Bevor hier jemand reflexartig mit dem – zugegeben berechtigten – Vorurteil „Lizenzschrott“ weiterklickt, sei ihm ganz schnell ein „Ja, aber…“ entgegen geworfen – und zwar fett und in Großbuchstaben.

Ja, 1 ½ Ritter auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde ist die Spielumsetzung des gleichnamigen Kinofilms von Til Schweiger, ABER um Schrott handelt es sich dabei keineswegs. Schließlich stecken hinter dem Adventure die Macher des 93%-Spiels „Edna bricht aus“

Ihr habt Angst vorm schwarzen Mann... äh, Ritter? Unsere Komplettlösung hilft.

1½ Ritter: Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde - Finaler Trailer

So etwas kann es auch nur in Deutschland geben: Der größte Star und Kassenmagnet der Filmbranche ist ein Schauspieler, der ob seiner mangelnden Ausdrucksfähigkeit von der Presse gerne belächelt wird, dessen Fanclub in etwa so viele Mitglieder hat wie das Kammerorchester vom Sportverein Oer-Erkenschwick, ja, den kaum jemand so richtig sympathisch findet. Nichtsdestotrotz geriet Keinohrhasen zu einem der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre. Die DVD ist gar die meistverkaufte aller Zeiten auf amazon.

1½ Ritter: Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde - Skandal: Til Schweiger ist der legitime Nachfolger von Edna

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Fans von "Edna bricht aus" entdecken immer wieder Anspielungen auf Daedalics Hit-Adventure - wie hier die Statue im Hintergrund.
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Mit 1 ½ Ritter auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde legt Schweiger nun seine vierte Regie-Arbeit vor, ein Metier, so mancher Unkenrufer, das ihm womöglich mehr liegt als die Schauspielerei. Zumindest aber mehr als das Synchronsprechen: Löblich zwar, dass Schweiger persönlich seine komplette (Haupt-)Rolle für das Computerspiel eingesprochen hat, die Emotionalität, die er dabei aber an den Tag legt, lässt im Vergleich dazu Steven Seagal wie einen Method Actor erscheinen. Glücklicherweise machen die anderen Stars wie Comedian Rick Kavanian als türkischer Sidekick Erdal und vor allem die weniger bekannten Nebenrollen ihre Sache ausgezeichnet.

Erinnert man sich an grottige Umsetzungen deutscher Filme wie den PC-Schuh des Manitu, ist die Entscheidung den Filmemachern gar nicht hoch genug anzurechnen, mit Daedalic einen Entwickler zu beuaftragen, dem nicht angesichts der Blockbuster-Lizenz die Dollarzeichen die Sicht derart vernebeln, dass sie übersehen, vor dem Scheffeln noch ein Spiel schaffen zu müssen. Und so ist 1 ½ Ritter ein ordentliches Adventurespiel geworden, das zumindest einen Hauch von Ednas Genialität atmet.

Packshot zu 1½ Ritter: Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde1½ Ritter: Auf der Suche nach der hinreißenden HerzelindeErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Benutze Totenkopf mit Torte

Klarer Fall von „Dumm gelaufen“: Ein paar Schlückchen zuviel über den ritterlichen Durst getrunken muss Pechvogel Lanze mit ansehen, wie seine Schutzbefohlene, Prinzessin Herzelinde, vom Schwarzen Ritter entführt wird. Der verdienten Einkerkerung entkommt er nur, weil er sich als Einziger bereit erklärt, die holde Maid aus den Klauen des Schuftes zu befreien – und weil er weiß, dass man aus Totenkopf, Geburtstagshut und Torte eine Säge bauen kann, mit der sich die Gitterstäbe entzweien lassen. Willkommen in Adventure-Land!

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Wie in "Edna" beginnt das Spiel mit einem Zellenausbruch.
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Die Rätsel von 1 ½ Ritter sind gerade am Anfang angesichts der eher casual einzustufenden Zielgruppe aus Kinogängern relativ einfach gehalten, doch zieht der Schwierigkeitsgrad im späteren Spielverlauf mitunter gehörig an. Der verschroben humorigen Logik des Spiels geschuldet muss schon um einige Ecken, mitunter ganze Burgmauern gedacht werden, um auf die Lösung zu kommen. Die stets überschaubare Zahl von Schauplätzen und gut platzierte Hinweise (vor allem Sidekick Erdal hat immer hilfreiche Tipps parat) lassen etwaige Schläge mit der Frustkeule jedoch nie zu schmerzhaft ausfallen.

Zumeist folgen die Rätsel einem genretypischen Schema: Lanze muss drei Beweise finden, um seine Wettschulden einzutreiben, er muss drei Aufträge für das Freudenhaus erfüllen, um sich dessen Unterstützung zu sichern, oder diverse Gegenstände für die Hexe auftreiben, damit diese den gewünschten Trank brauen kann. So schematisch der Aufbau, so effektiv seine Umsetzung: Da der Spielablauf nach diesem Muster klassisch nicht-linear wird, gerät der Spieler nur selten in eine Sackgasse, weil er stets an anderer Stelle weiterrätseln kann, wenn er an einem bestimmten Punkt nicht weiter kommt.

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Wer sich das Ritter-Rätsel im Wald ausgedacht hat, den soll der Schwarze Ritter holen.
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Diverse Minispiele sollen Auflockerung vom abenteuerlichen Kombinationsrätsel-Alltag bringen. Einige davon sind auch wirklich einfallsreich und gelungen, etwa eine Quartett-Variante, wie man sie früher auf dem Schulhof mit Auto- und Flugzeug-Karten gespielt hat („8 Zylinder, Stich!“), nur dass man hier eben lahme Gäule gegeneinander antreten lässt.

Vor allem aber im Mittelteil häufen sich diese Art künstlicher Spieldauer-Verlängerer, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, hier habe jemand aus Ideenarmut oder Zeitdruck, das Spiel rechtzeitig zum Kinostart fertig zu bringen, noch vorhandene Gameplay-Lücken einfach mit Mini-Games „ausgestopft“. Die unausgegorene Reminiszenz an die spitzzüngigen Schwertkämpfe aus Monkey Island stellt in dieser Hinsicht den traurigen Tiefpunkt dar.

Ein Hauch von Edna

Dass in 1 ½ Ritter dennoch zu jeder Sekunde das Erbe der genialen Edna zu spüren ist, verdankt das Spiel den Dialogen von Edna-Erfinder Jan Müller-Michaelis, der mit diesem Spiel seinen Ruf als legitimer Thronerbe von Ron Gilbert, Tim Schafer & Co. zementiert. Kein Spiel seit Monkey Island verfügte über so scharfsinnigen Wortwitz – was zur Folge hat, dass 1 ½ Ritter als Game womöglich besser, in jedem Fall aber witziger ist als der eher klamaukige Kinofilm.

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Am Rand der Welt findet Lanze - natürlich eine Kneipe.
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Zwar folgt die Handlung grob dem Muster der Vorlage, sämtliche Texte sind aber neu geschrieben und vertont. Statt nur auf den nächsten Schenkelklopfer zu zielen, enthalten viele Gags gar Hinweise auf der Rätsel Lösung. So etwa ein abgemagerter Zeitungsjunge, der uns mit fortwährenden Nahrungsmetaphern wie "Sprecht nicht in Brezeln" zu verstehen geben möchte, dass er hungrig ist.

Hinreißend: Die Filmumsetzung atmet den Geist des genialen Edna bricht aus.Fazit lesen

Selbst die unwichtigsten Nebenfiguren bekommen durch einige wenige Dialogsätze noch Charakter und Tiefe wie in manch anderem Spiel nach zweistündigen Monologen nicht: Da will ein hoffnungslos naiver Händler nicht wahrhaben, dass er von einer Ziege im Hütchenspiel betrogen wird, ein Schmiedegeselle verfällt in Depressionen, weil seine bahnbrechende Erfindung des Hufeisens einer Ente zugesprochen wird, und ein Wissenschaftler erklärt uns das Wesen seiner Zunft folgendermaßen: "Die Wissenschaft ist eigentlich eine schöne Sache. Schade nur, dass sie in die Hände von Wissenschaftlern gefallen ist."

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Passend zu Weihnachten: Statt Jesuskind liegt eine Ente in der Krippe.
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Ausschnitte aus dem Film gibt es nicht, vermutlich um keinen Bruch mit dem Zeichenstil des Spiels zu bewirken. Der hätte aber auch nicht mehr geschadet: Waren die staksigen Animationen in „Edna bricht aus“ noch stimmiger Bestandteil des minimalistischen Gesamtkonzeptes, wirkt ein gezeichneter Til Schweiger, der wie ein abgesoffenes Stroboskop durch die Botanik flackert, wie ein Daumenkino im Imax-Saal – unpassend.