Plötzlich ging alles ganz schnell. Nach einer schier endlosen Betaphase hat sich Valve erbarmt und Dota 2 tatsächlich offiziell für veröffentlicht erklärt. Damit ist die Zeit der Narrenfreiheit vorbei und das Spiel muss sich nicht nur dem Urteil einer zutiefst gespaltenen Community stellen, sondern auch dem der E-Sportler und natürlich unserem, das mit Sicherheit nicht unkommentiert bleiben wird.

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Müsste man das Dota-Konzept in einem Satz beschreiben, müsste der wahrscheinlich so lauten: Zehn Mann gehen rein, fünf Mann kommen raus. So einfach ist es tatsächlich und es ist anzunehmen, dass das Spiel, dessen Grundstein 2003 von einem Spieler namens Eul mit dem blizzardschen Mapeditor gelegt wurde, vor allem als kurzweilige und einfachere Alternative zu den Strategiespielen dienen sollte, die den Spieler vor ungewöhnlich stressige Multitasking-Aufgaben stellen.

Eine kleine Schöpfungsgeschichte

Nachdem Eul das Projekt für andere Modder geöffnet und dann niedergelegt hatte, übernahm ein gewisser Guinsoo die Arbeit und fügte einige Elemente hinzu, die mittlerweile als wesentlich angesehen werden dürfen - darunter wichtige Gegenstände sowie Roshan, die stärkste aller neutralen Kreaturen. Doch auch Guinsoo kehrte DotA den Rücken und ein gewisser IceFrog trat dessen Nachfolge an und machte DotA zu dem, was es heute ist.

Nun darf man darüber streiten, welcher der drei Herren den größten Beitrag geleistet hat - und genau das tut die Community auch. Denn während Erfinder Eul mittlerweile aus der Szene verschwunden ist, übernahm Guinsoo einen Posten bei Riot Games und machte das Spielkonzept mit League of Legends salonfähig und damit ungemein gewinnträchtig.

Derweil glänzte IceFrog als Perfektionist. Er holte tatsächlich alles aus der alten Blizzard-Engine raus und sorgte dafür, dass man im E-Sport auf das Spiel aufmerksam wurde, das sich aufgrund seiner wachsenden Komplexität im Laufe der Jahre vom kurzweiligen Gelegenheitsspiel weg und hin zu einem anspruchsvollen Taktik-Titel entwickelt hatte.

Dota 2 - Des Meisters Werk - aber auch ein Meisterwerk?

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Das bessere Line-up sorgt dafür, dass dieses Match in unter 30 Minuten beendet ist.
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Nur wo Dota 2 draufsteht, steckt auch wirklich DotA drin

Und da ein solcher Eifer bei den Großen der Branche kaum unbemerkt bleibt, und weil IceFrog nicht länger mit den Beschränkungen von Warcraft 3 arbeiten wollte, ließ er sich von Gabe Newell anwerben, um Dota 2 zu basteln. Mit dem will Valve ganz offensichtlich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Marktführer Riot Games das Wasser abgraben und die Valve-Plattform Steam endgültig zum Eldorado für E-Sportler machen.

Packshot zu Defense of the Ancients 2 (DotA 2)Defense of the Ancients 2 (DotA 2)Erschienen für PC

Anders als die beiden größten Konkurrenten der Szene, League of Legends und Heroes of Newerth, beschreitet IceFrog bei Dota 2 keine neuen Pfade und wer den ersten Teil bereits gespielt hat, der wird schnell erkennen, dass der mehr oder weniger offizielle Nachfolger 100% DotA bietet - die gleiche Karte, die gleichen Helden, die gleichen Gegenstände und, bis ins kleinste Detail, die gleiche Mechanik.

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Die Steam-Anbindung macht Dota 2 Dampf. Hier kann die Beute mit anderen Spieler gehandelt werden.
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Q, W, E, R und ein paar Mausklicks

Die basiert, wie eingangs erwähnt, noch immer darauf, dass sich zwei Teams zu je fünf unterschiedlichen Helden gegenüberstehen. Die Helden lassen sich noch immer so steuern, wie man das von Warcraft 3 gewöhnt war und sie verfügen in der Regel über vier aktive oder passive Skills - einer davon meist ganz besonders stark und mit einer entsprechend langen Abklingzeit verstehen – der 'Ultimate Skill' eben.

Die Helden starten in zwei ausgebauten Lagern auf einer nicht ganz gleichmäßig gespiegelten Karte mit einem Fluß in der Mitte und kleinen Ansammlungen neutraler Kreaturen in den Wäldern. Aus den Lagern marschieren in regelmäßigen Zeitabständen kleine Pulks von computergesteuerten Einheiten auf drei Pfaden in Richtung der feindlichen Basis, vorbei an eigenen und feindlichen Wachtürmen. Fallen die Türme, kann an der entsprechenden Seite die Basis angegriffen werden und fällt die, ist das Spiel entschieden.

Easy to learn, hard to master

Die Aufgabe der Spieler ist es also, die eigenen Truppen bei ihrem Vormarsch zu unterstützen. Doch bevor sie das tun, bemühen sie sich, möglichst mächtig zu werden und sich entsprechend auszustatten. Um in den insgesamt 25 Stufen aufzusteigen, muss der Held Erfahrung sammeln und sich dafür in der Nähe von sterbenden Einheiten des Gegners befinden.

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IceFrog hat es geschafft, die anspruchvolle E-Sport-Szene für sich zu gewinnen.
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Fast wie bei einem MMOG, allerdings im Schnelldurchgang, baut der Spieler seine Skills auf und kauft sich, sofern er genug Beute gemacht hat, den einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand. Die bringen in den meisten Fallen gewisse passive Boni mit - viele Gegenstände bieten jedoch auch noch die Möglichkeit weiterer auslösbarer Skills - von Unsichtbarkeit über Verwandlungszauber bis hin zu schweren Schadenszaubern.

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Man lernt nie aus

Diese Vielfalt an Gegenständen, die meist auch noch aus Einzelteilen zusammengebaut werden müssen, in Kombination mit weit über 100 Helden und deren Skills machen das eigentlich so einfache Spiel in der Praxis zu einer echten Herausforderung. Denn nicht nur gilt es den eigenen Helden ordentlich zu beherrschen - man muss auch in etwa abschätzen können, welcher Gegner mit welchen Möglichkeiten aufwartet.

Anfänger leiden in größeren Kämpfen zwangsläufig an chronischer Verwirrung und Orientierungslosigkeit und bis man einen gewissen Überblick über die Karte gewinnt, die Bewegungen der Gegner einschätzen kann und sich mit der richtigen Rolle innerhalb des eigenen Teams vertraut gemacht hat, werden einige Dutzend Spiele vergehen. Und wer gerade glaubt, Dota 2 gemeistert zu haben, den erwartet meist schon die nächste Lektion.

Gut geplant ist halb gewonnen

Wie bei den meisten Spielen dieses Genres ist auch bei Dota 2 die Phase der Heldenauswahl die wohl wichtigste im Spielverlauf. Wer die Stärken der gegnerischen Helden und den möglicherweise dahinter verborgenen Plan nicht rechtzeitig erkennt und durch eine seinerseits geschickte Teamauswahl kontert, der wird, allen Skills zum Trotze, mit einem frustrierend ungleichen Kampf bestraft.

Umso wichtiger ist es, dass man sich ein kleines Team aus verlässlichen und umgänglichen Leuten zusammenstellt, mit dem man das Spiel erlernt, erkundet und Strategien ausheckt. Wer einfach so ins kalte Wasser springt, ruiniert dem eigenen Team den Sieg und wird entsprechend regelmäßig Opfer von Flame-Attacken. Besonders schnell lernt hingegen, wer sich regelmäßig die Übertragungen anschaut, die der E-Sport hergibt und die Aufstellungen mit eigenen Freunden nachexerziert.

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Berühmte Namen liest man häufiger – meist handelt es sich jedoch um Fakes.
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Der Teufel liegt im Detail

Doch wo, mag sich manch einer fragen, liegt nun der qualitative und spielerische Unterschied zwischen Dota 2, Heroes of Newerth und League of Legends und in welchen dieser Titel sollte man sich einarbeiten? Lohnt sich Dota 2 überhaupt noch - angesichts der Tatsache, dass League of Legends längst den Genre-Thron für sich erobert hat? Hat der Nachfolger des Ur-Spiels überhaupt noch eine Chance am Markt?

Darüber scheiden sich die Geister nun ebenso wie über die qualitativen Unterschiede und ich möchte mich nun nicht in derlei Streitigkeiten verlieren. In aller Kürze sei gesagt: League of Legends verzichtet bewusst auf eine Reihe von Elemente, die sowohl in Dota 2 als auch in Heroes of Newerth enthalten sind. Wer in diesen beiden Titel stirbt, muss nicht nur für eine Weile aussetzen - er verliert auch Gold. Außerdem spawnen im Fluss verschiedene Booster-Runen, die man nutzen kann und mit denen sich das Spielgeschehen nachhaltig beeinflussen lässt.

Zehn Jahre Erfahrung

Das wohl wichtigste Element, das bei League of Legends fehlt, ist die Möglichkeit, eigene Einheiten kurz vor deren Ableben zu vernichten, um dem Gegner so die Geldquelle und einen Teil der Erfahrung vorzuenthalten. Viele DotA-Veteranen sehen dieses Element als unerlässlich an, da es zumindest in der frühen Spielphase ein Mindestmaß an Reaktionsvermögen und Konzentration erfordert,während League of Legends in dieser Phase vergleichsweise entspannt abläuft.

Und während ich persönlich Heroes of Newerth als den spielerisch anspruchsvollsten und vom Heldenpool her interessantesten der drei Titel ansehe, rangiert Dota 2 in dieser Hinsicht wahrscheinlich im Mittelfeld. Die Helden sind zum Teil seit zehn Jahren im Spiel und wurden entsprechend oft überarbeitet. Neue Helden gibt es derzeit noch nicht - da man sich bei Valve vorerst auf die Einarbeitung der kompletten Palette aus dem ersten Teil konzentriert hat.

Grafisch präsentiert sich Dota 2 eindeutig ansprechender als die beiden Konkurrenten und es bietet nach einer kurzen Phase der Eingewöhnung auch eine ähnlich gute Übersicht und Steuerung - wobei es insgesamt etwas hardwarehungriger ist als League of Legends. Die große Stärke von Dota 2 dürfte sich vor allem für die Fans der Plattform Steam entfalten.

Kosmetik statt Kommerz

Valve gibt sich hier tatsächlich alle Mühe, den Titel in jeder Hinsicht perfekt in das Netzwerk einzubinden - inklusive der Möglichkeit, kosmetische Ausrüstungsgegenstände mit unterschiedlichem Seltenheitsgrad, die es bisweilen nach einem Spiel als Belohnung gibt, via Steam zu handeln oder gar als Wetteinsatz für E-Sport-Begegnungen zu nutzen. Technisch versierte Spieler können auch eigene Gegenstände entwerfen und in den Fundus aufnehmen lassen.

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Teamplay wird in Dota 2 groß geschrieben. gamona wie immer klein.
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Im Gegensatz zum ebenfalls kostenlosen League of Legends sind bei Dota 2 alle Helden von Beginn an ohne Einschränkungen frei verfügbar. Entsprechend unkompliziert und schnell kann man mit dem eigenen Team auf Turnierebene spielen und muss sich nicht um Helden-Rotationen scheren oder Geld investieren. Das verdient Valve ausschließlich durch den Verkauf von kosmetischen Gegenständen sowie durch die Freischaltung von Live-Übertragungen wichtiger Turniere.

Als schwerwiegendstes Manko von Dota 2 empfinde ich das derzeit noch fehlende Ranking-System. Auch gibt es keine sichtbare Stärketabelle oder ein Liga-System, wie es Heroes of Newerth und League of Legends vorweisen können. Hier muss IceFrog auf jeden Fall dringend nacharbeiten, denn der angezeigte Spieler-Level deutet allenfalls an, wie viele Matches man auf dem Buckel hat - er sagt nichts über die tatsächliche Stärke eines Spielers aus.