„Aus Alcatraz ausbrechen? Das dürfte ohne Hilfe schwierig werden.“ Derselbe Gedanke kam wohl auch Gene Mocsy, als er Daedalic ersuchte, ihm bei der schweren Geburt seines eigenwilligen Babys als Hebamme zur Seite zu stehen. Und zuletzt bewiesen die Hamburger ja auch abseits der eigenen Projekte ein fabelhaftes Gespür – man denke nur an Torchlight 2 oder Botanicula...

1954: Alcatraz - Launch Trailer

Auch Joe kann die Hilfe Außenstehender gut gebrauchen. Selbst ein Guybrush Threepwood hätte die dicken Mauern von Alcatraz nicht ganz allein in Schutt und Asche schwafeln können. Ein Glück, dass sich der eingesperrte Häftling auf seine Frau Christine verlassen kann. Auf eigene Faust durchforstet die zierliche Lady das San Francisco der 50er-Jahre nach allem, was Joes ausgeklügeltem Fluchtplan dienlich sein könnte.

Der Weg ist das Ziel

Im Laufe dieser Suche entwickelt sich aus der verträumten Idealistin eine toughe Frau. Quasi blind muss sie den vagen Anweisungen ihres geheimnisvollen Ehemanns Folge leisten. Entsprechend viele Geheimnisse treten nach und nach ans Tageslicht. Mit ausgesprochen zynischem Unterton zieht Christine eine Leiche nach der anderen aus dem Keller. Nur konsequent, dass Mocsy ein paar Stellen ins Spiel implementierte, an denen sich sowohl Christine als auch Joe klar von ihrem Partner distanzieren können. Schade nur, dass diese Situationen viel zu selten vorkommen und eine konsequente Haltung unmöglich ist.

1954: Alcatraz - Du bist verhaftet wegen unsexy

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Es hätte so schön werden können...
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Immer wieder seid ihr gezwungen, Dinge zu tun und Antworten zu geben, die eure vorherigen Entscheidungen ad absurdum führen. Es gibt zwar verschiedene Enden, von unwiderruflichen Konsequenzen kann trotzdem keinesfalls die Rede sein. Immerhin schafft es das Spiel, einen recht lange in dem Glauben zu lassen, dass die auf dem Weg getroffenen Entscheidungen tatsächlich den Ausgang der Handlung beeinflussen. Letztendlich muss man dann aber doch zusehen, wie diese illusorische Blase sich später mit einem lauten Knall verabschiedet. Die Erkenntnis, sich unnötigerweise an folgenlosen Entscheidungen aufgerieben zu haben, ist schrecklich unbefriedigend.

Bis zu dieser Einsicht ist es aber durchaus möglich, ein paar gute Momente mit dem Spiel zu durchleben. Während der bestenfalls solide Kriminalfall nur bedingt als Motivator taugt, wissen einige der überraschend unangepassten, oft sarkastischen Zwischentöne immer wieder zu gefallen. „Warum verabreden sie sich nicht mal mit ein paar Lady-Cops? Alles Lesben!“

Packshot zu 1954: Alcatraz1954: AlcatrazErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Stärken wie diese hätten ausgereizt werden müssen, doch stattdessen verliert man sich immer wieder in einer unpassenden Mischung aus Spaß und Ernst. Nur einer von vielen halbgaren Kompromisse, die „1954: Alcatraz“ teilweise so grau und farblos erscheinen lassen, wie die Wände in Joes Zelle.

Vielleicht sollte man die Entwickler noch ein bisschen länger im Studio einsperren; diesen Ausbruch hätte man besser planen können!Fazit lesen

„Jazz-Verschwendung“

Da auf erzählerischer Ebene so wenig geboten wird, können die offensichtlichen technischen Mängel kaum kaschiert und auch der besondere Charme der „Beatnik-Kultur“ nicht eingefangen werden. Stattdessen dominieren die, in diesem Kulturkreis eigentlich doch so verhassten, Stereotypen. Ob verlotterter Autor, kräftiger Hohlkopf, erfolglose Künstlerin oder eigenbrötlerischer Detektiv - kein Klischee, das nicht bedient wird.

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1954: Alcatraz schwankt ständig zwischen Klamauk und Ernst, findet dabei aber nie einen vernünftigen Mittelweg.
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Wirklich Atmosphäre kann nur der Sound vermitteln. Die markanten Sprecher und zeitgenössischen Musikstücke schaffen es mal um mal, den Spieler nach Phasen der Gleichgültigkeit wieder mitten ins Geschehen zu ziehen. Ein ironischer Zufall, dass Christine beim fehlerhaften Benutzen ihrer Schallplatte von „Jazz-Verschwendung“ spricht.

Im Zusammenspiel mit den paar charmanten Ideen wie den Handschellen als Cursor lässt sich letztlich schon eine stilistische Linie erkennen. Dennoch hakt es eben (sprichwörtlich) an der Ausführung. Selbst die Inventar-Rätsel plätschern nur so dahin. Zwar gibt es keine Ausreißer nach unten. Auf die Genugtuung, ein cleveres, um die Ecke gedachtes Rätsel, gelöst zu haben, wartet man jedoch vergebens.