Lokale E-Sport-Vereine wollen Training anbieten wie Fußballklubs. Das Problem: Der Staat hilft ihnen nicht dabei. Das würde sich ändern, wäre Computerspielen eine anerkannte Sportart.
Von: Fabian Swidrak

Eltern sind Vielfahrer. Sie bringen ihre Kinder zum Fußballtraining, zum Klavierunterricht und zur Theaterprobe. Geht es nach Martin Müller, dann bringen Eltern aus Magdeburg ihre Kinder demnächst auch zum Computerspieletraining.

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Martin Müller ist der Vorsitzende des Vereins Magdeburg eSports, einem der wenigen lokalen E-Sport-Vereine, die es derzeit in Deutschland gibt. Vor einigen Tagen feierte der Verein seinen ersten Geburtstag. Die Mannschaften des Klubs trainieren bislang nur online. Müller sagt: „Sport heißt, leistungsorientiert an sich zu arbeiten. Das geht viel besser in einem Trainingsraum als nur im Internet.“ Der Verein wolle deshalb einen solchen Raum beschaffen. Doch das ist gar nicht so einfach. Anders als beispielsweise Fußballklubs werden E-Sport-Vereine in Deutschland nicht gefördert. Der Grund: Computerspielen ist hierzulande kein anerkannter Sport.

Profispieler konkurrieren auf Turnieren um Millionenpreisgelder und locken dabei zehntausende Menschen in Arenen auf der ganzen Welt. Gaming ist ein Massenphänomen. Auch in Deutschland: 42 Prozent der Bevölkerung spielen regelmäßig Computer- oder Videospiele. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Unter den 10- bis 18-Jährigen sind es sogar 89 Prozent.

„Videospiele finden relativ unkontrolliert in Kinderzimmern statt“, sagt Müller. Allein würden Jugendliche häufig zu lange am Stück und mit ungesunder Körperhaltung vor dem Computer sitzen, Spiele spielen, die für ihr Alter nicht geeignet sind, sich dabei schlecht ernähren und zu wenig bewegen. Klubs wie Magdeburg eSports könnten das mit Trainingsangeboten wie in einem Fußballverein ändern. Müller sagt: „In einem Verein würden Jugendliche merken, wie sie spielen sollten, um besser zu werden, dass Pausen wichtig sind. Trainer könnten Einfluss auf die Ernährung und das Miteinander nehmen und darauf hinarbeiten, dass sie sich ausreichend bewegen.“

Auch der Verein Leipzig eSports träumt rund ein Jahr nach seiner Gründung von einem eigenen Vereinsheim als Trainingsstätte. Der erste Vorsitzende Patrick Dreißig sagt: „Man lernt mehr, wenn man sich gegenseitig über die Schulter schauen kann.“ Offline zu trainieren sei wesentlich effektiver als online. Außerdem fühle es sich viel besser an, „wenn man sich nach einer erfolgreichen Runde abklatschen kann“.

Um den Unterhalt eines Vereinsheims bezahlen zu können, benötigt Leipzig eSports monatliche Einnahmen von rund 700 Euro. Der Verein ist dabei auf die Beiträge seiner Mitglieder und Sponsoren angewiesen. Er erhält keine staatlichen Mittel oder steuerlichen Vorteile. Er kann keine Spendenquittungen ausstellen und erhält auch aus den Fördertöpfen großer Unternehmen kein Geld. Darum können sich in der Regel nur gemeinnützige Vereine bewerben. E-Sport-Vereine wie Magdeburg und Leipzig sind zwar im Vereinsregister aufgeführt, anders als beispielsweise Fußballklubs sind sie rechtlich betrachtet jedoch nicht gemeinnützig. Das würde sich ändern, wäre kompetitives Computerspielen in Deutschland ein anerkannter Sport.

Die rechtliche Anerkennung einzelner Sportarten erfolgt in Deutschland durch Bund und Länder. Die allerding verweisen auf die Autonomie des organisierten Sports. Das heißt, dass sie sich bei der Anerkennung an die Richtlinien des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) halten. Michael Schirp, stellvertretender Ressortleiter Kommunikation des DOSB, sagte im April während einer Diskussionsrunde zum Thema E-Sport im Bundestag, Anerkennung sei ein gesellschaftlicher Prozess. Der DOSB könne lediglich Sportverbände als Mitglieder aufnehmen. Wenn bestimmte Kriterien erfüllt seien, entscheide darüber die Mitgliederversammlung, so Schirp.

Eine zentrale Voraussetzung ist laut DOSB-Aufnahmeordnung das Vorhandensein einer „sportartbestimmenden motorischen Aktivität“. Die E-Sport-Szene argumentiert, Profispieler würden bis zu 400 Mausklicks pro Minute ausführen und müssten sich enorm gut konzentrieren können. Gegner sagen, Computerspielen trage dennoch nicht zum Erhalt der Gesundheit bei. Bislang scheiterte die Aufnahme in den DOSB vor allem an organisatorischen Hürden. Zwar existieren in Deutschland gleich mehrere Interessenverbände, jedoch gibt es keinen E-Sport-Verband, der über die vom DOSB vorgeschriebenen 10.000 Mitglieder verfügt.

Eine Möglichkeit, die fehlende Gemeinnützigkeit zu kompensieren, ist die Eingliederung des E-Sports in bestehende Sportvereine. Leipzigs Vorsitzender Dreißig sagt: „Ich kann mir super vorstellen, dass es da Synergien gäbe.“ Amateurvereine klagen vielerorts über Nachwuchsprobleme, E-Sport-Abteilungen könnten neue Mitglieder locken. Weil körperliche Fitness auch beim Gaming wichtig ist, würden E-Sport-Trainer ihren Spielern empfehlen, auch eine der traditionellen Sportarten im Verein auszuüben. Videospieler bringen zudem technisches Know-How mit, das in Sportvereinen oft fehlt.

In Magdeburg und Leipzig haben sich die Verantwortlichen vor einem Jahr bewusst dafür entschieden, eigenständige Vereine zu gründen. „Früher haben wir immer gesagt, wir sind eine Community. Damit konnte niemand etwas anfangen“, sagt Dreißig. „Seit wir ein Verein sind, weiß jeder Bescheid.“ Die Eigenständigkeit sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Und die braucht es, damit Eltern ihre Kinder eines Tages wirklich zum Computerspieletraining fahren.