Die vier Finger meiner linken Hand ruhen auf den Buchstaben Q, W, E und R während mein rechter Zeigefinger die Maustaste penetriert und mit Standardangriffen den Lebensbalken des fliehenden Gegners wie Butter in der Sonne zusammenschmelzen lässt. Ich warte auf den richtigen Moment, in dem der Gegner in die Reichweite meiner Fähigkeiten kommt und ich triumphierend den Kill einsacken kann.

Dann, plötzlich, erscheint eine rote Lichtsäule über dem Kopf des Beinahe-Hingerichteten und begleitet von einem WUUUSCH huscht die Lobmeldung „SilentMotherKiller hat einen Gegner getötet“ über den Monitor.

Während ich mit trockenem Mund auf den Bildschirm starre, huschen meine Finger von der strategischen Ausgangshaltung im oberen, linken Bereich der Tastatur zum Chatmenü und tippen von wütendem Staccato begleitet ein „KILLSTEAL!“ in das Eingabefeld. Wenige Sekunden darauf bloppt die Antwort des Angeklagten auf dem ergrauten Bildschirm auf:

SilentMotherKiller: HAHA no. Kill-Assist, you noob lol.

Kill-Assist? ASSIST?

Ich frage mich, ob mein digitaler Teampartner weiß, wie sich „Assist“ und die deutsche Übersetzung „Beistand“ definiert? Und dass in dieser Definition an keiner Stelle in keinem Duden dieser Welt auch nur der Hauch einer Rede von „OLOLOL Ich schnapp mir deinen sicheren Kill!“ ist?

League of Legends - Killsteals, oder: Das Märchen vom Teamwork

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Die (inoffiziell inoffizielle) Definition von "Beistand" (Engl.: Assist)
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Offensichtlich gehört das dreiste Wegschnappen von Punkten und Kills zum Kern des Spielprinzips. Nach über 300 Spielen hatte ich offensichtlich immer auf das falsche Pferd gesetzt, mich auf die Zerstörung von gegnerischen Türmen und das fleißige Setzen von Wächteraugen konzentriert (oder wie es die Community nennt: LOL I don't buy wards, I'm not support).

Wie es der Spielname League of LEGENDS schon sagt, stehen aber offensichtlich die Champions und ihr Existenz im Vordergrund, die möglichst schnell und so oft wie möglich auf 0 gesenkt werden sollte – umso besser, wenn ein Teamkamerad die Vorarbeit leistet und ich durch minimalen Kraft- und Manaeinsatz abstauben darf. Wie sonst sollte ich mir sonst erklären, dass mir Google bei der Suche nach „League of Legends Spielmechanik“ dieses Video vor die Füße rotzt:

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Zu schade, dass League of Legends nicht die Echtzeitübertragung einer Webcam erlaubt: Bei solchen taktischen Manövern sind Gesichtsentgleisungen jeglicher Art und Dimension sicherlich ein wahres Naturspektakel.

Packshot zu League of LegendsLeague of LegendsErschienen für PC

Doch die "HAHA, MEINER!"-Kultur geht tiefer als gedacht: Die Kunst des Killsteals wird in ganz verschiedenen Ausprägungen zelebriert. Neben dem einfachen Abstauben im Vorbeigehen oder durch gezielten Einsatz eines globalen Ultis konzentrieren sich zahlreiche Spieler auf das gezielte Unterbrechen von Killorgien der eigenen Teammitglieder. Besonderes Lob heimsen dabei die Champions ein, die einen potentiellen Pentakill kurz vor der Ziellinie unterbinden. Meisterlich! Wer Kills klaut, nutzt auch den wiederverschließbaren Verschluss bei Schokoladentafeln. Das ist vernünftig und überhaupt viel zu selten. Mehr davon, Riot, pls!

/irony off.

PS: Falls hier jemand nicht die notwendige Phantasie hat, sich auszumalen, wie eine Echtzeit-Webcamübertragung bei LoL aussehen würde – TADA, hereinspaziert zum Naturschauspiel „Gesicht entgleist“, musikalisch begleitet von der Philharmonie London und Maria Galetta. Von wem sonst.

League of Legends - Killsteals: Reaktionen auf bildgewaltige Ungerechtigkeit14 weitere Videos

Worüber soll ich in der nächsten Ausgabe meines Ragequits schreiben?

  • 36%Bronze vs. Platin: Ein Vergleich
  • 33%Chaos und Anarchie: Die Championauswahl
  • 28%"I'm no support!": Das leidige Thema der Wards
  • 3%Anderer Vorschlag (siehe Kommentare)
Es haben bisher 128 Leser ihre Stimme abgegeben.Weitere Umfragen

Wer nicht bis zur nächsten Ausgabe warten kann, darf gerne auch einen Blick auf meinen ersten Ragequit auf den Richtfeldern werfen.

[Disclaimer: Es handelt sich bei dieser Kolumne um eine zynische, übertriebene Darstellung der Wirklichkeit, die vor allem eines möchte: Unterhalten! Selbstverständlich sind Kill-Steals nicht die Regel - auch wenn es sich in diesen seltenen Momenten ganz danach anfühlt.]