Das erste Mal, dass ich A New Beginning zu Gesicht bekam, ist schon eine Weile her: Auf der Games Convention 2007 war es. Daedalic hatte sich gerade eben erst gegründet, der Öko-Thriller sollte das erste große Spiel des jungen Publishers werden. „Edna bricht aus“ war damals noch nicht einmal angekündigt, Whispered World noch weit von Spruchreife entfernt.

Doch dann kam alles etwas anders: Die Filmumsetzung 1 ½ Ritter musste fertiggestellt werden, andere Projekte kamen dazwischen, A New Beginning lag auf Eis. Mittlerweile hat sich Daedalic den Ruf eines erstklassigen Adventure-Entwicklers erarbeitet, mit einem Blick für bewegende Geschichten, einfallsreiche Rätsel und stilistisch einzigartige Bilder, Autor Jan Müller-Michaelis genießt in Fankreisen eine Art Shooting-Star-Status. Und auf A New Beginning, ursprünglich lediglich als vielversprechendes Debütspiel gehandelt, lasten auf einmal die Erwartungen eines potenziellen Meisterwerks. Zu viel für ein Spiel mit unbequemer Botschaft?

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Eher wolkig denn heiter

In ferner Zukunft ist die Erde zur lebensfeindlichen Ödnis geworden. Eine Reihe von Umweltkatastrophen in der Mitte unseres Jahrhunderts hat die Zivilisation, wie wir sie kennen, vollständig zerstört. Städte liegen in Trümmern, Kontinente wurden überschwemmt oder sind ausgedörrt, Wirbelstürme haben die Landschaft verwüstet. Und auch für die wenigen überlebenden Menschen in ihren unterirdischen Bunkern scheint allmählich das letzte Stündlein geschlagen…

A New Beginning - Emotional und wichtig: das erste ernsthafte Spiele-Drama

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Die Welt am Abgrund: der Klimawandel und seine Folgen.
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Letzte Chance: eine Zeitreise, um die Menschen rechtzeitig vor den Folgen ihres unüberlegten Raubbaus an Umwelt und Klima zu warnen und sie zum Einlenken zu bewegen. Doch bei dem Sprung durch die Jahrhunderte geht etwas schief, und so landen Fay und ihre Teammitglieder nicht wie geplant in einer Zeit vor Eintreten des Kollapses, sondern in einem menschenleeren, vom Zahn der Zeit und der Naturgewalten zerfrästen San Francisco.

Ein Plan B muss her. Zunächst gilt es für die wenigen Überlebenden des Zeitreise-Kommandos, ihren Flux-Kompensator wieder flott zu kriegen und dann zum letzten Strohhalm zu greifen: Der verbitterte Wissenschaftler Bent Svensson arbeitet in unserer Gegenwart an einer alternativen Energiequelle, die alle Probleme lösen könnte: Mit Meeresalgen versucht er Strom zu gewinnen, eine Technologie, die in Ansätzen tatsächlich heute bereits existiert.

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Wissenschaftler Bent kämpfte vergeblich für alternative Energien.
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Doch Bent hat allen Mut verloren: Wie besessen hat er ein Leben lang daran gearbeitet, die Welt zu verbessern, nein, sie zu retten, doch hat er darüber seine Frau verloren, sich von seinem Sohn entfremdet, die Menschen, Politiker und Finanziers nicht von seiner umweltfreundlichen Vision zu überzeugen vermocht. Und dass Fay aus der Zukunft kommt, um ihn um Hilfe zu bitten, glaubt er schon mal erst recht nicht. Da ist zunächst einmal viel Überzeugungsarbeit nötig…

Vergesst episch! Dieses Spiel ist dramatisch

Daedalic gibt sich erkennbar Mühe, ihre Umweltbotschaft in eine spannende Handlung zu kleiden und diese raffiniert zu erzählen: Das Abenteuer von Fay und Bent erleben wir in nicht chronologischer Reihenfolge. Während die beiden in der Gegenwart zur Klimakonferenz aufbrechen und die Forschung an der Algentechnik voran bringen, erfahren wir in unregelmäßigen Abständen per Rückblenden die Vorgeschichte von Fays Odyssee durch die Zeit.

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Daedalic und Ikarus: Die Geschichte wird in hübschen Comic-Cutscenes erzählt.
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In einer „Imperium schlägt zurück“-ähnlichen Parallelmontage wechseln wir regelmäßig zwischen den beiden Charakteren und entwirren so nach und nach die verschiedenen Handlungsfäden, bis sie sich am Ende auf dramatische Weise ineinander verknoten und schließlich auflösen, vielmehr explodieren.

Bedenken im Vorfeld, ein Spiel mit Botschaft könne diese nur schwerlich ohne nervend erhobenen Zeigefinger propagieren, sind nur eingeschränkt angebracht: A New Beginning ist in erster Linie ein Science-Fiction-Thriller, in zweiter Linie so aktuell wie nie: Dass die Debatten über Atomausstieg und Endlagerung, alternative Energien und Nachhaltigkeit derzeit in Politik und Medien so heiß schwelen wie lange nicht, gibt dem Spiel den Zunder und die Brisanz, die es bei rechtzeitigem Release vermutlich nicht gehabt hätte.

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Das Ende: Fay vor der Kulisse des zerstörten San Francisco.
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Dennoch wirkt die Umwelt-Mahnung mitunter aufgesetzt, die Mär von der Wunderalge arg naiv. Zwar relativiert die überraschende Wendung gegen Ende letzteren Vorwurf wieder ein wenig, kommt ihrerseits aber auch etwas hanebüchen aus heiterem Himmel. Insbesondere die bisweilen sträflich flachen Nebenfiguren nehmen dem diskussionswürdigen Stoff die nötige Tiefe: Bosse von Energiekonzenern sind halt fiese Schweine, die über Leichen gehen, und der Zeitreisende Salvador ist von Anfang an ein solches Arsch, dass da noch ein paar mehr im Keller liegen müssen.

Schade ist dies vor allem, da Daedalic der unbändige Wille anzumerken ist, mit A New Beginning das vielleicht erste glaubhafte Adventure-Drama zu schaffen: Bent ist ein für Computerspiele einzigartig komplexer Charakter, verbittert, entmutigt, jemand, der sein Leben und seine Familie auf dem Altar einer idealistischen Vision opferte.

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Auf seiner Forschungsstation sucht Bent nach einer alternativen Energiequelle.
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Die behandelten Themen streifen im Vorbeigehen auf unvergleichlich subtile und anrührende Weise neben den vordergründigen Umweltfragen auch Bereiche wie Homosexualität oder das zerrüttete Verhältnis zwischen einem Vater und seinem Sohn, deren Beziehung an der Aufopferung für einen Beruf zerbrach, der Berufung zu sein schien und die Fußstapfen ausformte, in denen nun der Sohn seinerseits zu versinken droht…

Zu viel Bio, zu wenig Glutamat?

Leider braucht die Handlung ziemlich lange, um in die Gänge zu kommen, kommt in den frühen Episoden im zerstörten San Francisco wie mit angezogener Handbremse nicht recht vom Fleck, so als sei den Entwicklern anfangs einfach nichts eingefallen, womit sie ihrer Parabel Würze hätten verleihen können. Die Story ist hier kein Vehikel für das Spiel, seine Rätsel und dramatischen Verwicklungen, sondern lediglich ein Hürdenlauf, über dessen Hindernisse es zu hüpfen gilt.

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Auf der Klimakonferenz versuchen die Zeitreisenden vor dem drohenden Untergang zu warnen.
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Zwar sind die zahlreichen Zwischensequenzen im Comicstil durchaus erfolgreich um Dramatik bemüht, dennoch kommt der Erzählfluss zu häufig ins Stocken, scheint sich das Spiel ins nächste Kapitel mehr zu schleppen als elegant in ihm aufzugehen.

Beim Rätseldesign jedoch merkt man den Daedalics die zusätzliche Erfahrung, die sie mit ihren letzten Spielen ausgiebig gesammelt haben, deutlich an: Selten habe ich ein Adventure erlebt, bei dem die Rätsel und Aufgaben wie natürliche Bestandteile der Spielwelt wirkten und nicht wie von einem Bauarbeiter in den Weg gelegte Steine. Stets sind sie handlungsmotiviert, ergeben sich Lösungen aus einem konkreten Problem und der Story heraus und nicht, weil irgendjemand beschlossen hat: „Das klappt so nicht.“

Der ehrbare Versuch eines ernsthaften Adventure-Dramas – nicht vollkommen geglückt, aber umso beachtenswerter.Fazit lesen

Besonders gefallen hat uns beispielsweise ein Rätsel, bei dem wir ein Missverständnis zwischen den Umweltdemonstranten und dem kahlköpfigen Wachmann ausnutzen, um uns Zugang zur Klimakonferenz zu verschaffen. Da dieser sehr empfindlich auf seine nicht vorhandene Frisur reagiert, wiegeln wir die Meute mit einer Parole gegen den Öko-„Kahlschlag“ auf – und treiben so seinen Pulsschlag in Höhen, in denen seine Aufmerksamkeit umso niedriger wird…

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Der Grafikstil ist gewohnt charmant, wenngleich nicht so prachtvoll wie in Whispered World.
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Anteil am gelungenen Rätseldesign hat auch die intelligent erdachte Steuerung, die euch kontextabhängig bis zu vier individuelle Interaktionsmöglichkeiten anbietet. Sinnvoll: Statt euch vor die unsinnige Wahl zu stellen, mit einer Tür zu reden oder sie zu essen, könnt ihr sie öffnen, aber auch an ihr lauschen oder durch ihr Schlüsselloch spähen. Ein Modell, das hoffentlich Schule in zukünftigen Adventurespielen macht…

Genrebedingt hat das meist logische und nachvollziehbare Design aber auch seine Tücken, nämlich einen meist recht niedrigen Schwierigkeitsgrad, der, wenn er denn mal anzieht, gleich frustrierend schwer werden kann. Glücklicherweise streckt Daedalic die Spielzeit von insgesamt gut zehn Stunden nicht mehr wie in ihren vorherigen Spielen Whispered World und 1 ½ Ritter durch dröge Minispiele. Die gibt es zwar vereinzelt immer noch, doch sind sie um einiges eleganter ins Spiel integriert und cleverer ausgedacht.

Besitzer von ATI-Grafikkarten haben übrigens in der Verkaufsversion unter Umständen noch massiv mit Abstürzen zu kämpfen. Auf Nachfrage bei Daedalic versicherte man uns aber, dass unter Hochdruck an einem Patch gearbeitet wird.