Man kann ja nicht alles mögen. Selbst als überzeugter Allesfresser muss irgendwo Schluss sein, muss man auch mal „Nee, das hab' ich nie gedaddelt“ sagen können, ohne vor Scham im Boden zu versinken. Neben Half-Life 2 und Skyrim war in den letzten Jahren vor allem stets League of Legends eines dieser roten Tücher für mich. Zeit, das zu ändern.

„Versuch's doch einfach mal! Kostet nix!“, war vermutlich einer der häufigsten Sätze der LoL-Spieler aus meinem Bekanntenkreis, dicht gefolgt von wilden Flüchen ob der harschen Community und Nacherzählungen von wilden Wutausbrüchen. In letzter Zeit war es vor allem Kollege Dominik, der seiner Hassliebe nicht mehr nur beim morgendlichen Plausch an der Kaffeemaschine, sondern inzwischen vortrefflich in seiner eigenen Artikelreihe Luft macht.

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Ihm gebe ich auch die Schuld an diesem Dilemma. Bislang war League of Legends eines dieser Phänomene, die ich unbewusst (lies: gezwungenermaßen) wahrgenommen und bewusst verdrängt habe. Funktioniert derzeit bei Hearthstone ebenfalls ganz wunderbar und hat auch mit Skyrim schon großartig geklappt. Weil ich Dom allerdings für einen halbwegs vernunftbegabten Menschen mit brauchbarem Urteilsvermögen halte (von seiner krankhaften Nutella-Neigung und der Angewohnheit, mehr Milch als Kaffee in die Tasse zu schütten, mal abgesehen), entschied ich mich für eine etwas differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Irgendwas muss ja dran sein an einem Spiel, das etwa 70 (!) Millionen (!!) aktive (!!!) Spieler fesselt.

League of Legends - Können 70 Millionen Spieler irren? Die Faszination hinter einem Phänomen

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Gute 70 Millionen Menschen wissen ziemlich genau, was hier gerade abgeht und ich habe keinen Schimmer. Zeit, das zu ändern.
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Vier davon habe ich im Zuge dieses Artikels nach ihrer Begeisterung für Riots Massenphänomen befragt. Was macht LoL so einzigartig? Warum nicht DotA 2? Und vor allem: Was macht LoL zum meistgespielten PC-Spiel der Welt?

Daniel (SirEngageAlot): „League of Legends ist das ideale Spiel für zwischendurch“

Während meiner Studienzeit habe ich viel Zeit in Onlinespiele investiert. Ich hatte zu dieser Zeit auch großes Interesse an der Warcraft-3-Spielvariante DotA, habe dort aber keinen Zugang gefunden, da sich meine Freunde nicht dafür interessierten. Durch Zufall habe ich dann von League of Legends erfahren. Das zufällige Zusammensetzen der Teams ermöglicht sowohl Solo- als auch gemeinsame Runden mit Freunden und da ein Spiel nur 30 bis 50 Minuten dauert, ist es ideal für zwischendurch.

Trotz verschiedener MMORPGs wie Aion und Guild Wars 2, die über all diese Monate kamen und gingen, habe ich nebenbei stets LoL gespielt, da es der perfekte Ausgleich zu all diesen Titeln ist. Jede Runde ist ein eigenes Spiel und es gibt meiner Ansicht nach nur wenige Vorteile, die eine lange LoL-Karriere mit sich bringt. Eine kurze Abstecher in die Liga ist schlichtweg ein idealer Zeitvertreib.

Ein weiterer Vorteil ist die hohe Zugänglichkeit durch Features wie die wöchentliche Champion Rotation. Dabei werden jede Woche zehn Champions (Hinweis: Aktuell gibt es etwa 120 Champions) kostenlos zum Spielen angeboten, die andernfalls mit erspielten Erfahrungspunkten oder Echtgeld gekauft werden müssten. Dadurch lassen sich Helden kostenlos austesten, was ich sehr vorteilhaft finde.

Inzwischen besitze ich jedoch ohnehin alle Champions und habe einfach zu viel Zeit und Geld in LoL investiert, um auf andere Spiele wie DotA 2 umzusteigen. Ich muss ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung von DotA 2. Es könnte sogar besser sein, aber da ich mit LoL zufrieden bin, den kompletten Championpool nutzen kann und alle meine Bekannten ebenfalls mitspielen, habe ich keine Motivation, mich anderweitig zu orientieren. LoL war einfach zuerst da, das ist sein Vorteil.

Packshot zu League of LegendsLeague of LegendsErschienen für PC

Und ein letzter wichtiger Punkt: Während in anderen Spielen häufig das Equipment von großer Bedeutung ist, entscheiden hier zu 98 Prozent ausschließlich die Fertigkeiten des Spielers über Sieg oder Niederlage.

Martins Allrounder und Doms schizophrener Liebling

Martin (iGodot): „LoL ist einsteigerfreundlich, fair und der perfekte Allrounder"

League of Legends begeistert mich wie kaum ein anderes Spiel.

Warum ich mich für LoL entschieden habe? Aus Mangel an Alternativen. Welche Moglichkeiten gab es schon vor etwa einem Jahr? DotA 1 war mittlerweile doch sehr alt und „schwer” zu installieren, DotA 2 noch nicht final veröffentlicht und viele andere MOBAs fühlten sich schlichtweg nicht so „wertig“ an. League of Legends hingegen konnte man ganz einfach runterladen und loslegen.

Es hat lange gedauert, bis ich mich richtig eingearbeitet hatte; es ist ein schweres Spiel: am Anfang ist die Lernkurve sehr flach, dann springt sie förmlich nach oben und später steigt sie konstant, bis man einen vernünftigen Pool an Champions beherrscht und die Lernkurve nur noch durch Updates und Patches beeinflusst wird. Diese wiederum beeinflussen das Meta-Spiel und das kann dazu führen, dass der Held, den man im Moment bevorzugt spielt, plötzlich total nutzlos in seiner Rolle ist, weil es Helden gibt, die den Job viel besser erledigen können.

Eine weitere Begeisterung für das Spiel ist der ständig wachsende Pool an Helden. Auch wenn sich ein paar ähneln, spielen sie sich im Detail doch anders. Für jeden Spieltypen gibt es mittlerweile einen passenden Helden.

Eine weitere sehr gute Sache, die ich vor LoL noch nicht gesehen habe, ist das Free2Play-System. Die sogenannten Riotpoints (Ingame-Währung) sind ausschließlich dafür da, schneller neue Champions freizuschalten oder einen bestimmten Prestige-Status durch verschiedene Helden-Skins zu erhalten. Ich habe mich nicht einmal genötigt gefühlt, Riotpoints kaufen zu müssen. Entweder war es meine eigene Ungeduld oder das Gefühl, Riot etwas schuldig zu sein. Statt dem Kauf tätigt man gefühlt eher eine Art Spende. Ich selbst habe inzwischen einen dreistelligen Betrag investiert – und es nicht bereut.

Zudem hat LoL maßgeblich die eSport-Szene geprägt. Wo anfangs nur zehn Spieler in einem Raum saßen und eine Handvoll Leute das Tunier über einen Livestream gesehen haben, werden heute Stadien gefüllt und Preisgelder in Millionenhöhe verteilt. Riot hat die Turniertauglichkeit stets gezielt unterstützt und wesentlich dazu beigetragen, eSport massentauglicher zu machen.

League of Legends - Können 70 Millionen Spieler irren? Die Faszination hinter einem Phänomen

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Auf Twitch nichts Neues: LoL klebt förmlich am Spitzenplatz der meistgestreamten Spiele. Der bewusste eSport-Fokus von Entwickler Riot ist daran nicht ganz unschuldig.
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Dominik Schott: „Ist noch Nutella da?“ (sinngemäß)

Eigentlich kann ich League of Legends nicht ausstehen.

Abend für Abend, Feiertag für Feiertag, Wochenende für Wochenende wage ich mich alleine oder mit Freunden via Teamspeak auf die Richtfelder: Mit den neusten Patchnotes im Hinterkopf lege ich mir eine Taktik für das kommende Spiel zurecht, während mir unbekannte Worte in einer mir noch unbekannt erscheinenden Jugendsprache entgegengeschleudert werden.

Doch nicht nur der Spielchat beginnt vor dem eigentlichen Kampfbeginn hohl zu drehen: Freunde, die ich seit Jahren kenne und schätze, beginnen sich über Champions, Strategien und Sinn oder Unsinn der von uns gebannten Helden zu diskutieren. Während ich stumm die Wiedergabelautstärke meiner Kopfhörer auf eine wohlwollende Null reguliere, beobachte ich die ächzend voranschreitenden Prozentwerte im Ladebildschirm. Hach, Riot, wann schenkst du uns endlich belastbare Serverkapazitäten und Pings im zweistelligen Bereich?

Endlich, das Spiel beginnt – und die nächsten 50 Minuten werde ich fluchen, jauchzen, Mäuse zertrümmern und triumphierend mit meinen Team brüllen, wenn der gegnerische Nexus schließlich zerstört wurde.

Eigentlich kann ich League of Legends nicht ausstehen, aber eigentlich habe ich auch verdammt viel Spaß damit.

League of Legends - Killsteals: Reaktionen auf bildgewaltige Ungerechtigkeit14 weitere Videos

Professionalisierung ist Trumpf, findet Martin – und ich auch. Irgendwie

Martin (ReÝoN): „Die einzige wirkliche Währung in LoL ist Zeit, nicht Geld“

League of Legends hatte schon im Jahr 2012 mehr als 30 Millionen aktive Spieler pro Monat. 2014 waren es schon mehr als doppelt so viele. Warum wurde das Spiel so gut angenommen?

Zum einem ist wohl ein maßgebender Faktor, dass es kostenlos ist. Jedermann kann sich anmelden und auch auf den höchsten Ebenen erfolgreich ohne jegliche Investitionen spielen. Das einzige, was der Spieler im Gegenzug investieren muss, ist Zeit. Eine hohe Anforderung an den eigenen PC ist nicht notwendig. Im Gegensatz zu anderen Spielen der gleichen Art wurde es für Neueinsteiger wesentlich attraktiver gestaltet. Beispielsweise wurde der Goldverlust beim eigenen Tod gestrichen.

Es ist das Spielerlebnis, das LoL ausmacht. Der Pool aus derzeit 118 spielbaren Champions lässt keine Langeweile aufkommen. Es ist die bei jedem Spiel neue Herausforderung, die ich zugelost bekomme. Aufgrund der hohen Anzahl an Spielern werde ich sehr selten mehr als zwei Mal gegen den gleichen Gegner spielen – muss mich also jedes Mal auf etwas Neues einstellen.

Vor allem ist es aber der Support, das Unternehmen und das System, welches hinter diesem Spiel steckt. Auch wenn gerade die Server in Europa nicht das Glanzstück von Riot sind, merkt der Spieler, dass das Spiel kontinuierlich verbessert wird. Es gibt in regelmäßigen Zyklen neue Champions, neue Spielarten und manchmal sogar neue Karten. Gemeldete Bugs werden zeitnah aus dem Spiel entfernt. Das „Tribunal“ (Auswahl an Spielern, die über Reports beispielsweise Spam und Beleidigungen bearbeiten) besteht aus aktuell über 280.000 Spielern und macht seine Arbeit in jeder Hinsicht zufriedenstellend.

Ein weiterer Faktor für die Popularität sind definitiv die möglichen Gewinne. Verschiedene Ligen auf der ganzen Welt schütten jährlich Millionenbeträge an die Gewinner aus. Kein anderes Spiel hat es in diesem Sektor so weit geschafft. Ganz vorne steht hier die „LCS“, welche für den Gewinner der Season 3 eine Million Dollar auszahlte. Arenen, in denen die Spiele ausgetragen werden, sind teilweise mit über 5.000 Zuschauern gut besucht und zeigen einmal mehr, welche Breite das Spiel hat.

League of Legends - Können 70 Millionen Spieler irren? Die Faszination hinter einem Phänomen

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Früher wurden Pokémon auswendig gelernt, heute LoL-Champions.
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Abschlussgedanken: 70 Millionen Spieler + 1?

Zugegeben: Gespielt habe ich League of Legends noch immer nicht, allerdings verweilte mein Mauszeiger inzwischen schon mehrere Male gefährliche lang über dem „Herunterladen“-Button auf der offiziellen Homepage. Wirklich teilen kann ich die Faszination also nach wie vor (noch) nicht – verstehen hingegen schon.

Einsteigerfreundlichkeit ist der kleinste gemeinsame Nenner, das kostenlose Ausprobieren die erste Masche in einem cleveren Netz aus Motivation, in dem sich neben Martin, Dom, Daniel und Martin aus gutem Grund auch 70 Millionen andere Spieler verfangen haben. Jeder von ihnen zieht etwas anderes aus dem MOBA, sei es das kurze Ründchen zwischendurch oder der professionelle eSport-Hintergrund, der gezielt von Riot forciert wird.

Die Entwickler verfolgen ein festes Konzept und haben mit ihrem Bezahlmodell den spielbaren Beweis erbracht, dass Free2Play nicht Englisch für „Dreiste Abzocke“ sein muss. Spieler fühlen sich fair behandelt, sehen ein paar investierte Euro eher als Spende denn gezwungene Maßnahme zum Weiterspielen. Keine Spur vom zwielichtigen Billig-Image anderer Vertreter der F2P-Zunft.

Grund genug, demnächst einmal selbst einen Blick zu wagen. Und wer weiß? Vielleicht hole ich irgendwann sogar noch Half-Life 2 nach.

Jetzt seid ihr dran! Diskutiert in den Kommentaren, teilt eure Erfahrungen mit anderen: Spielt ihr League of Legends? Warum habt ihr angefangen und wie lange seid ihr schon dabei? Was haltet ihr ganz allgemein von MOBAs? Lasst es uns wissen!