Lizenzspiele, das Schreckgespenst videospielaffiner Fans. Zeitdruck, Geldmangel und strenge Vorgaben seitens der Lizenzgeber sind nicht selten Grund für den Murks, auf den jeder schon einmal hereingefallen ist. Aber es gibt sie: Leuchtfeuer im lieblosen Geldsumpf, Versoftungen, denen das Kunststück gelingt, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen.

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Da hilft auch kein Martini

Als Kind der 90er kommen mir spontan so einige Beispiele gelungener Umsetzungen in den Sinn, allen voran ein goldiges Nintendo-64-Spiel des Martini schlürfenden Geheimagenten, das bis zum heutigen Tag als Vorzeigetitel mit Kultstatus gilt.

Überhaupt waren die digitalen Auftritte von 007 eine der wenigen Franchises, deren Auskopplungen fast immer deutlich über dem üblichen Gurkenstandard lagen. Die Qualität des hierzulande indizierten N64-Shooters blieb in den Folgejahren zwar unerreicht, der Grundtenor von Kritikern und Spielern war und blieb aber dennoch ein positiver.

Grund genug, „007 Legends“ einigermaßen optimistisch entgegenzusehen, könnte man meinen. Wäre da nicht die beängstigend steil abfallende Formkurve des MI6-Mannes, die sich selbst mit von literweise Martini vernebelten Sinnen keinesfalls leugnen lässt. Als Herzkurve betrachtet, stünde Eurocoms Machwerk für den endgültigen Exitus. Nichts geht mehr. Patient tot.

007 Legends - Weder geschüttelt noch gerührt – und schon gar keine Legende

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Oh, ein Lagerhaus. Mit Kisten. Irre.
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Während Daniel Craig dem Leinwandagenten nicht nur ein modernes Gesicht, sondern auch ein wortkarges, rohes Image verpasst und ihn damit glaubhaft in das 21. Jahrhundert gehievt hat, gelang den Spielen dieser Generationswechsel auf die neuen Plattformen nicht. Die Filmumsetzungen waren nie die anspruchsvollsten, vielschichtigsten oder intelligentesten Vertreter ihrer Art (ein Wesenszug, der den Vorlagen ebenfalls zu eigen ist), was vollkommen in Ordnung ist, solange die allgemeine Qualität stimmt und Kunden nicht für dumm verkauft werden.

Packshot zu 007 Legends 007 Legends Erschienen für PS3, Xbox 360, PC und Wii U kaufen: ab 17,00€

All diese Gedanken waren dank des einigermaßen vielversprechenden Einstiegs noch in weiter Ferne. Bereits in der Einleitung wird die Doppelnull von einer Kugel schwer verwundet und fällt schließlich in einen komatösen Zustand. Diesen Einstieg nutzen die Entwickler als Harke, um den Boden für die wenigen folgenden Stunden zu bereiten. Fortan ist es möglich, fünf (mit dem am 9. November erscheinenden kostenlosen DLC zum aktuellen Streifen „Skyfall“ insgesamt sechs) Höhepunkte der vergangenen 50-jährigen Filmgeschichte, deren logische, kohärente Verknüpfung sonst unmöglich wäre, als ein Gesamtpaket zu verkaufen.

007 Legends - Weder geschüttelt noch gerührt – und schon gar keine Legende

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Um dem Graus zu entkommen, kann man gar nicht schnell genug fahren. Mit der hakeligen Steuerung schon gar nicht.
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Vor diesem Hintergrund spielen sich alle Abschnitte, wie die Verfolgungsjagd auf dem Eis aus „Stirb an einem anderen Tag“ oder der Kampf gegen Goldfingers Handlanger Oddjob an der Seite von Pussy Galore, im Kopf von Daniel Craig, vor allem aber in der modernen Gegenwart ab. Wirklich zusammenhängend sind die separaten Abschnitte aber freilich nicht und als Freifahrtschein für vollkommen absurde Momente sollte die imaginäre Geschichte schon gar nicht dienen – doch genau dafür muss sie herhalten. Es darf jedoch bezweifelt werden, ob sich die Entwickler ernsthaft Gedanken über solche Kleinigkeiten gemacht haben, wenn selbst grundlegende Spielmechaniken wie hingerotzt wirken.

Schnell zusammengeschustert, ohne eigene Identität und frei von Spielfreude: Eurocom hat einen traurigen Tiefpunkt des Shooter-Genres gesetzt.Fazit lesen

„007 Legends“ will ein schnörkelloser Ego-Shooter ohne viel Schnickschnack sein, vergisst aber, dass Purismus nur funktioniert, wenn die Grundwerte überzeugen können. Und davon sind sie meilenweit entfernt, wenn sich der virtuelle Daniel Craig mit drei unterschiedlichen Waffen im Anschlag und einem dummen Spruch auf dem Lippen durch statische Lagerhallen schießt, deren Tristesse nur noch von der Dummheit der etlichen Klongegner übertroffen wird. Hier rennen Soldaten unentwegt gegen Wände, dort ignorieren sie das auf sie niederprasselnde Dauerfeuer und strecken ihr minderbemitteltes Haupt nur dann aus der Deckung, wenn es auch ordentlich kracht. Vielleicht besser so.

Agent 08/15

Einen Gnadenschuss habe ich mir während der knapp fünfstündigen Kampagne auch regelmäßig gewünscht. Oder einen starken Martini. Jede Abwechslung wäre willkommen gewesen, denn die von Eurocom gebotene kann kaum als solche bezeichnet werden. Wo Eat Lead: The Return of Matt Hazard bewusst mit Klischeeszenen kokettierte, um die Einfallslosigkeit des eigenen Genres zu foppen, scheinen sich die hier beteiligten Entwickler tatsächlich nicht darüber im Klaren gewesen zu sein, dass jede einzelne Szene abseits des 08/15-Geballeres seit Jahren nicht mehr originell ist.

Viel zu lange Autoverfolgungsjagden mit grausigem Fahrverhalten? Haben wir. Mit einem MG-Geschütz aus einem Helikopter heraus Gegner aufs Korn nehmen? Aber sicher doch! Sich wiederholende, vollkommen starre Quick-Time-Events? Sowieso. Letztere schlagen dem Fass übrigens endgültig die Krone ins Gesicht: In aller Regelmäßigkeit kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, in denen Agent 08/15 seinem Gegenüber (meist ist es der aktuelle Bossgegner) die Kauleiste neu richten muss. Dieser offenbart bei jeder seiner vier Schlagpositionen einen ungeschützten Bereich, der für sich genommen bereits überdeutlich präsentiert, zu allem Überfluss aber auch noch mit einer fetten Markierung hervorgehoben wird. Das Ganze könnt nicht undynamischer sein. Ein Sandsack wäre ein gefährlicherer Kontrahent.

007 Legends - Weder geschüttelt noch gerührt – und schon gar keine Legende

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Lasst euch von den Bildern nicht täuschen: In Bewegung macht „007 Legends" eine deutlich schlechtere Figur.
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So schießt man sich durch eine Lagerhalle nach der anderen, ignoriert das unbrauchbare Deckungssystem, das mit minimalistisch noch euphemistisch umschrieben wäre, und erwischt sich immer wieder dabei, hinter der nächsten Ecke endlich so etwas wie ein Höhepunkt zu erwarten. Kann ja schließlich nicht immer dasselbe sein. Oder?

Und ob, auch wenn die eingestreuten Schleicheinlagen etwas anderes suggerieren wollen. Prinzipiell ein netter Ansatz, der allerdings durch das schlauchige Leveldesign und die grauenhafte künstliche Intelligenz der Gegner ad absurdum geführt wird, zumal es schlichtweg keinen nennenswerten Vorteil bringt, im Stillen zu agieren. Im Wesentlichen beschränkt es sich darauf, Feinde von hinten niederzuschlagen oder durch einen Lüftungsschach zu krabbeln. Aufgesetzter und plumper könnte es kaum sein.

Wie an so vielen Stellen merkt man auch hier, unter welchem Zeitdruck die Entwickler gestanden haben. „Was könnten wir noch ohne großen Aufwand implementieren, um damit hausieren zu gehen? Vielleicht ein Schleichsystem? Liegt doch momentan voll im Trend.“ So ungefähr dürfte das Brainstorming der Beteiligten ausgesehen haben. „007 Legends“ ist im Grunde ein einziger Flickenteppich aus einzelnen Komponenten, völlig lieblos und inspiriert zusammengewürfelt.

007 Legends - Weder geschüttelt noch gerührt – und schon gar keine Legende

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Rollt da etwa eine Spielspaßlawine auf uns zu? Höhö.
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Einzig die verschiedenen Verbesserungen der Waffen und Fähigkeiten lassen ansatzweise so etwas wie Motivation aufkommen. Verschiedene Aktionen erhöhen das Punktekonto, das wiederum in Upgrades investiert wird. Altbekannt, aber immerhin ein kleiner Lichtblick und Anreiz, im stumpfsinnigen Geballer wenigstens mal eine andere Waffe zu nutzen.

Und dann, ganz plötzlich, flimmert nach vier bis fünf Stunden der Abspann über den Bildschirm. Fehlt da nicht was? Mal abgesehen von Spielspaß, Anspruch und Motivation wäre ein richtiges Ende doch ganz schön gewesen. Das soll Anfang November, wie bereits erwähnt, in Form des kostenlosen Skyfall-DLCs nachgereicht werden. Es darf jedoch bezweifelt werden, ob sich die Geschichte damit zu einem logischen Ganzen fügt. Freiwillig anfassen werde ich diese Schlaftablette von einem Spiel ohnehin nicht mehr und damit endet „007 Legends“, wie es angefangen hat: mit leeren Versprechungen.