Man kann nicht leugnen, dass es ein wenig müßig erscheint, sich über ein neues Street Fighter zu unterhalten. Nicht etwa, weil die Reihe nicht hervorragend wäre, sondern vielmehr deshalb, weil uns ja eh in einem halben Jahr die nächste Edition mit einem Zusatz wie Hyper, Super, Ultra, Ultimate oder ähnlichem um die Ohren gehauen wird und wir dann dasselbe Gespräch in grün nochmal führen dürfen, nur eben über dreieinhalb Kämpfer und Mechaniken mehr. Es ist Capcom, es ist Kampfspiel – es ist Gesetz. Oder etwa nicht?

Nein, diesmal wird alles anders. Zumindest wurde uns das in den Newsspalten der Seiten und mir höchstpersönlich im Gespräch mehrfach versichert: Street Fighter V ist V, bleibt V. Keine Neueditionen, keine extrem modifizierenden Add-Ons, die die Spieler in zwei Lager spalten, nichts von alledem. Nur Prügelfans daheim vor der Playstation / dem PC und auf den Turnieren. Oh, und DLC, den wird es natürlich geben. Auch hier soll es aber fair bleiben: Nachgepatchte Kämpfer, Kostüme, Arenen usf. sollen, mit Ausnahme besonders schicker Premium-Kostüme für Leute mit hauseigener goldener Gans, im Game selbst freispielbar sein und bleiben, Microtransaction-Käufe optional.

Street Fighter 5 - Guile! Blanka Wahnsinn! Ken Ryu believe it?!

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Seit unserer Vorschaurunde ist F.A.N.G. als Kämpfer hinzugekommen. Unser Eindruck: W.T.F.?
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Der Schritt ist, je nach Betrachtungswinkel, sehr verständlich oder vollkommen absurd, sehr zu begrüßen oder ein böses Omen. Als Spielern fällt uns der Abschied von x Neueditionen mit Ringeltanz um den Featurebaum sehr leicht. Keine Neukäufe, keine Frage, ob man dieselbe Edition wie der beste Freund / härteste Rivale hat und eine faire DLC-Politik klingen zu schön, um wahr zu sein. Das aber ist genau der Knackpunkt: Kann das stimmen? Würde sich Capcom wirklich die Penunze des bisherigen Modells entgehen lassen, ohne etwas ähnlich Räuberisches Lukratives zu probieren? Oder bleiben sogar die Versprechungen über die einzelne, einzig wahre V-Edition am Ende nur Blabla? Denn das ist der angesprochene absurde Aspekt: Warum zur Hölle sollte Capcom das Erfolgsmodell aufgeben wollen?

Verständlich ist der Wunsch, die Community einen zu wollen, denn sicherlich war das Editions-Gehopse von früher ein Flickenteppich aus Erfolgen und Misserfolgen, unterwanderten Erwartungen und insgesamt doch lohnendem Abschneiden. Eine geeinte und starke Community ist Voraussetzung für ein langfristiges Geschäftsmodell, und Capcom hat, man möge mir das allzu sozialistische Vokabular verzeihen, einen Fünfjahresplan, was zusätzliche Inhalte und damit Langlebigkeit angeht. Kann das Spiel das stemmen? Die Zeit wird es zeigen.

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Spielerisch jedoch mache ich mir allerspätestens seit meinem eigenen Hands-On keine Sorgen mehr. Das Ersetzen von alten Bekannten wie Blanka und Guile mag Fans sauer aufstoßen (Guile soll nach dem Release nachgereicht werden, immerhin), doch die Newcomer und Rückkehrer fügen sich hervorragend ins Geschehen ein und passen wie die Faust in die Magengrube. Laura, brazilianische Jiu-Jitsu-Kämpferin mit Blitzaffinität, tritt nur scheinbar das Erbe von Blanka an, ist allerdings in Fragen der Utility deutlich anders. Ein eher methodischer Grappler ist das Resultat, der sich mit Armor und Rushdowns durchsetzt und den Feind zu Boden zwingt. Cool, aber nicht für jedermann das richtige.

Faust auf Faust, hart ganz hart

Und apropos "Rushdown": Aushilfs-Saiyajin Necalli ist wahrscheinlich auch langfristig einer der aggressivsten Neuzugänge, denn wenn der mit Rasta-Locken bewehrte Fighter erst einmal zum Gegner aufschließt, sieht dieser so schnell keine Sonne mehr. Gutes Zoning oder eine ebenso aggressive Rushdown-Taktik werden Pflicht. Oder eben Mobilität: Wenn der arabische Wirbelwind Rashid das Schlachtfeld in die Vertikale atemberaubend nutzt, dann ist das schon ein bisschen schwerer, den mit Finten und schnellen Ausweichbewegungen agierenden Windmeister zu fassen zu kriegen.

Auch der Rest der Kämpfer wurde sinnvoll überarbeitet oder mit voller Wucht zurückgebracht. Besonders gut gefällt mir Dhalsim, der jetzt als bärtiger Yogi schlüpfriger denn je ist und gerade den eben erwähnten Rushdown-Meistern einige Kopfschmerzen bereiten wird. Auch über die Rückkehr von Alpha-Charakteren wie Karin oder Rainbow Mika freuen sich viele Fans, mich eingeschlossen, und nach ein paar Runden mit den alten Bekannten sage ich: zu Recht. Nichts wurde halbherzig gemacht. Die letztendliche Balance, wie immer bei Kampfspielen, steht natürlich noch in den Sternen und wird später von der Community ermittelt.

Mechanisch hat sich durchaus einiges getan. Die Fokus-Attacken des letzen Teils sind weggefallen, was aber zumindest in unseren Proberunden nicht die große Tragik war. Die EX-Leiste lebt und bebt wie eh und je, auf Wunsch werden normale Attacken verstärkt oder massive Critical Arts ausgelöst, die trotz Umbennung einfach Ultimates sind – man kann es natürlich auch verwirrend machen, ne?

Street Fighter 5 - Guile! Blanka Wahnsinn! Ken Ryu believe it?!

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Es gibt Wiedersehen mit alten Bekannten - dafür sind auch ein paar Veteranen weg.
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Im Gegensatz zu früher und anderen Prügelkollegen gibt es hier eine separate Leiste, die sich füllt, wenn man selbst ordentlich auf die Schnauze kriegt und die dann Reversals und spezielle Manöver ermöglicht. Was für ein Manöver der "V-Skill" und der stärkere "V-Trigger" (passend zur gleichnamigen V-Leiste) ist, hängt von Kämpfer ab. In unseren Testläufen erschien es uns so, als sei der V-Trigger einfach jedesmal ein Super-Modus mit zusätzlichen Kombo-Möglichkeiten, aber das kann natürlich täuschen. V-Skills sollen vielfältiger sein, konnten in der Breite aber noch nicht von uns erforscht werden. Manche der Street Fighter sollen Parrys und Projektilreflektionen als V-Skill haben, was natürlich ein ohnehin ansehnliches Repertoire noch sinnvoll erweitern könnte.

Keine Überraschung: Street Fighter V wird mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig gut.Ausblick lesen

Über den Rest des Gameplays lässt sich nichts als Lobenswertes sagen. Die Kontrolle ist tight wie immer, das bekannte Schema mit Viertel- und Halbkreisen, die mittlerweile ja schon eher nach ihren Moves benannt werden als andersrum, geht auch bei den Neulingen weich von der Hand und reagiert, wie es soll. Nicht alle Mechaniken sind dabei harte Tweaks für noch härtere Fans – schafft es Pro-Wrestlerin Mika zum Beispiel, etwa eine halbe Minute lang Trashtalk in ihr Mikrophon zu salbadern, wird ihr nächster Wurfangriff sofort tödlich – wird niemals in einem ernsthaften Matsch auftauchen, kann höchstens mal benutzt werden, um einen Freund zu neppen, aber auch um süße Details ist man nicht verlegen.