Wenn ein Spiel in Sachen “Spiel-sein” versagt, wenn eine Horror-Mär nicht gruselig ist und wenn etwas, das auf World-Building setzt, vergisst Lore und eine oder mehrere interessante Geschichte einzubauen, haben wir Agony. Die elendig verendete Hoffnung des Horror-Genres auf etwas neues, originelles, grauenhaftes – und vielleicht ein Hinweis darauf, was Horror eigentlich ist oder sein sollte.

Agony kann die Versprechen des Trailers leider nicht halten:

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Agony ist ein Höllenmärchen aus der Spieleschmiede Madmind Studio, gefertigt von einer Hand voll Menschen aus Polen, die den Begriff Horror bis auf die letzte Fleischfaser ausweiten wollten; eine verzweifelte, von Dantes Göttliche Komödie getriebene Grabung nach der Grundessenz des Grauens. Anders ausgedrückt: Agonys Darstellung der Hölle sollte schlimm sein. Mit Gore, Folterszenen, Gewalttaten, Dämonenbrüsten, blutigem Sex, Vergewaltigung. Klingt geschmacklos und ist es sicher auch, aber Madmind muss eines zugestanden werden: Sie wollten Grenzen übertreten. Sie wollten etwas Neues in einem Genre schaffen, das zuweilen vergisst, was Angst bedeutet – ausgeblutet durch Mainstream-Entwickler und -Publisher, die Grenzen des guten Geschmacks und Altersbeschränkungen. Was sie erreicht haben, ist leider kein gutes Spiel.

Agony im Test: Viel Gore, aber nicht sehr viel dahinter

Bitte keinen Spaß haben

Ganz egal, welche Elemente weggelassen oder hineingepresst werden, ganz egal, wo der Fokus liegt: Ein Spiel bleibt immer ein Spiel, und wenn es spielerisch versagt, haben wir – und zumeist die Entwickler – ein Problem. Lasst uns über Past Cure (Test) reden, dieser deutsche Indie-Thriller, der eine recht gute Story bereithielt, gespickt mit interessanten Szenerien, Ideen, Videosequenzen, aber angetrieben mit so öden und anstrengenden Spielmechaniken, dass in deren Schatten alles andere verendete. Oder Quantic Dream mit ihren filmisch inszenierten Spielen, die nur deswegen funktionieren, weil das Gameplay zwar einfach, aber trotz allem effektiv ist – und dennoch, wer steht am Ende im Fokus der Kritik? Das Gameplay, und das zu Recht.

Agony hat vergessen, was ein Spiel ausmacht. Mit seinem Tunnelblick auf diese höllische Welt und das Sammelsurium an Gräueltaten in ihr wurde übersehen, das fertige Produkt auf Spaß zu testen. Noch dazu beschränkt sich Agony auf die allzu bekannten Stealth- und Rätsel-Elemente, lässt euch vor stets den selben Kreaturen ausweichen, in verschieden ausstaffierten Leveln, mit dem einzigen Ziel: Vorankommen und überleben.

Während ihr also auf allen Vieren durch diese dunkle Hölle krabbelt, immer wieder dieselben zwei Rätseltypen löst, euch versteckt – denn kämpfen werdet ihr nicht – und gegen eine KI antretet, die dümmer und hellsichtiger nicht sein könnte, ist es tatsächlich allein euer Voyeurismus, der sich sattfressen kann.

Packshot zu AgonyAgonyErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Die Story selbst ist einfach: Findet die rote Königin und entkommt mit ihrer Hilfe der Hölle. Getragen über Zettel, die herumliegen und NPCs, deren kurze, generische Leidensgeschichten sich ebenfalls nach etwa drei Stunden im Spiel wiederholen, ist sie nicht nur uninteressant und wenig kreativ, sondern kriecht derart schwerfällig und kryptisch dahin, dass allzu bald das eigentliche Problem klar wird: Es gibt keine interessante Lore, die Welt wirkt einzig mit visuellen Reizen, nicht aber mit einem Hinterbau an grausigen Geschichten, Wesen und Mythen. Nicht mit etwas Unbekannten, unaussprechlichen, sondern mit zuweilen ästhetischen Tableaus an Gedärmen, toten Dämonen-Babys und aufgeschlitzten Leibern. Agony ist eine Fleischtheke ohne Seele.

'Erotische' Fantasien in Agony

Die Schlampen von Babylon

Der Titel hatte vor Release einige Probleme mit den Ratingsystemen und Altersbeschränkungen in den Ländern. Er entkam knapp dem Adult-Only-Stempel in Amerika, ein Rating, das der Indizierung in Deutschland ähnelt und Sony dazu veranlasst, eine PS4-Version des Spiels untersagen. Heute ist Agony weder indiziert noch Adult Only, allerdings seht ihr in den Gedärmen des Spiels noch immer, weshalb so ein Aufruhr betrieben wurde.

Flanieren durch die Hallen der Lust:

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Es gibt Penisse, Brüste, fauchende und beißende Dämoninnen; es gibt ein Level namens “Die Hallen der Lust” und blutige Bäder, in denen diese überstiliserten, sexistisch aufgeladenen Succuben lachend und stöhnend auf klapprigen Männern liegen und sie befriedigen. Wenn ihr sie belauscht, reden sie von den Schlampen und Huren von Babylon; oder von den Teufeln – große, muskelbepackte und nackte Monster-Männer, die dumm und einzig auf Gewalt und Sex fokussiert durch die Gänge stampfen und alles niedermähen, was ihnen in die Quere kommt.

Agony ist ein Stück Hackfleisch ohne Geschmack und Farbe.Fazit lesen

Denn ja, wie wir alle wissen, ist Sex etwas uralt böses, getrieben durch teuflische, hinterlistige Huren, deren schamlos entblößten Geschlechtsteile jede noch so fromme Seele verführen und zum Teufel bekehren werden. Was macht Agony hier? Geht es um die Darstellung einer christlichen Hölle, also allem unchristlichen, oder ist es nur die plumpe, falsche Version einer BDSM-Fantasie?

Gibt es nicht andere Dinge im Leben, die vielleicht schlimmer und gruseliger sind, als Sex? Es ist recht faszinierend, zu sehen, wie das Horrorgenre – und nicht nur Agony – noch immer von dieser monströsen Erotik profitiert, die uns ja schon Jahrhunderte verfolgt; stets genährt durch ebensolche Geschichten und Darstellungen. Aber selbst, wenn wir all das vergessen: Wie langweilig, schon wieder so ein ausgelutschtes Thema aufzugreifen; wie langweilig, solche stereotypen Männer und Frauen so völlig ohne Selbstreflexion in einen Rahmen zu packen, der Grenzen übertreten soll. Und stattdessen nur auf der Stelle tritt.

Viele gute Design-Ideen machen leider noch kein gutes Spiel

Ein gutes Beispiel für ein schlechtes Spiel

Es gibt eine Menge, das wir von Agony lernen können. Etwa, dass ein Höchstmaß an Gewalt; und ist sie noch so kreativ, ästhetisch und schockierend, in keinster Weise ausreicht. Weder, um zu ängstigen, um das voyeuristische Verlangen länger zu befriedigen noch um in irgendeiner Art und Weise zu unterhalten. Madmind-CEO Tomasz Dutkiewicz erklärte mir im Interview, er wisse um das Abstumpfen nach einem gewissen Maß an Gewalt und wolle genau dort ansetzen:

Tod und Leid wird dich umgeben. Es wird sich natürlich anfühlen, du wirst dich daran gewöhnen. Und genau das wird der Punkt sein, an dem wir ansetzen; es wird uns die Möglichkeit geben, den Horror noch weiter voranzutreiben.

‘Wie?’, hätte ich vielleicht fragen sollen, denn Agony schafft es offensichtlich nicht, in irgendeiner Art länger als drei Stunden spannend oder unterhaltsam zu sein. Oder überhaupt Furcht auszulösen, etwas, dass Horror zumindest bewerkstelligen sollte.

Am Ende wirkt Agony wie eine recht detaillierte, recht liebevoll gestaltete Gore-Welt mit vielen kreativen Designideen, die vor dem Spiel bereits stand. Und dann fassten sich die Entwickler an den Kopf: Was machen wir denn da so für Gameplay rein, damit der Spieler durch die Welt läuft? Was für eine Story könnte hier funktionieren, um den User bei Laune zu halten? Es fühlt sich an, als seien Story und Gameplay Beiwerk, gespickt mit unlogischen Wendungen und fraglichen Entscheidungen; wie die unregelmäßig gesetzten Speicherpunkte und Level, deren Schwierigkeitsgrad allein durch die Anzahl der Gegner bestimmt wird. Selbst die Grafik lässt zu wünschen übrig, voller zuckender Skins und aufpoppender Fehler.

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Es ist eine viel zu lange Liste an Ungereimtheiten, die ich für Agony schreiben könnte. Das Schlimmste daran ist und bleibt aber in meinen Augen der Gegensatz zwischen einer Prämisse, die den Horror an den Spitze treiben wollte und dem langweiligen Ergebnis. Horror – das ist nichts, was plump mit Gedärmen an die Wand gemalt werden kann. Horror ist feiner, oftmals psychologischer und bewegt sich leise über den Bildschirm, nicht wie eine Dampfwalze.