Das große Adventure Special
(von Carsten Görig)

Das Adventure-Genre liegt brach. Die Anzahl der veröffentlichten Spiele ist gering und selbst unter diesen ist mehr Schatten als Licht zu finden. Doch für viele Fans keimt nach der Ankündigung von LucasArts, alte Klassiker weiterzuführen, wieder Hoffnung

auf. Zeit für uns, einen - gezwungenermaßen unvollständigen - Rückblick auf die Geschichte eines Genres zu werfen, das wie kaum ein anderes von den Fans kultisch verehrt wird.

Am Anfang war das Wort
»Gehe nach Norden«, »Öffne Tür« und »Esse Knoblauch« - mit solchen geschriebenen Anweisungen bewegten sich Spieler durch ein Programm namens »Adventure«. Auch die Reaktion des Spieles beschränkte sich lediglich auf eine Textausgabe. An eine grafische Darstellung war in der Steinzeit der Computer noch nicht zu denken, die Umgebung entstand im Kopf der Spieler. Mit dem 1975 erschienenen Game bekam auch das Genre seinen Namen. Fortan stand »Adventure« für intelligente Rätselkost.

Entwickelt wurde es von dem Programmierer Will Crowther, der mit der Konzeption des ARPAnets beschäftigt war, einem Vorläufer des World Wide Webs. In »Adventure« kombinierte er seine Vorlieben für Höhlenwanderungen und »Dungeons & Dragons«-Rollenspiele, angeblich, um nach der Trennung von seiner Frau die Kinder zu beschäftigen. Zunächst aber beschäftigte das Spiel unzählige Computerprogrammierer, die sichdas Game über das ARPAnet zuschickten. Eine Legende besagt, dass die Computerindustrie dadurch zwei Wochen zurückgeworfen wurde - die Zeit, die es zur Durchquerung des Labyrinthes braucht. Viele der Spieler erinnern sich noch an die riesigen Übersichtskarten, die sie zur eigenen Orientierung gemalt haben.
1977 erschien eine überarbeitete Version des Spiels, die angeblich über eine Millionen Exemplare verkaufte.

Die Zahl der Raubkopien soll noch deutlich höher gelegen haben. Eine Zahl, die heute unglaublich ist.

Weitere Text-Adventures folgten, die besten und berühmtesten wurden von Infocom produziert. Dazu zählt die »Zork«-Reihe, die mit dem eher durchwachsenen Grafik-Adventure »Zork: Der Großinquisitor« erst 1998 zu Grabe getragen wurde.

Ein weiteres Highlight war die von Douglas Adams selbst betreute, sehr gelungene Umsetzung seines Bestsellers »Per Anhalter durch die Galaxis«.


Bild und Text
Mit der Ankunft neuer Rechner, die einen für die Zeit ab 1980 gigantischen Arbeitsspeicher von bis zu 48 KByte hatten, zogen Grafiken in die Spiele ein. Das erste Game dieser Art war »Mystery House« für den Apple II, entwickelt von Roberta Williams, die bald darauf zusammen mit ihrem Ehemann Ken die Entwicklerschmiede Sierra gründen sollte.

Waren es anfangs nur Standbilder in Vektorgrafik, die den Text illustrierten, so konnten bald auch Figuren durch die Szenerie stiefeln. Stand Infocom für überragende Text-Adventures, so waren es bei den Grafik-Adventures bald zwei andere Firmen, die den Markt beherrschten: LucasArts und Sierra.

Gegründet von »Star Wars«-Regisseur George Lucas, ist LucasArts für viele das Synonym für intelligente und lustige Adventures geworden. Mit diversen, auf den »Indiana Jones«-Filmen basierenden Spielen,der »Monkey Island«-Reihe sowie Einzeltiteln wie »Maniac Manison«, »Sam & Max« oder »Zak McKracken« konnte das Studio eine große Fan-Basis an sich binden.

Grafisch können diese Spieleklassiker mit heutigen Titeln nicht mithalten. Aber in puncto Rätseldichte und Storydesign haben sie nach wie vor Vorbildcharakter.
Auch die erst unter On-Line Systems firmierende Firma Sierra glänzte durch schön erzählte Geschichten, von denen viele eines gemeinsam hatten: Ein »Quest« im Namen. So gab es neben den Bestsellern »Kings Quest« und »Space Quest« auch noch »Police Quest« und »Quest for Glory«.

Ebenfalls eine Quest zu erfüllen hatte »Leisure Suit Larry«, selbst ernannter Frauenheld, der jedoch nie zu seinem Ziel gelangte.


Komplexere Spiele, einfachere Bedienung

Beide Firmen legten aber auch die Grundlagen für ein einfacheres Spielprinzip. Mussten bis dahin sämtliche Befehle eingetippt werden, so konnten die Spieler sie nun mit den Pfeiltasten aus einer Liste auswählen. Wer eine großartige neue Erfindung zur Computersteuerung, eine so genannte Maus, sein Eigen nannte, konnte sogar diese benutzen. Bei LucasArts hieß das SCUMM-Engine, Sierra folgte mit der SCI-Engine.

Bis 1995 entstanden so Spiele und Figuren, die noch heute im Gedächtnis vieler Spieler sind: Reporter Zak McKracken, der die Erde vor Elvis-hörenden Aliens retten muss, der ewige Looser Leisure Suit Larry und am bekanntesten wohl der Möchtegern-Pirat Guybrush Threepwood, Held und Beschützer von »Monkey Island«. Ausgesprochen erfolgreich waren hierzulande auch die ersten beiden Abenteuer von »Simon The Sorcerer« und die Trilogie »The Legend Of Kyrandia«.

Beide Reihen nahmen das Genre als solches auf die Schippe, im abschließenden Teil von »Kyrandia« fischt Anti-Held Malcolm dringend benötigtes Inventar von der Müllkippe ... Schließlich war in jedem normalen Adventure ein wichtiges Teil im Papierkorb versteckt!

Myst und die Folgen
Den Höhepunkt und gleichzeitig den Wendepunkt des Adventure-Booms markierte »Myst«. Anfang 1994 erschienen, verkaufte es seitdem über fünf Millionen Exemplare und ist damit eines der bestverkauften Spiele aller Zeiten.

Mit schön gerenderten Hintergründen und einem neuartigen Gameplay - der Spieler sieht die menschenleere Landschaft aus der Ich-Perspektive und klickt sich Bild für Bild weiter - war es mit den bisherigen Adventures kaum zu vergleichen. Der Vergangenheit gehörten damit aber auch Spielspaß und lustige Dialoge an. Für viele gestandene Adventure-Spieler setzten »Myst« und sein Nachfolger »Riven« neue Maßstäbe in Sachen Langeweile.Aufgrund des riesigen Erfolges setzten trotzdem viele Spielehersteller auf »Myst«-Klone, was zu einer Flut halbgarer Produkte führte, die das Genre in Verruf brachten und für sinkende Absatzzahlen sorgten.

Gleichzeitig begann die Zeit, die mit fragwürdigen Experimenten versuchte, das Adventure-Genre zu erneuern. Als absoluter Tiefpunkt darf der Versuch gewertet werden, mit Schauspielern gedrehte Filmszenen in die Spiele zu integrieren. »Gabriel Knight 2«, Nachfolger des hoch gelobten Sierra-Spiels, beeindruckte mit einem Umfang von sieben CDs und einer unerträglichen Geschichte, welche durch unbeholfen agierende Schauspieler zumindest einen unfreiwilligen Humor entwickelte.

Der Aufstieg der Action-Adventure
Einen Ausweg aus der plötzlichen Krise fand Eidos. Mit »Tomb Raider« gelang es nicht nur, die bekannteste Kultfigur für Computerspiele - Lara Croft - zu entwerfen, sondern auch ein neues Genre zu etablieren:

Das Action-Adventure, zusammengefügt aus den Rätselelementen der Adventures und der Action aus den gerade aufkommenden Ego-Shootern. Plötzlich mussten in jedem Action-Game verborgene Schalter gefunden werden und kleine Rätsel gelöst werden. Oftmals merkte man den Spielen an, dass diese Pseudo-Rätsel völlig sinnfrei eingebaut wurden, nur damit man es im Handel im Action-Adventure-Regal finden konnte.

Doch sogar LucasArts zeigte sich beeindruckt und verpasste dem vierten Teil der »Indiana Jones«-Reihe ein »Tomb Raider«-Gameplay. Das geschah allerdings zu einer Zeit, als auch dieses Genre seinen Reiz verloren hatte. »Indiana Jones und der Turm von Babel« konnte auch deshalb nicht an die Verkaufserfolge seiner Vorgänger anknüpfen.
Klassische Adventures dagegen erschienen immer weniger. Aber immer wieder fanden sich wahre Perlen.



So entwickelte LucasArts mit »Vollgas«, ein Biker-Adventure mit dem liebenswürdig bärbeißigen Ben als Hauptfigur. In »Grim Fandango« wurde erstmals eine neue Steuerung eingeführt, die viele Fans für eher misslungen halten, da die Hauptfigur über die Pfeiltasten durch das Bild geführt werden muss.

Doch trotz dieses Mangels ist die Odyssee von Manny Calavera, Reiseberater in der achten Unterwelt, eine der schönsten jemals auf einen Computer gebrachten Geschichten. In einer Grafik, die zwischen mexikanischen Mythen und bizarren Jugendstilzeichnungen schwankt, entsteht eine rührende Handlung, die deutliche Anleihen an den Film »Casablanca« zeigt.

Tod und Wiedergeburt
Adventures waren nahezu tot. »Grim Fandango« verkaufte trotz sehr guter Kritiken schlecht. Die »Monkey Island«-Reihe war auf Eis gelegt und auch sonst stand alles im Schatten der übermächtig gewordenen Ego-Shooter, die durch

grafische Pracht und simples Gameplay ihr Publikum fanden.
Doch langsam keimte neue Hoffnung. Positive Überraschungen waren die Umsetzung des Filmes »Bladerunner« durch Westwood oder das auf den Büchern von Terry Pratchett basierte »Discworld Noir«, welches erstmals Gerüche in Spiele einführte - zum Glück für Spielernasen nur optisch dargestellt.

Ein richtiges Highlight war das wunderbare »The Longest Journey« der norwegischen Entwickler von Funcom. Das Adventure verkaufte sich im Jahr 2000 wieder Erwarten vor allem in Nordamerika sehr gut. Die Geschichte der Kunststudentin April Ryan, die eine in zwei Teile zerfallene Welt wieder vereinigen muss, ist ein Meisterwerk der Erzählkunst, das mit logischen, der Geschichte dienenden Rätseln auch Adventure-Neulingen zugänglich war. Auch wenn eine Angel, die aus einer Gummiente, einer Zange und Wäscheleine besteht, eher ungewöhnlich ist.

Bewegung von unten: Fanprojekte
Doch diese Spiele waren eher rühmliche Ausnahmen. Vielen Fans reichte das nicht. Sie sehnten sich nach den guten alten Zeiten zurück. Neben unzähligen, auf Basis der alten Adventure-Engines geschriebenen Spielen gibt es zwei Projekte, die sich daran versuchen, alte Klassiker weiterzuführen.

Schon länger in der Planung ist »Baphomets Fluch 2.5«. Seit 2000 arbeitet eine Gruppe von Fans an einer inoffiziellen Fortsetzung. Inzwischen haben sie Alexander Schottky, die Stimme von Hauptfigur George Stobbart aus den ersten beiden Teilen des Spiels gewinnen können. Kleiner Wermutstropfen: Das Spiel wird wohl nicht vor 2004 erscheinen.

Fertig dagegen ist »Zac McKracken 2«, eine Fan-Fortsetzung des LucasArts-Klassikers. Alte Adventure-Freunde werden die Anspielungen auf frühere Zeiten zu würdigen wissen. Immerhin können hier endlich Motorsäge undBenzinkanister zusammen verwendet werden. Zwei Gegenstände, von denen einer in »Maniac Mansion«, der andere in »Zak McKracken« auftauchte, und die im jeweiligen Spiel nicht verwendet werden konnten.

Für Neulinge ist das eher kurze Spiel wahrscheinlich schwer zu durchschauen. Einen Blick ist es auf jeden Fall wert.

State of Adventure
Doch auch die Hersteller scheinen bemerkt zu haben, dass es genug Spieler gibt, die nach einer Flut von Action-Games wieder ruhigere Rätselkost suchen.

Mit The Adventure Company (TAC) kommt nun ein Publisher nach Europa, der sich ganz dem Genre verschrieben hat. Etwas verhalten waren die ersten Reaktionen, hat die Firma doch auch Reste des inzwischen aufgelösten französischen Cryo-Labels übernommen, das eher durch Adventures von der Stange als durch innovative Spiele auffiel.

In Nordamerika hat TAC allerdings das wunderbare »Syberia« (siehe gamona 2/2003) vertrieben und auch das an anderer Stelle in dieser Ausgabe besprochene »Salammbo«, kann durch eine gute Geschichte und eine schöne Grafik glänzen. Nicht umsonst steht hinter dem Spiel Comiczeichner Philippe Druillet.
Die größte Überraschung ist allerdings die Ankündigung von LucasArts, gleich zwei Klassiker wiederzubeleben: »Vollgas« und »Sam & Max«.

Die Biker-Saga um Ben, den Anführer einer Gang namens Polecats, findet in »Full Throttle - Hell on Wheels« in diesem Winter seine Fortsetzung. Etwas actionlastiger als der Vorgänger, wirken die Trailer bereits viel versprechend.

Einige Kritiker bemängelten die Action schon - haben aber wohl den legendären Motorradkettenkampf des ersten Teiles vergessen.Auch »Sam & Max«, das legendäre, aus Hund und Kaninchen bestehende Detektiv-Duo, kann ab nächstem Frühjahr wieder auf absurde Verbrecherjagd gehen.

Das angekündigte Adventure »Freelance Police« wird wohl ähnlich wie »Full Throttle« mehr Action-Anteile haben, doch soll der Rätselspaß nicht zu kurz kommen.

Es ist nicht alles gut im Abenteuerland, doch das Genre scheint seine Phase der Leichenstarre überwunden zu haben. Totgesagte leben eben doch länger ...

Im Nostalgiefieber
Wer die Faszination alter Adventures selbst erleben möchte, findet im Netz eine Auswahl an Spielen, die ihn für einige Monate beschäftigen sollten. Allerdings sind gute Englischkenntnisse nötig.

»Adventure«, das Spiel, mit dem alles begann, findet sich in einer Online-Version unter: uwec.de

Auf der Seite des leider viel zu früh verstorbenen Douglas Adams findet sich ebenfalls eine Online-Version von »Hitch Hikers Guide to the Galaxy«: DouglasAdams.com

Die ersten drei Teile der »Zork«-Reihe finden sich zum freien Download unter:
Csd.Uwo.ca

Das Interactive Fiction Archive bietet neben einer große Anzahl alter und neuer Text-Adventures viele informative Artikel zur Geschichte der Adventures:
Ifarchive.orgEin riesiges Archiv für Demos und Fanspiele, die auf der Spiele-Engine von Sierra basieren, findet sich auf der Seite von Classicgaming. Wer Lust bekommen hat, sein eigenes Adventure zu gestalten findet hier die entsprechenden Hilfsmittel:
Classicgaming.com

Das Fan-Adventure »Zak McKracken 2« ist auf Deutsch erschienen und kann unter folgender Adresse frei heruntergeladen werden:
Zak2.de

Wer sich über den Fortschritt von »Baphomets Fluch« informieren will, kann das hier tun:
Chromeflowers.de