Irgendwann wollte ich bestimmt mal Astronaut werden. Falls dieser Wunsch auch nur im Entferntesten noch irgendwo in mir keimte, hat ihn Adrift jetzt aber erfolgreich erstickt.

Adr1ft - "Clair de lune"-Trailer

Das erste Dead Space hat mich damals schwer begeistert. Nicht nur, weil es so verdammt angsteinflößend war und ich das Spiel nach dem Schocker-Intro erst einmal zwei Wochen unberührt habe liegen lassen, sondern vor allen Dingen aufgrund der tollen Atmosphäre. Die Abschnitte, in denen Isaac durch luftleere Räume in Schwerelosigkeit manövrieren musste, ließen mir den Atem stocken. Es war diese alles verhüllende Stille, die angestrengten Atemzüge und entfernt wirkende, dumpfe Geräusche die mich damals so unglaublich in Beschlag nahmen. Auch heute noch haben diese Passagen einen wohlgehüteten Platz in meinen Erinnerungen.

Und eben jenen Teil von Viscerals Sci-Fi-Spuk dehnt Adrift auf ein komplettes Spiel aus, befreit ihn aber von gruseligen Mutantenmonstern und verleiht ihm einen etwas realistischeren Anstrich. Klingt großartig – ist es aber leider nicht.

Adrift - Ereignisloses Vakuum

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Gerade noch mal gutgegangen: An einem Seil an der zerborstenen Raumstation baumelnd, beginnt Adrift mit spektakulärem Ausblick.
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Gravity

Die Ausgangslage von Adrift versetzt euch in den Raumanzug einer einzelnen Überlebenden einer zerstörten Raumstation. Durch einen glücklichen Zufall wurdet ihr nicht ins All geschleudert und dabei eurem sicheren Tod überlassen, sondern hängt an einem Seil nahe der zerbröselten Station. Eure Aufgabe ist es, die Unglücksstelle zu untersuchen, Kontakt mit der Erde aufzunehmen und zu überleben.

Der Spielablauf orientiert sich dabei an Titeln wie Gone Home oder Dear Esther, die gern abschätzig als „Walking Simulatoren“ bezeichnet werden. Nur wird in Adrift nun einmal nicht „gegangen“, sondern in der Schwerlosigkeit geschwebt. Da euer Sauerstoffvorrat direkt an alle wichtigen Funktionen eures Raumanzugs gekoppelt ist – beispielsweise eure Schubdüsen, mit denen ihr euch durch All und Raumstation bugsiert – fällt euer Vorrat entsprechend schnell ab. Deshalb ist das Einsammeln von Sauerstofftanks und (später) das Nutzen von Sauerstoffstationen ein wichtiger Bestandteil.

Adrift - Ereignisloses Vakuum

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Über Computerterminals und Audiofiles verteilt Adrift Brotkrumen einer wenig interessanten Geschichte.
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Leider verhindert vor allem diese Mechanik, dass ihr euch so richtig auf die Spielwelt einlassen könnt. Während die Atmosphäre ab Minute eins einnehmend und bedrückend ist, werdet ihr vom Spiel wie an der Schnur von einer Kiste mit Sauerstofftanks zur nächsten gescheucht. Adrift bestraft mit dieser Mechanik Spieler, die sorgsam die Station untersuchen wollen. Ich verstehe, dass der abfallende Sauerstoff die Bedrohung in dieser Situation deutlich machen soll, trotzdem hätte er gern etwas weniger schnell zur Neige gehen können. Wenn ich nach dem Durchflug eines kleinen Ganges schon wieder nach der nächsten Sauerstoffladung japse, ist das spätestens nach einer halben Stunde nervtötend.

Mit seiner Ereignislosigkeit und den aufgezwungenen Spielelementen pustet Adrift seine dichte Atmosphäre ins luftlose Nichts.Fazit lesen

Im All sieht niemand, wie du dich langweilst

Das größte Problem von Adrift ist aber, dass es mir nichts zu erzählen hat. Zwar kann ich anhand von E-Mails und Audioaufnahmen Teile der Geschehnisse auf der Station rekonstruieren, aber diesen Teil nehme ich nur tertiär wahr. Die Eindrücke wirken mehr wie entferntes Hintergrundrauschen, während ich in der Schwerelosigkeit, mit meinem eigenen Körper kämpfend, wichtigere Dinge zu tun habe. Die Geschichte ist nicht präsent genug, um mich nach mehr gieren zu lassen. Und auch die angedeuteten Schicksale der Besatzung gehen mir ordentlich am raumbeanzugten Allerwertesten vorbei, da ich von den Damen und Herren im Vorfeld nun einmal nichts gesehen oder gehört habe, um mit ihnen auch nur im Entferntesten zu sympathisieren.

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Ich weiß, ich sagte es bereits, aber da es nicht viel mehr über Adrift zu sagen gibt: Gut schaut’s aus!
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Die Steuerung unseres weiblichen Weltall-Robinson-Crusoes ist im Ansatz eigentlich gelungen: Über die Schubdüsen des Anzugs können wir uns recht einfach in die gewünschte Richtung bewegen, uns drehen oder auf- und absteigen. Das braucht zwar etwas Eingewöhnung, funktioniert aber überraschend gut. Nur leider ist die Bewegungsgeschwindigkeit so gering, dass ich mir gerade auf längeren Strecken so vorkomme, als wäre ich in einen riesigen Topf aus Honig gefallen. Es ist seltsam, dass das Entwicklerteam nicht das enorme Potential gesehen hat, das in dem Konzept steckt und stattdessen durch ihre Spielmechaniken mehr und mehr unsere Geduld auf die Probe stellen.

Es ist wirklich eine Tragödie, dass nicht mehr aus dem Ansatz von Adrift gemacht wurde. Denn in Sachen Atmosphäre und Präsentation gibt es von meiner Seite aus kaum Kritik. Der Ausblick auf die zerstörte Raumstation zu Beginn ist nichts geringeres als atemberaubend. Und auch innerhalb der zerborstenen Gänge, die von aufgewirbelten Überresten des früheren Lebens durchsetzt sind, ist das Spektakel kaum geringer. Die Geräuschkulisse ist dabei stets hervorragend, lässt in der Regel dem geräuschlosen Vakuum viel Platz, das nur selten von Lauten unserer Protagonistin oder entfernten Funksprüchen durchstoßen wird.