Wann immer der Öffentlichkeit ein neuer Titel präsentiert wird, überschlagen sich die Verantwortlichen geradezu vor Begeisterung. Ihr Vokabular besteht vornehmlich aus Superlativen. Sie lieben ihre Arbeit und ihren Arbeitgeber ebenso abgöttisch wie ihr Team und das Projekt. In ihrer Freizeit spielen sie natürlich längst nichts anderes mehr. Und je größer der Unternehmen, desto begeisterter sind die Damen und Herren Entwickler.

Die obere Riege

Natürlich wird man, wenn man als Journalist das Studio eines großen Publishers besucht, nur mit einer kleinen Auswahl passionierter Entwickler sprechen. Die anderen sitzen so brav und fleißig an ihren Plätzen, dass man die Befürchtung hat, dass es das gesamte Projekt gefährden könnte, wenn man sie aus ihrer Konzentration reißt.

Und was sollte einem der kleine KI-Entwickler auch erzählen, was einem nicht auch Produzent und PR-Manager sagen können, die mit ihrem unverbindlichen Pokerface ohnehin stets darauf achten, dass keine Frage unbeantwortet bleibt und sich die garantierte Begeisterung aller Beteiligten wie ein roter Faden durch den Tag zieht? Zweifel und kritische Fragen haben da keinen Platz. Warum auch, wenn man doch das genialste Spiel aller Zeiten vor sich hat?

6 weitere Videos

Interessant wird es allerdings immer dann, wenn sich einer der braven und fleißigen kleinen Entwickler in seiner Freizeit anonym den Frust von der Seele tippt und in einschlägigen Foren tief hinter das Pokerface seiner Vorgesetzten blicken lässt. Dem uneingeschränkt Glauben zu schenken, wäre töricht. Die Gerüchte zu ignorieren aber auch, denn oft sind sie näher an der Wahrheit als alle blumigen Geschichten von PR-Managern und Produzenten zusammen. So auch bei Biowares Shadow Realms.

Das Ende der Revolution

Das hätte das nächste große Ding werden sollen, mit dem sich das Studio endgültig zurück ins Gedächtnis und in die Herzen der Fans bringen wollte. Die Neuerfindung des Rollenspiels: Episch in der Story wie die alten Titel, hübsch anzusehen in der Grafik wie die modernen und asymmetrisch im Gameplay, um die Evolution zu unterstreichen. Die Fachpresse hatte sofort angebissen und auch die Fangemeinde hatte sich bereits organisiert. Wenn einer den Sprung aus dem Einheitsbrei schaffen könnte, so hieß es, dann wäre das wohl Bioware.

Doch statt uns mit Konkretem zu erhellen, zog ein Schatten über Shadow Realms herauf. Termine wurden verschoben, Infos gab es kaum noch - Gerüchte von einem Neustart machten die Runde. Und jetzt folgte, was folgen musste: Bioware gab eher kleinlaut zu, das Projekt eingestellt zu haben - und zwar komplett. Die Ankündigungen, die Versprechen, all die Beteuerungen der Firmenvertreter - mal wieder nichts als Schall und Rauch.

Hype, Hyyype, Hyyyyype...ätsch!

Doch letztlich geht es hier nicht nur um enttäuschte Fans, die eben ein Spiel weniger geliefert bekommen. Die Tragweite der Entscheidungen ist größer, knüpft an die Geschehnisse in anderen großen Unternehmen an, die sich mit ihren Entwicklungen überschätzt und übernommen haben - ob sie nun eingestampft wurden wie Biowares Shadow Realms und Blizzards Titan oder mehr schlecht als recht auf den Markt gebracht wurden wie The Elder Scrolls Online oder WildStar.

Eines lässt sich insbesondere bei den Onlinespielen nämlich erkennen: Die großen Unternehmen werden den Erwartungen, die sie schüren, längst nicht mehr gerecht. Ihr Unternehmenskonzept, bei dem das Marketing mehr Kosten verschlingt als die eigentliche Entwicklung, ist gescheitert. Ihre Designs blenden nur noch wenige alte Fans, sind ebenso durchschaubar geworden wie das Pokerface der Propagandisten.

WildStar Online - Absturz ins Bodenlose

Das strahlende Lächeln wird aktuell auch den Entscheidungsträgern bei NCSoft West aus dem Gesicht gewichen sein. Das ach so gefeierte WildStar, für das vor allem das durchaus vielversprechende Blade & Soul bis auf unbestimmte Zeit zurückgestellt wurde, weil kurzweilige Martial-Arts-Action natürlich nicht so gut bei uns Westlern ankommt wie ein alberner Sci-Fi-Comic-Western, stürzt gerade ins Bodenlose - und zwar aktuell um 46,8% von einem auf das andere Quartal.

Gerade mal fünf Millionen Dollar hat WildStar demnach eingespielt - Tendenz weiter fallend. Damit bringt Carbines angeblicher Hardcore-Themepark dem Publiher weniger ein als City of Heroes, bevor es von NCSoft abgeschaltet wurde. WildStar könnte durchaus das gleiche Schicksal bevorstehen, denn gute Aussichten auf Besserung gibt es nicht. Konzeptionelle Änderungen wären dafür dringend erforderlich, jedoch wird im Studio längst nur noch auf Sparflamme gearbeitet. Umso lauter werden die Forderungen der Fans: “Gebt uns endlich Blade & Soul!”

EverQuest - Next!

Lange Gesichter machen derzeit auch zahlreiche Entwickler von ehemals Sony Online Entertainment. Noch in der letzten Woche spekulierten wir darüber, was der Verkauf der Sony-Tochter an Columbus Nova für Gründe gehabt haben könnte - jetzt kennen wir zumindest schon mal die Folgen.

6 weitere Videos

Eine beachtliche Entlassungswelle ist, mutmaßlich nach Anordnung der Investmentfirma, über das Unternehmen geschwappt und hat über 30 Entwicklerinnen und Entwickler erfasst, die fortan keinen weiteren Tagesanbruch bei Daybreak erleben werden. Und das alles wäre halb so überraschend, wenn nicht ein paar Namen unter den Unglücklichen wären, die man dort nicht zu lesen erwartet hätte. Besonders hart getroffen hat es nämlich gerade das Team hinter EverQuest Next.

Der Name von Mark Storer ist da zu lesen, einem der Programmierer hinter EQNext. Außerdem steht Lead Content Designer Steve “Moorgard” Danuser auf der Liste, Creative Director Jeffrey Butler, Produzent Eric “Felgon” Smith sowie tatsächlich David “Smokejumper” Georgeson. Letztere gilt als die gute Seele hinter dem kompletten EverQuest-Franchise, das er, so wird ihm nachgesagt, nachhaltiger geprägt hat als irgend eine andere Person im Unternehmen.

Nichts ist so sicher wie die Apokalypse

Diese Leute haben das Unternehmen verlassen und werden, so scheint es zumindest, auch nicht durch frisches Blut ersetzt. Konkret heißt das: Die Entwicklung von EverQuest Next war offensichtlich längst nicht so weit, wie das Konstruktionsprogramm Landmark vermuten ließ. Der dritte Teil der geschichtsträchtigen Reihe ist in großer Gefahr und es gibt keine Garantie dafür, dass das Projekt nicht bald in einem Atemzug mit Blizzards Titan und EAs Shadow Realms genannt werden muss.

6 weitere Videos

Immerhin bleibt die Zombie-Apokalypse H1Z1 weitgehend unbeschadet, verliert lediglich vier untergeordnete Entwickler, während DC Universe Online immerhin auf seinen Produzenten verzichten muss und PlanetSide 2 auf Matthew “Higgles” Higby, den Creative Director. Mit dieser ersten Amtshandlung hat die Investmentgesellschaft gezeigt, welcher Wind jetzt bei ehemals SOE weht und was man in Zukunft erwartet: Eine komplette Neuausrichtung des Unternehmens nämlich.

Darin liegen, so glauben Optimisten, gewisse Chancen. Die Mehrheit der Fans allerdings ist wütend, sah man Smedleys neuem Kurs, den massengerechten Einheitsbrei hinter sich zu lassen, doch mit einigem Wohlwollen entgegen. Ob Smedleys neue Chefs dieses Wohlwollen teilen, ob sie auch Spieler von EVE Online sind und Anhänger alternativ-innovativer Designkonzepte und kundenfreundlicher Geschäftsmodelle wie dem von PlanetSide 2, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist da schon, dass das branchentypische Pokerface bald auch bei Daybreak zu sehen sein wird.

Kurz notiert: ArchAge & TERA

Die Durststrecke, die das Genre zu überwinden hat, wird also nicht spürbar kürzer - da helfen auch die Updates und Erweiterungen zu bereits veröffentlichten Spielen wenig. Aktuell wäre da bespielsweise ArcheAge, das bald die Diamond Shores freigibt und einige der seit langem ausstehenden Inhalte ins Spiel bringt. Doch kommt das Update viel zu spät und bereinigt längst nicht die Verschmutzungen, die der überbordende Themepark-Anteil in der Sandbox des Spiels hinterlassen hat.

Auch TERA soll besser werden und bringt mit Sky Cruiser Endeavour am 24. Februar einen weiteren Hauch von Science Fiction in das Spiel, dessen Entwicklung nach der Beilegung des Rechtsstreits zwischen EnMasse und NCSoft zwar ordentlich Fahrt aufgenommen hat, jedoch noch lange nicht an dem Punkt angelangt ist, der es für ehemalige Spieler wirklich wieder interessant macht.

Star Wars: The Old Republic & The Elder Scrolls Online

Ganz ähnlich geht es den meisten Genre-Fans dann auch mit Star Wars: The Old Republic, zu dem aktuell der Entwickler-Fahrplan für 2015 vorgestellt wurde. Zwei Hard-Mode-Flashpoints, ein neuer Stronghold, der Planet Ziost sowie ein Outfit-Desiger für die erste Jahreshälfte reißen niemanden wirklich mehr vom Hocker.

6 weitere Videos

Noch übler sieht es bei The Elder Online aus, das bis zum Konsolen-Release im Juni quasi auf Eis gelegt werden soll - zumindest was neue Inhalte betrifft. Ob die verbliebenen Fans das allerdings hinnehmen oder auch diesem Spiel, das immer noch erschreckend viele offene Baustellen hat, den Rücken kehren werden, ist höchst fraglich.

Guild Wars 2 - zu spät auf Sendung

Ach ja - und dann wäre da noch Guild Wars 2, zu dem ja immerhin die erste kostenpflichtige Erweiterung angekündigt wurde. Die sollte besser üppig und von hoher Qualität sein, will NCSoft im Westen nicht noch mehr Boden verlieren. Entsprechend wichtig ist es, nicht nur die PvE-Fans zu überzeugen, sondern auch die PvE-Liga, die von Anfang an nicht so zufrieden mit dem zweiten Teil war, wie man das eigentlich hätte erwarten dürfen.

Nun ist ArenaNet mit der Live-Austrahlung zu den PvP-Inhalten am Freitag leider auf Sendung gegangen, nachdem diese Zeilen entstanden sind. Entsprechend kann ich noch nichts darüber erzählen. Das werde ich jedoch in der kommenden Ausgabe nachholen und, nach all den düsteren Nachrichten, auch wieder ein paar neue, vielversprechende Spiele und deren Mechaniken in den Fokus nehmen. Allerdings stammen die kaum noch aus den großen Spieleschmieden und wir müssen wohl auf den einen oder anderen grafischen Schnickschnack ebenso verzichten wie auf das obligatorische Pokerface.