Plötzlich war Hearthstone in aller Munde. Über Nacht verwandelten sich Tweets und Facebook-Posts in Erfahrungsberichte aus der Welt des Kartenspiels, das Blizzard im Gewand einer Closed Beta in die Welt entließ. Dieses Spiel vegetierte fortan in meinem Unterbewusstsein vor sich hin, ständig genährt von Einladungen zu „Hearthsthone Beta-Party!“-Events und Key-Gewinnspielen. Als zufällig (wirklich!) der lang geplante Kauf eines iPads fast auf den Tag genau mit dem Release der Tablet-Version des Hypespiels zusammenfiel, gab ich schließlich meinen passiven Widerstand auf, installierte Hearthstone und dokumentierte meine Erfahrungen und Gedanken mit dem ersten digitalen Kartenspiel, das ich jemals in meinem Leben gespielt habe.

So ein Tablet ist eine feine Sache. Dank berührungssensitivem Display wird jede Navigation durch die Programme zum Dirigentenstück: Während ich am PC mit dem unverkennbaren „Krrrr, krrrr“-Sound des Mausrädchens digitale Seiten durchblättere, wische ich auf meinem nigelnagelneuen iPad grinsend durch Comics, Videovorschläge und Artikel.

Zumindest nehme ich das an, denn fatalerweise installierte ich direkt nach der Befreiung des teuren elektronischen Geräts vom Verpackungsmaterial das frisch erschienene Hearthstone – und kam seitdem kaum noch zum Austesten des übrigen Funktionsumfanges.

Aber lieber von Anfang an.

Mittwoch, 16. April 2014, 17:30 Uhr: Warme Worte und Glückshormone
Während ich die App gratis aus dem Store herunterlade, lese ich mir die offizielle Produktbeschreibung des Spiels sowie einige der User-Meinungen durch. Die allgemeine Stimmung wirkt eindeutig euphorisch: Während sich zahlreiche Nutzer ausführlich und in höchsten Tönen lobend über Hearthstone auslassen, beginnt nun auch mein cerebrales Stammhirn zu verstehen, dass ich im Begriff bin, ein Kartenspiel zu spielen. Noch schlimmer: Ein Kartenspiel, das offensichtlich JEDER mit Internetzugang spielt oder zumindest täglich bei Twitch live mitverfolgt.

Hearthstone: Heroes of WarCraft - Solitär go home: Und plötzlich war ich hearthstoned

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Nur eine der vielen positiven Meinungen über Hearthstone in der iPad-Fassung. Vielversprechend!
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Noch während ich meine bescheidene Kartenspiel-Vergangenheit noch einmal vor meinem inneren Auge vorbeiziehen lasse (einige Schnarchrunden Solitär im schulischen Informatikkurs sowie einen Abend lang Schaafkopf während der ersten und auch letzten Sitzung meines Jugendstammtisches „Mehr Schnitzel auf Schnitzelbrötchen EV“), vermeldet mein iPad den erfolgreichen Download. Nun denn.

Packshot zu Hearthstone: Heroes of WarCraftHearthstone: Heroes of WarCraftErschienen für PC

Nach einer kurzen Ladezeit, die absolut im Bereich des Aushaltbaren liegt, werde ich von einer kernig-warmen Stimme begrüßt: „Schön, dass ihr hier seid, es war langweilig ohne euch!“ Die Begrüßung freut mich sehr, auch wenn ich bisher noch nie einen digitalen Fuß in die Räumlichkeiten dieses Kartenspiels gesetzt habe – aber das muss der freundliche Herr ja nicht wissen.

Zu Beginn darf ich an der Seite der Magierin Jaina, eine der insgesamt neun Helden, ein kleines Tutorial spielen, währendessen ich die Grundregeln erklärt bekomme. Einsteigerfreundliches Learning by doing, ohne sich durch anstrengende Handbücher und Videos klicken zu müssen? Gefällt mir!

Hearthstone: Heroes of WarCraft - Solitär go home: Und plötzlich war ich hearthstoned

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Helden gibt es reichlich und sie unterscheiden sich teilweise sehr voneinander. Für mich blutigen Anfänger gibts aber anfangs nur Jaina - auch gut!
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Nach dem Absolvieren der ersten siegreichen Einführungsspiele, die man nahezu unmöglich verlieren konnte, ist mein Belohnungszentrum bis zum Rand mit Glückshormonen vollgestopft: Das erste Spiel gegen die KI ohne freundliche Hinweise wird zum nächsten logischen Schritt.

Mittwoch, 16. April 2014, 23:00 Uhr: „Bis Level 10 und noch viel weiter!“

Nachdem ich gefühlt ein paar Spiele hinter mich gebracht, in Wirklichkeit aber schon rund vier Stunden (mit Unterbrechungen natürlich. Play responsibly, kids!) in der Kartenwelt von Hearthstone versenkt habe, muss ich wohl nun eingestehen: Dieses Spiel macht verdammt viel Spaß. Aber wieso? Wieso fesselt mich ein offensichtlich so simples Kartenspiel über lange Zeit, während mich andere Blockbuster- oder Indieproduktionen schon nach kurzer Zeit zu langweilen beginnen?

Die Regeln von Hearthstone sind schnell verstanden. Karten besitzen Angriffs- und Verteidigungswerte und kosten bis zu zehn Manakristalle, um aufs Spielfeld gebracht werden zu können. Im Grunde spielt man so nacheinander Karten aus, bis die 30 Lebenspunkte des Gegners auf Null geschmolzen sind. Was so simpel klingt, besticht im Detail mit hoher Komplexität.

Viele Karten besitzen zusätzliche Effekte und Fähigkeiten, während die insgesamt neun Helden und Klassen noch dazu eigene, individuelle Kräfte und Kartendecks mit sich bringen. Sehr schön: Das Spiel gibt sich (erfolgreich) Mühe, das Geschehen plastisch zu inszenieren: Schlagen Karten mit hohen Schadenswerten zu, dann bebt der Tisch – und unsichtbare Zuschauer jubeln laut.

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Das Schlachtfeld ist ausgeräumt und bietet ausreichend Platz für die nötige Übersicht.
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Genau diese Mischung aus steil ansteigender Lernkurve und den schnellen, etwa zehnminütigen Runden funktioniert sehr gut und ist ein fruchtbarer Nährboden für Spielspaß und breites Grinsen – selbst im Fall einer Niederlage: Denn auch dann gibt es recht viele Erfahrungspunkte, die die jeweilige gespielte Klasse dem Levelaufstieg, und damit neuen, selteneren Karten, näher bringen.

Donnerstag, 17. April 2014, irgendwann nachts: Nur...noch...eine..Runde...

Nachdem ich in überraschend kurzer Zeit alle Standardkarten des Jäger-Decks freigeschaltet habe, stoße ich auf einen weiteren Zweig im weit verästelten Belohnungssystem von Hearthstone. Sobald alle Karten erspielt wurden, werden nach und nach hochwertigere Versionen zugänglich, die ihren Pendants bis auf die optische Präsentation absolut gleichen: Allerdings gibt es nun Goldrahmen, transparente Hintergründe oder kleine Animationen.

Schnell meldet sich in mir der Anspruch, durch weitere Siege immer mehr der hübschen Karten freizuspielen, um im nächsten Online-Match meinem Gegenüber zu zeigen, dass ich schon viel Zeit mit meiner Klasse verbracht habe: Eine der wenigen Möglichkeiten des Protzens, die Hearthstone erlaubt.

Ein weiterer, schnellerer Weg, an wertvolle Karten zu kommen, stellt der Kauf von 5er-Sets dar: Mit 100 ingame-Goldstücken oder einem geringen Betrag Echtgeld bekommt ihr fünf Karten zufällig geschenkt, von der allerdings mindestens eine sehr wertvoll ist. Obwohl es so nie wirklich Verlierer geben kann, haben manche von uns hin und wieder das ganz, ganz große Los gezogen.

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Oder auch sehr schön:

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Hach. Schönes Spiel. Noch ein schnelles Ründchen. Die dauern ja nicht lange. Dann aber wird geschlafen!

Donnerstag, 17. April 2014, 7:30 Uhr: Ein neuer Arbeitstag

Scheiße, bin ich müde.

Donnerstag, 17. April 2014, 19.00 Uhr: Ranked Games - ohne Trolle?

Nachdem ich reichlich Zeit mit normalen Spielen verbracht habe, um meine Kartendecks aufzustocken, wage ich mich nun auf die Richtfelder der Ranked Games: Beginnend bei Level 25 steige ich Spiel um Spiel unaufhaltsam wie ein Fisch im Aquarium auf – und komme schließlich im Bereich von Level 17 bis 19 zum Stillstand. Hier heißt es erstmals für mich auf die Zähne zu beißen und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen. Und ja, ich gebe zu, das ein oder andere Mal hätte ich gerne meinen Frust im Spiel Luft verschafft – aber so einfach ist das bei Hearthstone gar nicht.

Denn auch hinsichtlich der zwischenmenschlichen Kommunikation haben sich die Entwickler etwas ganz Wunderbares einfallen lassen: Ein jederzeit benutzbares Chatsystem wurde durch eine Handvoll Standartphrasen ersetzt, die mein Held dem Gegner entgegenwerfen kann. Diese bewegen sich allerdings in einem sehr enggestecktem Rahmen und varrieren zwischen einem „Danke!“, „Grüße!“, „Gut gespielt!“ und „Das werdet ihr noch bereuen!“. Trollen wird so kaum Raum gelassen, die Spielerfahrung zu stören – welch Wohltat für meine von MOBAs geplagte Seele.

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Ich kann dieses Spiel wirklich jedem ans Herz legen - ob nun kartenbegeisteter Stammtischveteran oder souveräner Only-Shooter-Spieler: Da Hearthstone gratis im App-Store angeboten wird, könnt ihr nichts weiter verlieren, als ein paar Minuten im Tutorial, aber ein neues, stundenfüllendes Lieblingsspiel womöglich hinzugewinnen.