„Waaas, du kommst nicht mit in den Club?! Was hast du denn bitte jetzt noch vor?!“ – Nun, die korrekte Antwort wäre: „Videospiele spielen!“, aber das sage ich nicht. Ich erfinde eine Ausrede und nehme die Bahn in die andere Richtung. Doch warum ist mir das unangenehm? Warum nicht einfach ehrlich sein? Irgendwie finde ich es selber ungeil, mehr auf Videospiele zu stehen als auf diesen „mega abgefahrenen Club“. Ich glaube, ich sollte mal mit mir selbst reinen Tisch machen.

Ich nehme einen großen Schluck und stelle die Flasche wieder auf den Tisch. „Leute, wisst ihr, welchen Song ich euch UNBEDINGT zeigen muss?!“, fragt Stefan. Er hüpft zum Rechner und macht über Soundcloud den Electromix #324_v2.0_FINALM1X von irgendeinem total geilen Newcomer an. Dass ich als Metalcore-Fan in Berlin nicht ganz zum allgemeinen Musikgeschmack der Anfang/Mitte 20-Jährigen passe, war mir ja von Anfang an klar. Dass ich mich aber nach etwa zwei Jahren in der Electro-Hauptstadt immer noch nicht dran gewöhnt habe, stört mich heute irgendwie mehr als sonst.

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Ob Brunnen, Ritter Butzke, Suicide Circus oder Cosmonaut, keine der Club-Auswahlmöglichkeiten, die nach dem Vortrinken angepeilt sind, macht mich auch nur im Geringsten geil. Heute habe ich aber schon eine Entscheidung getroffen, wie mein Abend nach der lustigen Runde weitergeht. Mein Bier und ich werden uns nicht in die S-Bahn Richtung „Feiern, bis das Tageslicht das Berghain flutet“ begeben, sondern Richtung Summoner's Rift und de_Dust2. Als ich den anderen verkünde, dass ich jetzt abhaue, werde ich mit großen Augen angeguckt.

Auf die Aussage hin, dass ich jetzt nicht so Bock auf feiern hätte, werde ich angeschaut, als ob ich gerade mein Genital in jedes Getränk getunkt hätte. Doch egal, wie sehr mich die anderen mit bestem Willen davon überzeugen möchten, mit ihnen jetzt loszuziehen: die Aussicht mit Sivir einen Quadrakill im Lategame zu machen reizt mich heute wesentlich mehr.

ABC-Kolumne - B wie Bier: Zocken statt feiern und Spaß dabei

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Auch Gragas weiß, was gut ist!
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Jaaa. Jetzt sehe ich schon eure Kommentare. „Typisch Gamer-Nerd. Hab doch mal Reallife!!11“ Ich streite es keineswegs ab. Die Entscheidung, heute Abend nach Hause zu fahren anstatt in Gesellschaft zu bleiben, ist definitiv verkackt nerdig. Definitiv uncool und lame. Doch der Abend, den ich mit meinem Bier, einer Tiefkühlpizza und Videospielen an meinem PC verbracht habe, hat mich auf jeden Fall glücklicher gemacht als zu versuchen, mich für 15 Euro stundenlang zu Electro-Beats zu bewegen. Zum einen ist es nicht meine Musik, zum anderen ist heute echt nicht mein Abend.

Die Entscheidung, die Gruppe zu verlassen, ist mir wirklich nicht leicht gefallen. Ich mag es, in Gesellschaft zu sein. Ich mag es, mit Leuten über Musik zu diskutieren. Doch eines ist mir in dieser Nacht klar geworden: Die ewige Diskussion „Junge, geh doch mal nach draußen!“ kennen höchstwahrscheinlich die meisten Gamer. Den Standpunkt, dass Kinder und Jugendliche so oft es geht draußen, und nicht an ihren iPads spielen sollten, unterstütze ich auch mit ganzem Herzen. Doch irgendwie hat es sich in mich eingefressen, dass ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, wenn mein Bier und ich unsere Zweisamkeit lieber mit Videospielen und nicht mit übersteuerten Subwoofern teilen wollen.
Ich mag zwar ein Sonderfall sein, da ich kein Problem damit habe, Einsamkeit vorzuziehen. Doch als jemand, der lang genug von Gruppenzwang und Selbstzweifel geplagt war, kann ich folgende Aussage selbstbewusst treffen:

Bier, Pizza und Videospiele > in Clubs abtanzen

Ja, ich hab's gesagt! Das Ereignis am letzten Samstag war für mich das erste Mal, dass ich mich nicht irgendwelchen sozialen Zwängen ergeben habe und meine Nerdigkeit vorgezogen habe. Und verdammt noch mal: Ich hatte einen geilen Abend.

Ich will ehrlich mit euch sein: Mit Sicherheit werde ich mich nicht für immer und ewig in meinem Zimmer einschließen und mich betrinken, absoluter Bullshit. Aber ich möchte mich nur einmal öffentlich gegen diese Selbstzweifel aussprechen. Diese Selbstkritik, dass man ein blöder „Kacknerd“ ist und doch lieber Gesellschaft suchen sollte, damit der Abend wirklich als „gut“ bezeichnet werden darf. Eine ganze Nacht am Controller zu hängen kann genau so geil sein wie ein crazy Party-Abend im Szenebezirk. Für mich sogar geiler. Punkt.

Den zweiten Teil der ABC-Kolumne zum Thema "B wie Bier" findet ihr auf der Webseite von GIGA.

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In der ABC-Kolumne beschäftigen sich die Redaktionen von GIGA und Gamona alle zwei Wochen mit einem auf den ersten Blick eher banalen Thema, das nach Reihenfolge des Alphabets festgelegt wird. Von Affe über Bier und China bis Ziegelstein schreiben wir in Kolumnen, Erfahrungsberichten oder Gedichten unsere Assoziationen zu Videospielen nieder. Dabei begeben wir uns mit euch auf eine fantastische Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Kultur der Titel, die uns auf eine ganz andere Art und Weise berührt haben.

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