Ich habe es wieder getan: Nach einer selbstauferlegten Auszeit von rund einer Woche, die quälend langsam verging, habe ich mich wieder hochmotiviert und oberflächlich gut gelaunt auf die Richtfelder geworfen. Doch noch am selben Abend packte mich erneut der bekannte Frust und der warme Schauer von aufkeimender Wut. League of Legends war wieder einmal stärker als ich gewesen und die Community hatte mich ein weiteres Mal in die Knie gezwungen.

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Obwohl ich ein passionierter Anfänger auf dem Gebiet der elektronischen Peripherie meines Computers bin und niemals den Sayajin-Level eines Computerbastlers erreicht habe, kenne ich mittlerweile ein Instrument der haptischen Befehlseingabe sehr, sehr gut: Die Maus. Seit geraumer Zeit weiß ich, an welchen Stellen sich die Plastikverschalung von den verkabelten Multifunktionstasten am leichtesten löst und die teuren technischen Eingeweiden offenbart.

Ich weiß, dass etwa 95% der Funktionsfähigkeit einer Maus erhalten bleibt, wenn sie für einige Sekunden in Wasser getaucht wurde und dass ich mit einem simulierten, festen Händedruck das Mausrad aus der Plastikfassung brechen kann. Doch mein Trivialwissen über das grundlegendste aller Eingabegeberäte geht noch weiter: Ich kenne die Belastungsgrenzen nahezu aller gängiger Maus-Modelle der letzten zwei Jahre und weiß, nach wie vielen Kontaktberührungen mit der Schreibtischplatte die Verschalung irreparabel in den Mülleimer wandern muss. Dieses Wissen verdanke ich allerdings nicht YouTube, Bedienungsanleitungen, Galileo oder meinen Eltern. Nein, ich danke den MOBA-Spielen, allen voran: League of Legends.

MOBA, was war das noch mal? Irgendjemand hat euch in irgendeinem Artikel vielleicht schon erklärt, dass die unschuldige Abkürzung für Multiplayer Online Battle Arena steht und das Spielprinzip um eine Reihe von Türmen aufgebaut ist, die von spielergesteuerten Champions beschützt beziehungsweise zerstört werden müssen?

Hahaha. Süß.

MOBAs (Mieses Online-Beleidigen Anderer) sind der Schauplatz emotionaler Drahtseilakte: Es geht nicht um Türme, Level oder Champions sondern um das mentale Massaker, das augenscheinlich unsichtbar hinter den Kulissen und Stirnlappen der Teilnehmer stattfindet.

Bereits in der Lobby, noch vor dem Beginn des eigentlichen Spiels, findet ein reger Austausch von Mutterwitzen, generationsübergreifenden Beleidigungen und Androhung fragwürdiger Sexualpraktiken – ohne Einverständnis – statt. Hier wird dem Anfänger schnell klargemacht: „Spielspaß“ ist ein DLC, den sich hier niemand leisten kann.Im Spiel angekommen rückt der Kampf der Champions immer mehr in den Hintergrund. Kleinere spielerische Fehler werden mit minutenlangen Beschimpfungen der „Mit“spieler kommentiert, während das gegnerische Team zu Hohntiraden ansetzt. Die Fähigkeiten, mit dem eigenen Champion umzugehen, treten in den Hintergrund und machen der Frage Platz, wer seine Emotionen am besten beherrschen kann.

Ich gebe zu, dass ich zu der anfälligsten Spielergruppe für diesen emotionalen Kalten Krieg gehöre. Impulsiv und gleichzeitig ehrgeizig versuche ich wann immer möglich meine spielerischen Ambitionen zu beweisen – umso schlimmer, wenn mir dies dank Flüchtigkeitsfehler oder ablenkender Kommentare nicht gelingen will. Doch selbst wenn ich meine Sache gut mache, kann ich den Machtkampf der Mitspieler nicht ausblenden, die sich mehr und mehr in Diskussionen verstricken und mir damit indirekt Klötze zwischen die Beine werfen.

Selbst Spieler, deren Gemüt einem Eisberg in der Arktis gleichkommen, spüren irgendwann eine unkontrolliert zuckende Augenbraue an ihrer zerfurchten Stirn anklopfen, wenn die fehlende Disziplin der Mitspieler einen eigentlich sicheren Sieg kosten. Und je mehr ich Kraft, Energie und Konzentration auf meine Spielzüge konzentriere, desto mehr frustrieren mich die leichtfertigen Fehler meines Teams. Mother of Teufelskreis.

Aber es gibt auch Optimisten, kompetitive Hippies, die an den gesunden Menschenverstand appellieren und mit freundlichen, smiley-geladenen Textnachrichten versuchen, die Diskussionen zu lösen und zum Weitermachen zu motivieren. Die gleichen Menschen raten, die Fehler immer zuerst bei sich zu suchen und im Notfall müsse man das Spiel eben alleine tragen und den Rest mitziehen.

Hahaha. Süß.

Vielleicht fehlt mir das Stück Menschlichkeit, diesen Schritt konsequent zu gehen und nicht am Verhalten meines Teams zu verzweifeln. Vielleicht hat sich aber bereits die Erkenntnis in meinem kognitiven Zentrum breit gemacht, dass guter Wille nicht immer die Antwort ist – genauso wenig wie weitere Beleidigungen oder hartes Fluchen, liebe Mitspieler.

Bisher habe ich noch keine Lösung außer der Deinstallation des Spiels für meinen inneren Konflikt gefunden. Doch sollte ich mir wirklich ein gelungenes Stückchen Programmiercode vom emotionalen Ragequit meiner Mitstreiter kaputt machen lassen? Bin ich Teil des Problems oder Opfer des Umstands?

Eins habe ich allerdings gelernt: Moba-Spiele sind mehr als nur Kloppereien um Türmchen und Erfahrungspunkte. Massives Online-Bashing Anderer ist die Suche nach dem inneren Gleichgewicht – und einer wirklich stabile Maus.

Anmerkung: Eigentlich mag ich MOBAs ja sehr gerne, aber manchmal machen sie es mir wirklich schwer. Dieses ****-Spiel. Oder um mit den Worten der League of Legends – Community zu sprechen: „lol noob pls deinstall.“

Heute spielt Dom begeistert aber mäßig erfolgreich League of Legends und schreibt fiese Nachrichten, während der Spawntimer nach unten tickt. Meisten löscht er diese dann wieder aus schlechtem Gewissen und ist auch sonst ein ganzer Kerl.

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