechenden Spalt, in Erwartung eines weiteren Folterszenarios; neugierig und mit dem voyeuristischen Verlangen, es zu sehen.

Aber da war nichts. Ich suchte alles ab, doch weder hörte ich weitere Schreie, noch konnte ich irgendein Wesen dem Schrei zuordnen. Da passiert etwas, das ich nicht einmal sehen darf; der Gedanken daran prickelt noch jetzt unbehaglich in meinem Nacken.

Tomek Dutkiewicz: “Du wirst Wege beschreiten, die aus dem Fleisch und den Knochen von zahllosen Märtyrern bestehen.”

Ein Bildnis des Todes

Tomasz Dutkiewicz, der CEO und Gründer vom polnischen Entwickler Madmind Studio, sprach mit mir über die Idee hinter Agony und wie sich das Spiel von der Masse abheben wird. Wie soll ich mich fühlen, wenn ich durch Agony wandere?, habe ich ihn gefragt. Was will das Spiel mit mir machen?

Agony ist kein Spiel, in dem du ein paar Stunden durch ein leeres Gebäude läufst und am Ende eine Leiche im Klo findest. In der ersten Stunde wirst du Wege beschreiten, die aus dem Fleisch und den Knochen von zahllosen Märtyrern bestehen. Du wirst ein endloses Labyrinth des Wahnsinns sehen, voll mit gequälten Menschen und schreienden Dämonen.

Was Dutkiewicz beschreibt ist das Gegenteil von Suspense, im Sinne von Hitchcock. Denn ihr seht das Messer; es ist im Grunde sogar das erste, was euch gezeigt wird. Blut, Leid, Fratzen in der Dunkelheit – ihr werdet direkt und ohne Gnade damit konfrontiert; ein Festmahl des voyeuristischen Grauens. Dann setzt der Gewöhnungseffekt ein, der Horror kann euch nicht mehr schocken; und das wissen die Macher von Agony. Denn sie wollen an exakt diesem Punkt ansetzen:

Ein Artwork der roten Königin

Tod und Leid wird dich umgeben. Es wird sich natürlich anfühlen, du wirst dich daran gewöhnen. Und genau das wird der Punkt sein, an dem wir ansetzen; es wird uns die Möglichkeit geben, den Horror noch weiter voranzutreiben. Jedes Level im Spiel fühlt sich anders an und wird etwas einzigartiges und grauenhaftes bereithalten.

Leider war ich nicht in der Lage, die gesamte Demo zu spielen, da ich mich zu sehr mit den etlichen blutigen Details im Spiel beschäftigte und schließlich die Zeit drängte. Agony-Vater Dutkiewicz spricht von einer Welt, in der nicht nur Gegner euch Angst machen sollen, sondern zahlreiche unangenehme, verstörende bis hin zu geschmacklose Szenarien:

Du triffst vielleicht einen Schatten, der dich scheinbar die gesamte Zeit beobachtet, aber in der nächsten Szene wirst du vor einem Dämon mit einem gespalteten Schädel weglaufen oder du erschauerst unter einer Gänsehaut, wenn du einen Irren siehst, der mit einem Stein Babies erschlägt, ohne jegliche Emotionen zu zeigen.

Horror mögen wir ganz besonders gern. Das sind unsere liebsten Grusel-Spiele:

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An Agony werdet ihr keine moralischen Maßstäbe ansetzen können, doch das ist eben auch die Essenz von Horrortiteln, welche die Grenzen des Genres überschreiten. Ob das gut oder schlecht ist, bleibt schließlich dem Spieler oder potentiellen Käufer überlassen. Nun stellte sich mir natürlich eine Frage: Geht das überhaupt? Darf ein Spiel das, ohne zensiert zu werden?

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