Die einen entwickeln Spiele und träumen davon, eines Tages damit reich zu werden. Die anderen spielen sie einfach und lassen deren Schöpfer, was den finanziellen Erfolg betrifft, mitunter alt aussehen. Ob via YouTube, Twitch oder auf einem der großen E-Sport-Events - der gemeine Berufszocker ist längst keine Spinnerei mehr.

Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erzähle, dass ich Ende Juni in der Commerzbank-Arena in Frankfurt sein werde, bekomme ich immer wieder die Frage zu hören, ob ich in den Sportjournalismus gewechselt sei. Und tatsächlich ist dieser Gedanke nicht ganz abwegig, denn über nichts anderes als eine Sportveranstaltung werde ich von dort aus berichten.

Auf dem Rasen der Eintracht

Wobei es nicht die Spieler von Eintracht Frankfurt sind, die am 28. und 29. Juni als Helden der Arena auf dem Rasen um den Sieg kämpfen, sondern ein paar Jungs, die zum Teil selber noch nicht ganz begreifen können, was sie da eigentlich machen. Jungs, die im Laufe der letzten Jahre gemerkt haben, dass sich in ihrem Leben etwas geändert hat, dass ihr Hobby irgendwie zu etwas geworden ist, das man ihnen immer wieder abspricht zu haben: zum Beruf.

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Und ja - wenn man von 50.000 Zuschauern live und zusätzlich von Millionen via Stream gesehen wird, darf man sich als professionell bezeichnen und das geringschätzende Lächeln der Unwissenden geflissentlich ignorieren, die noch immer nicht verstehen können, dass der gemeine Sport durch das kleine ‘e’ um eine Facette erweitert wird, die nicht nur neue Sportler hervorbringt, sondern auch eine ungemein gewinnträchtige Marktlücke für neue Unternehmen und Berufe eröffnet.

Gabe Newells diabolischer Plan

Unaufhaltsam erfolgreich wird der E-Sport vor allem deswegen sein, weil man als Spieler via Internet viel näher an den Profis ist, als das im Tennis oder Fußball möglich wäre. Die Leute von Valve haben das offenbar bereits erkannt, als andere Unternehmen noch mit Solo-Games den großen Reibach machen wollten. Und so hatten sie sich mit dem mysteriösen Dota-Entwickler Icefrog den Jackpot der Branche und die vielleicht beste Sportart des digitalen Zeitalters gleichzeitig gesichert.

Denn wenngleich es während der letzten Jahre bisweilen so wirkte, als drehten sich die Mühlen bei Valve ausgesprochen langsam, fügt sich jetzt plötzlich ein Puzzlestück ans andere. Die wahren Entwicklungen waren schon lange nicht mehr auf Dota 2 beschränkt und sie liefen über all die Jahre versteckt hinter den Kulissen ab. Mit dem nahenden Dota-2-Turnier ‘The International’ wird Gabe Newell den Vorhang öffnen und selbst Sachkundige werden erkennen, dass sie den alten Knaben einmal mehr unterschätzt haben.

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Nach dem Turnier, das zeichnet sich jetzt endgültig ab, wird Steam nicht länger nur noch Handelsplattform für Computerspiele sein - es wird eine Art Zentrum des E-Sport werden. Schlüsselidee dafür ist das Turnier-Kompendium - eine Mischung aus Panini-Sammelalbum, Eintrittskarte und Wettbüro, mit dessen Hilfe der Spieler nicht nur seiner Sammelleidenschaft nachgehen, sondern auch aktiv am Turnier teilnehmen kann - beispielsweise durch die Fantasy-League oder die Zusammenstellung zweier eigenen Dream-Teams, die Valve dann tatsächlich auf dem Turnier gegeneinander antreten lässt.

Der vielleicht wesentlichste Faktor jedoch ist, dass Valve einen Teil der Einnahmen, die man mit dem Kompendium erzielt, direkt in den Preis-Pool des Turniers fließen lässt. Und angesichts von acht Millionen aktiven Spielern lässt das Ergebnis nicht lange auf sich warten: Staunte man im vergangenen Jahr noch über die 1,6 Millionen Dollar Preisgeld, scheint der diesjährige Pool keine Grenzen mehr zu kennen. Auch die aktuell fünf Millionen Dollar sind nurmehr ein Zwischenstand und die Aufmerksamkeit selbst konservativster Medien ist angesichts dieser Beträge garantiert.

“Und - wo sind sie nun, deine Millionen?”

Fünf, vielleicht sechs oder gar sieben Millionen Dollar, die in die Taschen der E-Sportler fließen werden! Und wer die grandiose Dokumentation ‘Free to Play’ gesehen hat, die Valve nicht ganz zufällig im vergangenen März veröffentlicht hat, wird ahnen, was das bedeutet: Einige der Spieler werden aus diesem Turnier mehr Geld mit nach Hause bringen, als ihre meist kritischen Eltern Zeit ihres Lebens verdienen könnten.

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Dabei ist das hauseigene Turnier nur die Vorlage, denn mittlerweile steht auch externen Veranstaltern die Möglichkeit offen, ein Kompendium zu ihren Turnieren anzubieten und so die nötige Aufmerksamkeit durch die Community zu bekommen und gleichzeitig das Preisgeld mit deren Hilfe in schwindelerregende Höhen zu drücken. Und an allem verdient Valve kräftig mit.

So geht Free-To-Play

Gleichzeitig beweist der Publisher einmal mehr, wie ‘Free-To-Play’ wirklich funktioniert, denn das Spiel an sich ist und bleibt ohne Wenn und Aber kostenlos. Wer möchte, schaltet sich via Twitch auch kostenlos ins Turnier ein. Doch wer tatsächlich etwas mit dem Phänomen Dota 2 und mit E-Sport verbindet, hat mindestens das eine Kompendium ohnehin längst gekauft. Eben weil man nicht dazu genötigt wird und weil der E-Sport das zu bieten scheint, was die TV-Sender beim klassischen Sport nur versprechen: Man sitzt als Spieler in der ersten Reihe und ist mittendrin, statt nur dabei.

Dabei ist die neue Form der elektronischen Unterhaltung nicht nur auf MOBA-Games oder Shooter beschränkt. Längst erfreut sich der Streaming-Service Twitch weit größerer Aufmerksamkeit als so mancher TV-Sender und Tausende Streamer sorgen Stunde um Stunde für ein Programm, wie es abwechslungsreicher kaum sein könnte.

Bekannt, beliebt, begehrt

Doch die Streams sind mehr als nur blanker Zeitvertreib. Für manch zeigefreudigen Streamer sind sie eine vortreffliche Erwerbsquelle - sofern man sich nicht zu fein ist, Spenden vom Publikum mit einer kleinen Einblendung und einem Jingle zu honorieren und allerlei Krimskrams sowie Shirts, Hoodies, Kappen, Taschen und dergleichen im Merchandising-Shop anzubieten. Dafür muss man nicht einmal überragend gut spielen können - viel eher kommt es auf den Unterhaltungswert des Streamers an.

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Und mittlerweile sind die Streams auch ein wichtiges Marketing-Instrument der Publisher. So wichtig, dass bekannte Streamer mittlerweile auch umgarnt und angemietet werden, um Titel vorzustellen, die sonst kaum Aufmerksamkeit bekommen würde. Denn unter Spielern gilt: Die Anzahl der Zuschauer auf Twitch ist ein wichtiger Indikator für die Qualität eines Spiels - auch und gerade bei MMOGs.

The Elder Scrolls Online - Shitstorm über dem Hause ZeniMax

Ginge man nach den Zahlen auf Twitch - es stünde nicht gut um ZeniMaxens Erstlingswerk The Elder Scrolls Online. Während das MMOG kurz vor und nach Release noch auf den vorderen Plätzen im Stream rangierte, sind dem Titel mittlerweile die Zuschauer und entsprechend auch die Streamer weggebrochen. Mit The Elder Scrolls Online, das haben die professionellen Präsentatoren längst gemerkt, lässt sich kein Geschäft mehr machen.

Das mag auch daran liegen, dass die Community aktuell arg verstimmt ist. Da wäre einerseits die sechsmonatige Verschiebung der Konsolen-Versionen, deren Aussicht für manchen Spieler überhaupt Grund dafür gewesen war, sich einen Next-Gen-Kasten zuzulegen. Doch auch die PC-Version sorgt mittlerweile für Zornesfalten bei den Spielern. Die Bugs wollen ebensowenig von selbst weichen wie die Bots und das einst so vielversprechende PvP krankt an exakt den gleichen Problemen, an denen schon Warhammer Online einst gescheitert ist.

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Wer so wenig aus den eigenen Fehlern lernt wie Matt Firor, der hat es verdient, von Presse und Community gleichermaßen in den Boden gestampft zu werden. Mittlerweile hat sich bestätigt, was viele vorher nur geahnt hatten: The Elder Scrolls Online hat nicht die Qualität, die man von einem Vollpreisspiel erwartet. Das Spiel wird für ZeniMax vom Hoffnungsträger zum wirtschaftlichen Debakel.

Erst war ‘old school’, dann kamen Raids

Umso wahnwitziger, dass die Leute von ZeniMax derzeit, statt passende Worte für die Community zu finden, mit voller Kraft für das Kargstein-Update werben und wie Lead Content Designer Rich Lambert davon sprechen, wie hart und entsprechend ‘old school’ die neuen Raid-Inhalte doch würden. Hart, lieber Rich Lambert, ist ESO derzeit ganz unfreiwillig. Und Raids - diese Lektion sollte man als Entwickler gelernt haben - haben so wenig mit ‘old school’ zu tun wie The Elder Scrolls Online mit einem Spiel der Gattung ‘Massively’.

Will man den Titel langfristig stabilisieren, wird man, wie einst BioWare mit Star Wars: The Old Republic, um eine baldige Umstellung auf Free-To-Play nicht umhinkommen. Doch auch die setzt voraus, dass das Spiel repariert und von den Bots befreit wird, denn selbst im kostenlosen Sektor ist die Konkurrenz mittlerweile so groß, dass den drei Fraktionen Tamriels dort eine weit epischere Schlacht bevorsteht als in der eigenen PvP-Instanz.

WildStar - Prädikat: ‘hardcore’ - vor allem visuell

Doch die Entwickler von ZeniMax stehen mit ihren fanfremden Ansichten nicht alleine da. Auch bei Carbine lebt man in seiner eigenen kleinen Instanz und entwickelt mächtig an dem vorbei, was die mehrheit der Spielerschaft gerne hätte. Aber dafür gibt man sich dann das Prädikat ‘hardcore’ und präsentiert in diesem Zusammenhang - ihr hattet es bereits geahnt: Raids.

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Raids, die wir in den letzten Jahren bis zur Ohnmacht durchgenudelt haben und derer wirklich jeder Spieler, mit dem ich spreche, irgendwie überdrüssig geworden ist - weil sie nicht zuletzt für die unangenehme Item-Spirale stehen. Und als wäre das nicht schon abschreckend genug, präsentiert Carbine auch noch Videos von derartigen Begegnungen, die geeignet sind, selbst bei hartgesottenen Spielern einen mittelschweren Epilepsie-Anfall auszulösen.

Und als wäre das noch nicht schlimm genug, hält es WildStar-Produzent Jeremy Gaffney auch noch für angebracht, sich persönlich in eine Community-Diskussion auf Reddit einzuklinken und Partei für den kritisierten Wettbewerber ZeniMax zu ergreifen, ihn in höchsten Tönen für das Geschäftsmodell und für all das zu loben, was man bis jetzt mit ESO auf die Beine gestellt habe.

The Division - wir haben's gewusst!

Doch nicht immer sind Entwickler kurzsichtig. Mitunter besitzen sie auch eine Weitsicht, an der es Publishern eher fehlt. So auch im Falle von Ubisoft, wo man den Fans seit der Ankündigung des taktischen Online-Shooters The Division die Nasen lang macht und von einem Release in diesem Jahr spricht. Das allerdings hielt, wie wir an dieser Stelle schon im Januar kommentierten, zumindest ein Entwickler für eine ausgesprochen abwegig:

Tom Clancy's The Division - Gameplay-Video3 weitere Videos

“Die Spielengine funktioniert gut. Sie ist nicht fertig, aber sie funktioniert. Die eigentliche Entwicklungsarbeit am Spiel hat allerdings gerade erst begonnen. Die Tatsache, dass Ubisoft 2014 als Erscheinungszeitraum nennt, ist, um vollkommen ehrlich zu sein, lachhaft. Wir werden The Division auf keinen Fall in diesem Jahr veröffentlichen. Es ist ein großes Projekt und wir haben noch einen langen Weg vor uns.” Sprachs bereits im Januar und sollte recht behalten.

Regt euch nicht auf - aus 14 wird 15 - sonst ändert sich nichts!

Und so musste auch Ubisoft-Chef Yves Guillemot aktuell eingestehen, dass The Division keinesfalls mehr im laufenden Jahr bei uns aufschlagen wird. Neuer Termin: 2015. Diese Nachricht ist nicht nur bedauerlich - sie ist höchst ärgerlich und beschert dem Publisher einen herben Vertrauensverlust, der unbedingt hätte vermieden werden können und müssen.

Wieder einmal wird vor allem die Next-Gen-Konsolen-Liga von der Industrie in den Allerwertesten getreten, nachdem man sie im vergangenen Jahr mit allerlei tollen Versprechungen aufgeheizt und zum Kauf der nigelnagelneuen, aber weitgehend wertlosen Geräte überredet hatte. Wie schon ZeniMax hat sich auch Ubisoft den aktuellen Shitstorm für eine solch miese Tour redlich verdient.

Black Desert - niemand sieht schwarz

Keinen Shitstorm, sondern eher positive Resonanz hat derweil Pearl Abyss für sein Sandbox-MMOG Black Desert geerntet, dessen jüngste Betaphase gerade in Südkorea zu Ende gegangen ist. Da der Publisher die Vorlage eines südkoreanischen Ausweises verlangt, konnten nicht viele westliche Presseleute an den Tests teilnehmen. Jene, die es konnten, waren allerdings positiv überrascht.

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Das Spiel ist technisch tatsächlich auf höchstem Niveau geschmiedet, kennt keine Instanzen und bietet eine gewaltige Komplexität samt Belagerungen in der offenen Welt und ein System ohne Levelgrenzen. Einzige offensichtliche Kritikpunkte, in dem sich die Tester einig sind, sind das relativ späte Laden der Umgebungsdetails sowie die derzeit noch vorhandenen Bugs. MMO-Experte Steparu merkt allerdings in seinem Fazit auch an, dass ArcheAge insgesamt mehr Freiheiten biete als Black Desert.

Bis der Titel allerdings bei uns aufschlagen wird, werden mindestens noch Monate ins Land gehen. Immerhin haben die Entwickler mittlerweile verkündet, dass man auf der kommenden E3 vorstellig werde, um nach einem geeigneten Publisher für die westliche Welt Ausschau zu halten. Angesichts des derzeitigen Angebots eine mit Sicherheit nicht ganz einfache Mission.

Ausblick

Bedeutend einfacher ist es da schon, einen passenden Titel fürs laufende Wochenende zu finden: War Thunder nämlich. Die Beta von Gaijins ohnehin schon ungemein kurzweiliger Flugsimulation wurde nämlich aktuell um die heißersehnten Panzer erweitert. Zumindest stehen schon mal ein paar deutsche sowie russische Vehikel kostenfrei für alle Spieler zur Auswahl.

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Und die fahren sich tatsächlich derart gut, dass ich nicht nur World of Tanks deinstallieren, sondern auch diese Kolumne an dieser Stelle abschließen möchte, um mich gleich wieder mit meinen Kollegen in die Schlacht zu werfen. Bis zum kommenden Samstag wisst ihr also, wo ihr mich finden könnt.