Größer, schicker, teurer. Nintendo schickt endlich eine extragroße XL-Variante des 3DS-Handhelds ins Rennen und hofft, mit den nun deutlich größeren Bildschirmen weitere Kunden mobilisieren zu können. Den gesteigerten Spielkomfort spürt man sofort und dennoch wurde Potenzial verschenkt.

3DS - 'So viele Spiele!'-AktionEin weiteres Video

Da ist er, von vielen treffsicher prognostiziert und doch früher auf dem Markt als erwartet: Nintendos 3DS XL. Der große, monströse Bruder des kleinen Zeitvernichters, der erst vor eineinhalb Jahren eingeführt wurde. Mit seinen 15,6 cm Breite, 9,3 cm Tiefe und 2,2 cm Höhe ist er nicht zu übersehen, liegt aber dank abgerundeter Ecken und weichen Plastiks angenehm in der Hand.

Und schlicht wirkt er. Kein iPhone-Bling-Bling weit und breit. Das extravagant große Handheld versprüht in seinem matten Grau vielmehr den optischen Charme eines 90er-Jahre-Walkmans. Funktional, ordentlich verarbeitet, aber nach heutigen Standards ein grober Klopper, selbst wenn er zugeklappt auf dem Tisch herumliegt. Von kompaktem Reisevergnügen kann da keine Rede mehr sein.

Was natürlich nicht zwingend ein Kritikpunkt ist, schließlich soll das Gerät mit seinen vergrößerten Bildschirmen noch mehr 3-D-Spaß vermitteln.

Ähnlich wie bei der PS-Vita stellt die Anschaffung eine bewusst gewählte Form von Luxus dar – wer ihn kauft, weiß, dass er mehr Platz in der Tasche benötigt. Soll's kompakt bleiben, kann man ja noch immer zum kleinen Modell greifen.

Nintendo 3DS XL - Ganz groß, der Kleine

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Der direkte Vergleich: Im geschlossenen Zustand erscheint der Größenunterschied gering, aber...
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Der obere Bildschirm, auf dem die 3-D-Darstellung stattfindet, erstreckt sich nun über stolze 4,88 Zoll. Das entspricht einer Diagonale von 12,4 Zentimetern und gut einem Drittel mehr als beim Standard-3DS. Klingt nach wenig, aber wir reden hier faktisch von einer 90% größeren Fläche, die sich unmittelbar nach dem Aufklappen des Geräts angenehm bemerkbar macht.

Der Blick in die virtuelle Tiefe fällt dadurch ein wenig leichter und wirkt intensiver, da die Grafik große Teile des Sichtfelds füllt. Endlich hat man nicht mehr das Gefühl, durch eine Schlitz in eine andere Welt zu schauen, sondern ist „mittendrin statt nur dabei“. Selbst der kleinere Touchscreen übertrifft mit rund 4,2 Zoll problemlos die Bildschirme der meisten gängigen Handys und zieht mit dem der PS-Vita gleichauf. Schick!

Angesichts der gleichbleibenden Auflösung und dem unveränderten Innenleben darf natürlich niemand mit einer Steigerung der Grafikqualität rechnen. Wie schon beim alten DS-XL wirkt die Darstellung nun erheblich gröber als bei der Standardvariante. Treppchen und Verpixelungen, die beim alten 3DS-Modell oft kaum auszumachen waren, fallen sofort ins Auge.

Nintendo 3DS XL - Ganz groß, der Kleine

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... aufgeklappt sieht das schon ganz anders aus. Der Bildschirm des alten 3DS wirkt geradezu winzig.
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Ob das stört? Schwer zu sagen. Beim gemächlichen „Zelda: Ocarina of Time 3D“ fällt es zum Beispiel weniger auf als bei flinken Spielen wie „Mario Kart 7“, „Ridge Racer 3D“ oder „Kid Icarus: Uprising“. Je schneller die Grafik bewegt wird und je höher die Kontraste ausfallen, desto heftiger treten Treppchen und Verpixelungen in den Vordergrund.

Man darf eben nicht vergessen, dass der obere Bildschirm des 3DS zwar über eine Auflösung von 800x240 Pixel verfügt, aber die Horizontale nur die Hälfte davon für jedes Auge sichtbar macht, damit der 3D-Effekt greift. Mit praktisch 400x240 Pixeln bewegt sich der 3DS (XL) auf einem vergleichbaren Niveau wie das Nintendo 64, nur eben im 16:9-Format. Dagegen kommen einem selbst ältere Smartphones gestochen scharf vor.

Wenn der Preis stimmt

Nichtsdestotrotz fällt der Spielgenuss mit den großen XL-Screens merklich höher aus. Sie befreien zwar nicht von der Suche nach dem Sweet-Spot, in dem der 3-D-Effekt sauber greift, und ebenso wenig vom Stillhalten im rechten Winkel zum Blickfeld, um geisterhafte Verdoppelungen zu vermeiden, aber man spielt entspannter, ohne verkniffene Augen und frei von Haltungskrämpfen.

Ein anschauliches Beispiel liefert Kid Icarus: Uprising, da es den Spieler auffordert, das Gerät einhändig zu bedienen. Die zweite Hand zielt mit dem Stylus auf dem Touchscreen herum und kann höchstens mit zwei Fingern entlasten. Funktioniert trotz des 100 Gramm höheren Gewichts besser als mit dem alten 3DS, da mehr Fläche zum Greifen bereitsteht. Obendrein fällt das Ballern mit Engelskrieger Pit um einiges leichter, weil man besser erkennt, wo das Fadenkreuz hinzeigt. Wer große Pranken hat, dürfte sich nicht zuletzt über die vergrößerten Schaltflächen auf dem Fummelscreen und die stabileren Navigationsknöpfe (Home, Select, Start) am unteren Rand freuen.

Apropos Stylus: Das Zeigegerät wird nun seitlich im Grundgerät gelagert und benötigt keine Teleskopfunktion mehr, da es in voller Größe Platz findet. Praktisch – Größe und Position erleichtern den kurzzeitigen Einsatz. Den Stift kann man genauso schnell zücken wie wegpacken, ohne umständlich fummeln zu müssen.

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Schön groß ist das Gerät, aber die Bedienelemente bleiben alle am bekannten Platz. Der 3-D-Regler neben dem oberen Screen kann neuerdings eingerastet werden.
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Abgesehen von der angenehmeren Handposition sind anderweitig keine Verbesserungen in Sachen Bedienung zu vermelden. Steuerkreuz, Analog-Scheibe und Feuerknöpfe bestehen aus demselben Material wie beim Originalmodell, weisen die gleichen Druckpunkte auf und bieten auch sonst die gewohnte Haptik. Ärgerlich, dass Nintendo die Chance verpasst hat, standardmäßig ein zweites Circle-Pad zu verbauen. Platz wäre genug gewesen und Alternativen lassen noch auf sich warten.

Wobei zu erwähnen wäre, dass ein etwaiges externes XL-Circle-Pad aufgrund seiner Größe jegliche Vorstellung von Reisekomfort sprengen würde. Ohne die Peripherie müssen 3DS-XL-Besitzer jedoch auf die verbesserte Steuerung bei „Resident Evil: Revelations“, „Metal Gear Solid: Snake Eater 3D“ und „Kingdom Hearts 3D: Dream Drop Distance“ verzichten.

Wo gespart wurde

Nicht die einzige Entscheidung, die womöglich zugunsten des Verkaufspreises gefällt wurde. Das gröbere, matte Plastik des Gehäuses spielt da kaum eine Rolle. Tatsächlich dürfte das so mancher sogar als positiv erachten, da man auf dem neuen Material keine fettigen Fingerspuren mehr hinterlässt.

Dass in der Packung kein Netzteil liegt, ist dagegen eine Frechheit (auch wenn es einen kleinen Hinweis auf der Verpackung gibt). Was soll das? Man stelle sich die langen Gesichter am ersten Weihnachtsfeiertag vor, wenn die Kids ihre brandneuen Zeitvernichter leergesaugt haben. Merken die Kids dann, dass sie erst nach Weihnachten weiterspielen können, weil Oma vergessen hat, den separat zu erwerbenden Stromversorger dazuzulegen, ist die Freude schnell vorbei.

Das wäre unserem Testlauf mit Kid Icarus zufolge (mit Beleuchtung und Lautstärke auf Anschlag) nach exakt drei Stunden und 55 Minuten der Fall. Das sind gerade mal 20 Minuten mehr als bei unserem kleinen Modell. Wer an Licht und Lautstärke spart, quetscht im Idealfall etwa sechs Stunden aus dem Akku, muss dafür aber auch heftig sparen. In der Praxis dürfte sich die Einsatzzeit irgendwo zwischen vier und fünf Stunden einpendeln. Angesichts der größeren Screens und der nun kräftiger brüllenden Lautsprecher keine schlechte Leistung, aber unterm Strich kaum eine Komfortsteigerung, die einen Wechsel vom alten 3DS rechtfertigt.

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Größer ja, aber der Spielkomfort ist anderweitig kaum gestiegen. Wir hätten uns einen besseren Akku und ein zweites Circle-Pad gewünscht.
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Außerdem: Weitere Verpackung, Händlermarge, Logis und vieles mehr für das separate Netzteil machen die Erstanschaffung auf Kundenseite auch nicht günstiger. Das ist ärgerlich, weil diese Maßnahmen nur in den Prospekten der Technikmärkte wirken. Da kann das Gerät für 199 Lappen angepriesen werden, obwohl ihr wegen des Netzteils sowieso rund zehn Euro tiefer in die Taschen greifen müsst.

Da kann man nur hoffen, dass Fachverkäufer in den örtlichen Märkten mitdenken und Kunden die Rezensionen bei Amazon und anderen Internetshops beachten. Kein geschickter Schachzug seitens Nintendo. Im Gegenteil, Kundenunfreundlichkeit dieser Größenordnung ist man von den Japanern nicht gewohnt. Sie hätten genauso gut die mitgelieferte SD-Karte wegrationalisieren können. Deren Umfang wurde stattdessen auf vier Gigabyte verdoppelt. Irgendwie passt das alles nicht zusammen.

Besitzer des Vorgängermodells oder des DSi dürfen immerhin ihr altes Netzteil anstöpseln. Steigt ihr also vom kleinen auf den großen 3DS um, so könnt ihr euch die Extra-Anschaffung sparen. Um ein wenig Fummelei kommt ihr trotzdem nicht herum. Erworbene Inhalte aus dem Nintendo-Shop müsst ihr zum Beispiel direkt auf das neue Handheld übertragen, da diese nicht an euer Spielerkonto, sondern an die Hardware gebunden sind. Lässt sich zum Glück alles mit einem vorinstallierten Programm erledigen.

Fazit

Macht das Spielen mit der XL-Variante mehr Spaß als mit einem „normalen“ 3DS? Ja, definitiv! Er fasst sich besser an und der größere Bildschirm vermittelt die dreidimensionale Grafik viel intensiver. Endlich deckt er einen Großteil des Sichtfeldes ab, was den Blick in die Tiefe erleichtert. Dagegen erscheint einem das Standardmodell wie ein Daumenkino.

Dieses Argument alleine reicht bereits aus, um Nintendo-Fans ins Grübeln zu bringen. Ein Wechsel auf „den Großen“ scheint attraktiv, auch wenn er durch seine enorme Größe nicht der praktischste Reisebegleiter sein dürfte. Trotzdem ist es ärgerlich, dass Nintendo mal wieder auf Sparflamme kocht. Wenn schon XL, warum dann nicht auch spürbar mehr Akkulaufzeit? Warum kein standardmäßig verbauter zweiter Analogstick?

Und warum in drei Teufels Namen liegt kein Netzteil in der Packung (was lediglich durch einen kleinen Aufdruck außen kommuniziert wird)? Nur damit es bei Media Markt, Saturn und Co. für 199 Euro in den Prospekten steht? Wer diese unschöne Verkaufspolitik verschmerzen kann und sich schon immer eine Luxusvariante des 3DS gewünscht hat, kann ohne Bedenken zuschlagen.