Ihr denkt vielleicht, A Way Out ist ein Spiel über zwei Männer, die aus dem Gefängnis ausbrechen; ein “Die Verurteilten” (immerhin der bestbewertete Film auf Imdb), das auf Story, Dramatik und Entscheidungen setzt. Das stimmt nicht ganz. A Way Out handelt von einem Gefühl, das wellenartig aus den Bildschirmen kriecht und wandert; zur Couch, zu den Kissen vor dem Fernseher oder an zwei ganz verschiedene Orten irgendwo auf der Welt bei einem Online-Koop-Spiel – zu euch. Es geht um Freundschaft, doch was mit den Protagonisten Leo und Vincent beginnt, erreicht alsbald Spieler 1 und Spieler 2, die eigentlichen Hauptfiguren von A Way Out.

Wie sieht ein Spiel aus, das einzig für Couch-Koop entwickelt wurde? Seht selbst:

A Way Out - Lerne Vincent und Leo kennen!2 weitere Videos

Nachdem Entwickler und Herzstück des A-Way-Out-Teams Josef Fares auf den Game Awards 2017 ein “Fuck the Oscars!” verlauten ließ und gleichsam ziemlich sympathisch sein Spiel verteidigte, bekam ich den seltsamen Indie-EA-Koop-Titel A Way Out nicht mehr aus dem Kopf. Alles nur Show, oder steckt in dem Spiel wirklich so viel Leidenschaft, wie Fares nach seinem Auftritt vermuten ließ? Schließlich ist es doch zu einem großen Teil die Liebe zum Spiel selbst; das Herzblut, das in die einzelnen Szenen, Worte und Grafiken geflossen ist, was gute Titel von fantastischen unterscheidet.

A Way Out im Test: Leo und Vincent

A Way Out ist nicht lang; ich spielte etwa zwei Abende mehrere Stunden bis die finalen Credits über den Bildschirm flossen. Es ist kein Blockbuster; zu einfach an vielerlei Stellen und mit einer Story verwebt, die berührt, aber keineswegs das Genre neu definiert. Es gibt genug Klischees, um sie als Zitate auf andere Werke der Ausbruch-aus-dem-Gefängnis-Schublade zu lesen und genug wundervolle Kamerafahrten, damit das Spiel samt Story noch am ehesten als Film überzeugen kann.

Es ist ein gutes Spiel. Und eine fantastische Erfahrung gemeinsam mit eurer zweiten Hälfte, die einen Zenit am Ende erfährt, den ich hier nicht spoilern werde. A Way Out kostet knapp 30 Euro und kann über den Freundes-Pass mit einer Person eurer Wahl durchgespielt werden, ohne dass eine weitere Version benötigt wird. Mein Tipp: Kauft es; spielt es gemeinsam und meidet das Internet bis die Credits über euren Bildschirm gewandert sind.

Zu Beginn des Spiels wählt ihr euren Charakter

Leo, Vincent und eine ziemlich beste Freundschaft

Leo Caruso, 36 Jahre alt, in Haft wegen bewaffnetem Überfall, Körperverletzung, Diebstahl. Seine Strafe: 8 Jahre. Dann Vincent Moretti, 43 Jahre alt, Betrug, Untreue und Mord. Seine Strafe: 14 Jahre im Gefängnis. Das Spiel beginnt, nachdem ich meinen Charakter gewählt habe; ich sitze mit Vincent im Bus auf der Fahrt ins Gefängnis.

Zunächst füllt Vincent den gesamten Bildschirm, ehe der Screen davon krabbelt, nach rechts und ein zweiter Blickwinkel erscheint: Leo, auf dem Hof des Gefängnisses. Ich beobachte, wie er mit einem anderen Insassen redet, während ich gleichzeitig aussteige und begleitet von den Wärtern und anderen Neuankömmlingen die Treppe zum Haupteingang nehme. Leo indessen rennt zum Zaun, lehnt sich dagegen und sieht mich; ebenso wie ich ihn sehe und die anderen Häftlinge beginnen zu pöbeln und zu schreien “FRISCHFLEISCH!”; es ist wie der Beginn eines Liebesdramas im Knast. Ein Film aus zwei Blickwinkeln; eine Freundschaft zwischen zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können.

Gemeinsam die Wand hochklettern verlangt jede Menge Teamwork

Die Mechanik des Koop-System ist dabei so originell und filmisch wundervoll umgesetzt, wie die Story von altbackenen Genre-Klischees trieft. Es gibt den Schraubenzieher als Ausbruchsgerät, das typische Loch hinter dem Klo, durch das gekrochen wird und natürlich den Trick mit dem Wäschekorb: Häftling rein, Wäsche drüber und fertig ist der Ausbruch. Im Anschluss folgt eine recht typische, Mafia-esque Rachegeschichte, locker und kurzweilig erzählt. Messen solltet ihr A Way Out aber nicht daran; ich denke, die hintergründige Story ist tatsächlich das erste, was ich von dem Spiel vergessen werde. Nicht aber die wundervolle Inszenierung des Koops.

Verliebt in den Split-Screen

Es liegt Liebe in der Luft; der Valentinstag ist zwar schon vorbei, doch ich habe mein Herz an den wundervoll ästhetischen, schlauen und durchweg spaßigen Split-Screen-Modus in A Way Out verloren. Split-Screen ist von gestern? Keinesfalls; denn Hazelights Variante des geteilten Bildschirms ist so gut gelöst, das ich ihn beinahe perfekt nennen möchte.

Viele kreative Mini-Games lassen euch gegen euren Koop-Partner antreten

Natürlich geht es nicht nur um den attraktiven schwarzen Strich in der Mitte des Screens, sondern insbesondere um die Mechanik dahinter: Während die meisten Szenen gleichzeitig passieren und der Gefängnisausbruch auf diese Art wunderbar inszeniert werden kann (etwa, indem einer Schmiere steht und der andere den Schraubenschlüssel stiehlt), schieben sich bestimmte, wichtige Gespräche und Cutscenes immer wieder über den gesamten Bildschirm. Die Story im Spiel ist effektiv inszeniert; mit Kamerafahrten, die übergangslos von einem Spieler zum nächsten schwenken und Slow-Motion-Sequenzen in exakt den richtigen Momenten. Dazu sind jedes Level, jede Aufgabe, jedes Mini-Game und auch alles andere einzig auf Koop ausgelegt und werden euch sowie euren Koop-Partner immer wieder mit originellen Mechaniken herausfordern.

Jetzt weiß ich, wie sehr ich mir solch ein Koop-Adventure immer gewünscht habe.Fazit lesen

Kurz gesagt: Während euch die Story von A Way Out nicht vom Hocker schießen wird, solltet ihr dennoch eure Pistole für das Adventure holsten. Es definiert Teile des Genres neu; oder das sollte es, denn ich möchte auf dieserlei Koop-Inszenierungen nicht mehr verzichten.

Außerdem: Der Schwierigkeitsgrad in A Way Out kann nicht verändert werden

Das Gute, das Schlechte und das Wundervolle

A Way Out hat einen Schwachpunkt, der nicht so leicht wie die Story verziehen werden kann: Der Schwierigkeitsgrad ist nicht existent. Nun soll A Way Out natürlich kein zweites Dark Souls sein und mit seinem Fokus auf die Story und die Inszenierung ist das auch gar nicht nötig – was jedoch nicht heißt, dass der Durchlauf so einfach sein sollte, dass die Angst zu versagen nach ein bis zwei Stunden völlig versiegt.

Zudem wird sehr schnell offensichtlich, dass eure Entscheidungen keine oder kaum Auswirkungen auf die Geschichte haben. Im Spiel gibt es immer wieder Szenen, in denen ihr entweder Leos Weg (gewalttätig) oder Vincents Weg (diplomatisch) wählen müsst; gemeinsam natürlich. Eine nette Idee, die jedoch nicht fruchtet, da die unterschiedlichen Lösungen zu durchschaubar sind und mehr wie eine Spielerei wirken denn eine schwierige Abstimmung.

Ihr braucht noch ein immersives Rollenspiel für den kühlen Frühling? Wir haben einige Genre-Klassiker aufgezählt:

Nichtsdestotrotz ist A Way Out alles, was es versprochen hat – ein unvergessliches Koop-Erlebnis – und mehr. Die keimende Freundschaft zwischen Leo und Vincent schwappt über menschliche Dialoge und unzählige Möglichkeiten zum gemeinsamen Spielen über den Bildschirm in eure Realität; ihr werdet Vincent oder Leo, lebt eure Charaktere und die Beziehung zwischen ihnen. Auch in den schlechten Zeiten; oder gerade dann, wird euch A Way Out vielleicht mehr über euren Spielpartner verraten, als euch vorher bewusst gewesen ist (... vielleicht auch mehr, als ihr jemals wissen wolltet).