Woran merkt man, dass die eigenen Ideen ein voller Erfolg sind? Möglicherweise daran, dass kurze Zeit nach deren Veröffentlichung plötzlich unzählige Nachahmer auf der Matte stehen, die sich alle am großen Kuchen beteiligen möchten. „Demigod“, der ambitionierte Strategiemix von Chris Taylor, war vor zwei Monaten zum Beispiel einer dieser Nachahmer – ohne jedoch an den Erfolg des Vorbildes heranzureichen.

Nun steht „League of Legends“ in den Startlöchern. Beide Titel basieren auf der Idee eines anderen: Defense of the Ancients (oder kurz: Dota) machte als simple Mod für „Warcraft 3“ ein Spielprinzip berühmt, dass nun zigfach kopiert wird. Doch die Luft wird dünn für die Fanmodifikation – denn „League of Legends“ entpuppt sich im Langzeittest als äußerst würdiger Nachfolger.

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Dota anyone?

Auch wenn es sicherlich ambitioniert war und sogar versucht hat, neue Wege zu beschreiten – funktioniert hat Chris Taylors Dota-Adaption „Demigod“ nicht. Allein die Tatsache, zum Start lediglich acht Helden mitzuliefern, ließ schon vor Release nichts Gutes erahnen, den Todestoß hat dem Göttergemetzel aber wohl das mangelhafte Balancing verpasst. Nach nicht einmal einem Jahr herrscht auf den Servern zumeist Flaute.

League of Legends - Vergesst Demigod: Hier kommt der wahre Dota-Killer

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Im Schutze CPU-gesteuerter Helden preschen wir gen Feindbasis.
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„League of Legends“ hat da im Vergleich schon mal zumindest einen elementaren Vorteil – es lässt sich abkürzen. Zwar klingt „LoL“ nun nicht unbedingt wie von Engelszungen gesungen, aber das konnte man von „Dota“ ja auch nie behaupten. Ein anderer Vorteil ist sicherlich dieser: „Dota“-Mastermind „Guinsoo“, der die geniale Mod jahrelang betreute, fungiert hier als Lead Designer. Und der weiß wohl am Besten, wie’s geht.

Ja, wie denn eigentlich? Also: Für Dota-Unkundige sei zunächst das allgemeine Spielprinzip erklärt. In der Rolle eines einzelnen Helden patrouillieren wir über eine symmetrische Karte. An deren Ende: zwei Basen – die der unseren Fraktion und die des Gegners. Das Ziel: Das Hauptgebäude der Unholde zerstören. Im Schutze von computergesteuerten Soldaten bewegen wir uns auf drei Wegen (bzw. im Dota-Slang: Lanes) gen Gegnerbasis.

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Massaker: Wenn vier Helden aufeinander treffen, hagelt es meist "Kills".
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Was an dieser Stelle vielleicht kompliziert klingt, ist im Spiel völlig selbsterklärend und bedarf keiner fünf Minuten, um sich einzuarbeiten. Im Grunde ist „LoL“ pure Strategie, mit dem feinen Unterschied, dass wir hier nur auf eine Einheit aufpassen müssen. Wie „Dota“ zieht „LoL“ dabei sein immenses Suchtpotential aus dem kompetitiven Element – wer einmal in ein 5vs5-Spieler-Matches bestritten hat, die Helden des Gegners malträtiert und im Team die Feindesbasis erstürmt hat, will nie wieder etwas anderes spielen. Versprochen.

Gut geklaut ist halb gewonnen

Natürlich sollte klar sein, dass die Beteiligung des ehemaligen „Dota“-Teams gewisse, nun ja, „Auswirkungen“ mit sich bringt. Entsprechend nah am Vorbild bewegt sich „League of Legends“, diabolische Naturen mögen gar feststellen, dass hier nur knapp die Grenze zur Plagiatur umschifft wird. Bis auf einige wenige eigene Ideen hat man das spielmechanische Erfolgskonzept komplett übernommen.

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Wie in "Dota" gilt es auch neutrale Einheiten (Creeps) zu besiegen, um schneller aufzuleveln.
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Auch andere Bereiche bleiben da nicht unberührt. Der Grafikstil etwa hat zwar leichte Cel-Shading-Anleihen, erscheint aber ansonsten wie ein Update der „Warcraft 3“-Optik. Items kaufen? Natürlich auch hier, zum Teil sogar mit ähnlichen Werten. Neutrale CPU-Gegner? Gibt es ebenfalls, sogar ein geflügeltes Pendant zum wandelnden Felsbrocken Roshan findet der neugierige „Dota“-Kenner.

Die Nähe zum Vorbild hält Guinsoo und Co. zum Glück nicht davon ab, zumindest an bekannten Kanten zu feilen oder gänzlich frische Ideen zu implementieren. Die Shops sind zum Beispiel erheblich komfortabler gestaltet. Rezepte mit denen Gegenstände zu besseren, noch mächtigeren Items verschmolzen werden, werden nun genau aufgeschlüsselt, zudem gibt das Spiel für jeden Helden eine Vielzahl an Item-Empfehlungen ab.

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Toll: Die Skills der Helden hat Riot Games wohl durchdacht.
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Wie in „Dota“ kommt es auch in „LoL“ neben eigenem Können und guter Teamarbeit auf einen möglichst optimalen Itembuild an. Das hierfür nötige Gold gibt es aber nur durch das Besiegen gegnerischer Helden – stinkreich und damit besser wird also nur, wer ohnehin schon etwas auf dem Kasten hat. Eine großartige Balancing-Idee, die schon die beliebte „Warcraft 3“-Mod zu strahlendem Ruhm geführt hat.

Auch wenn man die Alleinstellungsmerkmale an einer Hand abzählen kann - 'League of Legends' ist für mich das bessere 'Dota'.Fazit lesen

Neu ist auch, dass man vor einem Match noch aus zwei zusätzlichen Unterstützungszaubern auswählen darf, was den Pool der Heldenfähigkeiten auf insgesamt sechs anhebt. Neben einem Heilspruch oder Teleportation lässt sich auf Wunsch sogar die Karte aufdecken. All zu mächtig sind diese Spells jedoch nicht, da alle Spieler darauf Zugriff haben, halten sich die Machtverhältnisse die Waage.

40 Freunde sollt ihr sein

Mit etwa 40 Helden umschifft „League of Legends“ gleich von Beginn an einen der größten Kritikpunkte von Chris Taylors „Demigod“. Dessen acht Recken ließen den riesigen Variantenreichtum von „Dota“ (mit knapp 100 verschiedenen Helden) leider schmerzlich vermissen. Dummerweise waren selbst diese wenigen Heroen kaum ausbalanciert, was den Eindruck von Schlamperei noch verstärkte.

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Aufgepasst: Die auf der Karte verteilten Türme gelten zu Spielbeginn als eine Art Begrenzung.
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Das Balancing funktioniert auch in „LoL“ nicht immer optimal – steht damit aber in der Tradition von „Dota“. Auch dort gab es Schwankungen, wirklich „imba“ oder „underbalanced“ war aber niemand. Hervorzuheben ist vor allem die Individualität der einzelnen Helden. Während der ebenfalls in Kürze erscheinende Konkurrent „Heroes of Newerth“ einfach die „Dota“-Charaktere kopiert und lediglich Namen und Aussehen ändert, wurde jeder „League of Legends“-Recke neu konzipiert.

Natürlich gibt es die bewährte Klasseneinteilung aus Damagedealer, Tank und Magier/Supporter. Und – ebenso natürlich – bleibt auch die skurrile Gestaltung bzw. Ausrichtung der Charaktere. Die magisch begabte Annie erscheint etwa als süßes Mädchen mit Plüschteddy unter dem Arm. Der armbrusttragende Twitch sieht hingegen am ehesten wie eine durchgeknallte Ratte aus.

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Dieser Nexus, also das Hauptgebäude, ist das Ziel der gegnerischen Fraktionen.
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Spaß machen die Klassen, und das ist sicherlich die beste Nachricht, wirklich allesamt. Gut gelungen sind vor allem auch die einfalls- bzw. trickreichen Skills, die von Betäubungseffekten über Stärkungszaubern bis zu monströsen Feuerbeben reichen. Auffällig auch, dass Entwickler Riot Games verstärkt auf symbiotische, also voneinander abhängige Skills, setzt – da trauen sich nur echte Profis heran.

Die Balance gewahrt

Bis jetzt klingen die vorstehenden Zeilen stark nach „Dota“. Doch Riot Games geht den wichtigen, weil notwendigen Schritt in Richtung Web 2.0. Jeder „LoL“-Spieler erstellt sich nämlich ein Onlineprofil, das fortan als Avatar fungiert. Mit diesem Avatar sammelt ihr Erfahrungspunkte für gewonnene Matches, steigt in Stufen auf, erhaltet Skillpunkte, die ihr wiederum in drei Talentbäumen ausgebt.

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Riot Games hat übrigens die Grafik (hier ein Shot aus einer früheren Version) entwas "ent-buntet".
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Die Talente decken dabei die ganze Spielmechanik ab: Ob kürzere Todeszeiten oder höheres Einkommen, stärkere Zauber oder bessere Widerstandskraft, schnelleres Bewegungstempo oder mehr kritische Treffer – alles ist möglich und erlaubt. Leider gerät das Balancing hier ein wenig aus den Fugen, haben doch hochstufige Spieler gegenüber Neulingen zum Teil immense Vorteile.

Außerdem darf man mit den Erfahrungspunkten verschiedene Runen kaufen, die ebenfalls die Effektivität eurer Recken erhöhen. Sogar verschiedene Runensets sind erlaubt, die man vor dem Spiel individuell gestalten und dann kurz vor Matchbeginn wählen kann. Bisher ist dieses System jedoch noch nicht implementiert, wir können also nur abschätzen, inwieweit die Runen das Kräfteverhältnis beeinflussen.

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Beliebte Kombination: Erst einen "stun" setzen, danach nieder "nuken".
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Zum Glück verzichtet „League of Legends“ aber auf das hirnrissige System des Konkurrenten „Heroes of Newerth“. Dort gibt es nur für Kills die begehrten Erfahrungspunkte, was auf den Servern für Zustände sorgt, die am ehesten mit Sommerschlussverkäufen beim örtlichen Karstadt zu vergleichen sind. Wie ein egomanischer Haufen Geier stürzt sich dort jeder Spieler auf sein Opfer, um den tödlichen Schlag auszuführen – von Teamspiel keine Spur.

Zum Abschluss noch ein Wort zum Bezahlmodell: „League of Legends“ ist kostenlos, auf der offiziellen Seite gibt es den Client zum Download. Im Laden steht aufgrund einiger Zusatzinhalte trotzdem eine 30 Euro teure Box. Darin enthalten: einige Inhalte, die sonst nur im Shop angeboten werden. Über den finanziert sich „LoL“, neben neuen Skins und Helden sollen hier künftig auch Karten angeboten werden. Zum Zeitpunkt des Tests funktionierte der Shop jedoch noch nicht.