Advent Rising (PC Review)
von Patrick Streppel

Wie wichtig ist die Story in einem Spiel? Majescos SF-Märchen Advent Rising bietet eine epische Handlung mit überraschenden Wendungen, sympathischen Charakteren und grandiosen Zwischensequenzen, hat jedoch mit Gameplay- und Technik-Macken zu kämpfen.

Bis vor einem Jahr war der kleine US-Publisher Majesco ein leuchtender Stern unter den Großen der Branche, die immer nur auf Fortsetzungen, große Lizenzen und ausgelutschte Gameplay-Formeln zu setzen schienen. Finanziert durch den Überraschungserfolg des Vampir-Abenteuers Bloodrayne und die innovativen GBA-Videos, investierte das ursprünglich nur im Budget-Markt aktive Unternehmen in eine Reihe innovativer, vielversprechender Titel: Der Next-Gen-Titel The Darkness, Tim Schafers aberwitziges Psychonauts, das "Grand Theft Hai" Jaws, Planet Moon's PSP-Debüt Infected sowie vor allem Advent Rising.

In Zusammenarbeit mit dem bekannten SF-Autor Orson Scott Card konzipiert, geplant als eine SF-Trilogie (plus PSP-Ableger Advent Shadow) und entwickelt auf Basis der Unreal-Technologie, hatten Spieler und Hersteller große Erwartungen an den epischen Actiontitel - zu große.

Advent Rising - Geheimtipp für Story-Liebhaber: Advent Rising setzt auf Tiefgang - geht das Gameplay flöten?

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Finanzielle Schwierigkeiten auf Seiten Majescos und Probleme des jungen Entwicklers GlyphX sorgten dafür, dass die Xbox-Version von Advent Rising im Mai 2005 unfertig auf den US-Markt kam und folglich von Kritikern versenkt wurde - der Flop war vorprogrammiert, doch auch die deutlich verbesserte PC-Version erlitt nach der schlechten Publicity im Sommer das gleiche Schicksal. Mehr als sechs Monate hat es gedauert, bis beide Versionen von THQ nach Deutschland gebracht wurden - wobei wir uns fortan vor allem der deutlich besseren PC-Version widmen wollen.

Das Ende der Menschheit
Advent Rising beginnt zunächst harmonisch: Über der Heimatwelt der Menschen taucht plötzlich ein gewaltiges, außerirdisches Raumschiff auf. Als ein Angriff jedoch ausbleibt, wächst die Hoffnung auf einen friedlichen Besuch der Fremden. Hauptcharakter Giddeon Wyeth landet auf der nahen Raumstation und findet zunächst Zeit für ein ausführliches Training, einen Drink in der Bar und eine Schmuserunde mit seiner Liebschaft, der Wissenschaftlerin Olivia. Der erste Einsatz lässt aber nicht lange auf sich warten, denn der Pilot und sein Bruder Ethan sollen die Botschafterin der Menschen auf das Alienschiff eskortieren.

Packshot zu Advent RisingAdvent RisingErschienen für XBox und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Dort erwarten sie alles andere als gute Nachrichten: Die Aurelianer, wie die Fremden heißen, wollen die Menschen vor ihrem sicheren Untergang warnen. Eine weitere Rasse, die nur die "Sucher" genannt wird, hat es sich zum Ziel gesetzt die Menschheit vollständig auszulöschen. Mit ihrer minderbemittelten Technologie haben die Menschen dem nichts entgegen zu setzten und obwohl die Aurelianer ihre Hilfe anbieten, lassen sie doch wenig Hoffnung.

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Noch während Gideon und Ethan das Shuttle zurück zur Station steuern, tauchen Schiffe der Sucher aus dem Hyperraum auf und eröffnen das Feuer. Das Shuttle gerät außer Kontrolle und kollidiert mit der Station, die in diesem Augenblick bereits geentert wird. Was folgt, ist einer der eindringlichsten Level von Advent Rising: Mit brutaler Gewalt fallen die Sucher über die Station her, überrennen die Sicherheitskräfte und töten alle, die ihnen zu nahe kommen. Giddeon muss seinen verletzten Bruder zur Rettungskapsel bringen, doch auch Olivia will aus den Klauen der Sucher gerettet werden.Am Ende steht eine schwerwiegende Entscheidung, denn Giddeon kann nur mit einem von beiden zum Planeten fliehen, der andere bleibt auf der explodierenden Station zurück.

Der tragische Wendepunkt soll nicht der einzige bleiben: Nach dem Absturz kämpfen sich Giddeon und seine Begleitung durch eine in Trümmern liegende Stadt zum Außenposten der Armee vor - nur um dort den Befehl zur Evakuierung zu bekommen. Während die Sucher alles in Schutt und Asche legen, treffen die beiden auf Marin Steel, die sie mit ihrem Schiff gerade noch von der Oberfläche bringt, bevor der ganze Planet explodiert. Nur drei Menschen haben den Holocaust überlebt.

Mit weiteren Feinden in der Nähe scheint ihr Schicksal besiegelt, doch in diesem Augenblick taucht ein Schiff der Aurelianer auf und nimmt die Heimatlosen an Bord. Hier offenbaren sie, warum die Sucher ausgerechnet die Menschen auslöschen wollen: In einigen von ihnen schlummert eine alte Kraft, die weit über Telekinese hinausgeht.

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Giddeon ist einer dieser wenigen und die Aurelianer helfen ihm, die verborgenen Fähigkeiten zu wecken. Keine Sekunde zu früh, denn als ein Schiff der Sucher angreift, braucht der junge Mann alle Kraft um sich zur Wehr zu setzen…

Fokus auf Story
Wenn Advent Rising eine Stärke hat, so ist es zweifellos Story und Atmosphäre: Die Geschichte um die Auslöschung der Menschheit und die beiden einzigen Überlebenden ist spannend erzählt und geht dabei wirklich unter die Haut. Die sympathischen Hauptcharaktere besitzen Tiefe und zeigen im Spielverlauf eine deutliche Entwicklung, die den Spieler mitfiebern lässt.

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Die Handlung ist dabei nicht nur äußerst wendungsreich, sondern bietet dem Spieler auch einige Verzweigungen - wie die oben bereits angedeutete Wahl zwischen Bruder und Geliebten - die sich durch das ganze Spiel zieht. Das epische Skript von Autor Orson Scott Card vereint Dramatik, Humor und eine priese Romantik und wird durch zahlreiche, aufwendige Zwischensequenzen zum Leben erweckt, die sich perfekt in den Spielfluss einfügen. Advent Rising ist ein storylastiges, sehr cineastisches Actionspiel, das überwiegend Fernkämpfe mit futuristischen Waffen und telekinetischen Kräften bietet.Obwohl optional auch eine Ego-Perspektive wählbar ist, empfiehlt sich die 3rd Person-Ansicht, bei der die Kamera mit der Maus (PC) bzw. dem Analog-Stick (Xbox) frei rotiert werden kann. Der Spieler konzentriert sich dabei ganz auf die Waffenwahl sowie geschicktes Ausweichen - Sprünge, Rollen und Seitwärtsräder gehören zum Repertoire und sind überaus nützlich - das Zielen übernimmt indes das Auto-Aiming. Während die Xbox an einem vollautomatischen Zielsystem krankt, das den nächsten Gegner eigenständig anvisiert und die Kamera entsprechend schwenkt, schalten PC-Spieler manuell mit dem Mausrad durch die einzelnen Ziele - eine sehr komfortable Lösung, die den Hauptkritikpunkt der Konsolenfassung aus den Angeln hebt.

Halo Rising
Trotz der 3rd-Person Perspektive erinnert Advent Rising in so mancher Hinsicht an Halo.Da wären das Schild-System, das sich ähnlich wie beim Master Chief nach einigen Sekunden regeneriert, das Design der futuristisch-bunten Wummen sowie die Option, stets eine Waffe pro Hand zu verwenden, wobei natürlich die Knarren gefallener Feinde aufgesammelt werden können. Wie in Bungies Vorzeigewerk dürfen wir auch bei Advent Rising stationäre Waffen, Schwebegleiter oder Buggys bemannen, bei denen ein Kamerad das Geschütz bedient. Optische Ähnlichkeiten existieren beim Design der Aliens - die Sucher könnten Verwandte der Covenant sein - sowie beim zweiten Level, in dem sich Giddeon durch eine zerstörte Stadt ballert, die stark an den Erdabschnitt in Halo 2 erinnert. Grundsätzlich sind die Level recht abwechselungsreich: Von der umkämpften Raumstation über sterile Landeplattformen, große Raumkreuzer und einer Wolkenstadt bis zu bewaldeten Inseln wird viel Abwechselung geboten. In einem Level bricht unser Schiff um uns herum auseinander, ein anderes Mal dringt plötzlich von allen Seiten Wasser ein.

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Das Waffenarsenal reicht von Pistole, Maschinengewehr und Plasmawaffe bis zu Raketenwerfer und Granate, wobei wir auch zwei unterschiedliche Schießprügel in den Händen halten dürfen. Alternativ können wir jede Hand aber auch mit einer der übermenschlichen Kräfte belegen, die Giddeon im Spielverlauf hinzugewinnt: Wir verlangsamen wie bei Matrix die Zeit, schießen Eisstrahlen aus den Händen, bauen Schutzwände wie bei Project Snowblind auf, reißen Gegner mit Schockwellen von den Füßen oder wenden wie bei Second Sight Telekinese an. Meist werden diese Fähigkeiten vor einem Boss-Kampf in einer Zwischensequenz freigeschaltet und durch häufigen Gebrauch stufenweise aufgewertet.

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Wer gut trainiert, muss im späteren Spielverlauf keinen Gedanken mehr an die Waffen verschwenden, was Munition und nerven spart. Apropos Endgegner: Neben hochrangigen Suchern stellen sich uns ein Steine werfendes Ungeheuer oder ein von Bobba Fett inspirierter Kopfgeldjäger entgegen, die meist nach einem gewissen Schema bezwungen werden müssen.

PC hui, Xbox pfui
Optisch kann sich Advent Rising dank einer modifizierten Unreal 2-Engine samt Karma Physik durchaus sehen lassen, wobei vor allem der bunte, fantasievolle Grafikstil gefällt.

Statt eintöniger Level erfreuen viele Details das Auge, das Actionreiche Spielgeschehen wird von zahllosen Transparenz- und Verzerrungseffekten, großen Explosionen und grellen Lichteffekten begleitet und zwingt dadurch leider die Xbox so manches Mal in die Knie. Auf dem PC ist Performance nicht nur kein Thema, hier sieht das Spiel dank hoher Auflösungen und Anti-Aliasing auch auf mittleren PCs durchweg gut aus.

Der Unterschied zwischen den Versionen ist leider auch an anderer Stelle zu spüren: Wie oben bereits erwähnt, ist die automatische Zielwahl bei der Konsolenversion alles andere als optimal - vor allem solche Spieler, die gerne mal an Feinden vorbei schleichen oder flüchten, werden frustriert sein wenn ihr Held ohne zutun auf Gegner aufschaltet, die Kamera wild herumwirbelt und der Charakter entsprechend verlangsamt.Auch die Bugs - obwohl in beiden Versionen vorhanden - fallen bei der Xbox-Fassung deutlich gravierender aus: Mal zermatscht uns unverhofft ein Fahrstuhl, mal setzt der Sound einfach aus, dann fehlt plötzlich eine Zwischensequenz bzw. es wird die falsche Cutszene abgespielt. Leider ist in beiden Versionen die Steuerung der Buggys nicht optimal geraten und auch die vereinzelten Level-Ungereimtheiten schmälern unnötig den Spielspaß. Insgesamt fehlt es Advent Rising an Finetuning.

Für Majesco hat der Misserfolg von Advent Rising in den USA nun haarsträubende Konsequenzen: Nicht nur, dass weitere Teile der Advent-Trilogie sowie der PSP-Ableger Advent Shadow gestrichen wurden, der Publisher musste seine übrigen Entwicklungen entweder verkaufen oder einstellen und so das Vollpreis-Segment gänzlich verlassen. Ob ein Nachfolger jemals erscheint, darf bezweifelt werden. Wir Spieler werden den Ausgang der brillanten Story somit wohl nicht erfahren…