Ein Interview mit Dartmoor-Chef Klaus Starke
(von Stefan Michaelis)
Fast jeden Monat ein neues PC-Brettspiel: Dartmoor Softworks hat ein enorm ehrgeiziges Projekt angepackt. Geschäftsführer Klaus Starke geht die Sache aber offensichtlich gut geplant an. Titel wie »Euphrat und Tigris«, »Torres« oder »Kardinal und König« sind wohl gewählt und Fans ein Begriff. Und es werden nicht die letzten sein, wie er im Interview verrät.
gamona: Die Entwickler-Szene in Deutschland dünnt aus, und nun setzt sich Dartmoor Softworks mit Brettspiel-Varianten auch noch zwischen die Stühle der Hardcore-Gamer und Brettspiel-Puristen. Ist der Markt schon reif für Gelegenheitsspiele?
Klaus Starke: Die Serie ist nicht unbedingt nur für Gelegenheitsspieler konzipiert. Sie ist auch für Leute gedacht, die keine Gelegenheit haben, ein Brettspiel regelmäßig mit anderen »menschlichen« Gegnern zu spielen. Im Visier haben wir außerdem PC-Spieler, die mehr Wert auf hochwertige Strategien und Taktik denn auf hoheRechneranforderungen und lange Intros legen. Beide Spiel-Varianten, das PC- und das Brettspiel, haben sich über die letzten Jahre langsam aber stetig angenähert.

Waren die Ur-PC-Spiele eher für eine Person konzipiert, so hat der Multiplayer-Modus einen immer größeren Stellenwert erhalten und ist zum echten Maßstab für ein modernes Computerspiel geworden. Viele Spiele, besonders im Bereich 3D-Action, wären ohne Multiplayer-Modus völlig untergegangen.

Das Internet hat dann ein Weiteres dazu getan, und so wird bei den PC-Spielen von heute immer mehr Wert auf Kommunikation gelegt.

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Genau das ist und war schon immer der Vorteil der Brettspiele. Was liegt also näher, als beide miteinander zu kombinieren und das Medium Internet für die Brettspieler zu nutzen?

Viele der potenziellen Brettspieler leiden darunter, dass ein Brettspiel XY nur dann funktioniert, wenn eine bestimmte Anzahl von Gleichgesinnten mit am Tisch sitzt.

Zu einem Brettspiel-Abend gehört schon ein ziemlicher organisatorischer Aufwand.

Was aber, wenn die benötigten Freunde 50 Kilometer entfernt wohnen? Was, wenn andere Mitglieder des Haushaltes keinen Bock haben, ein kompliziertes Brettspiel wie »Euphrat und Tigris« zu spielen, sondern höchstens Mal eine Partie »Wer wird Millionär« oder »Uno«? Antwort: Die Brettspiel-Serie von Dartmoor Softworks ...
gamona: Einige PC-Brettspiele haben den Spagat zwischen authentischer Präsentation und einerdem Gameplay am Bildschirm angemessenen Darstellung nicht geschafft. »Elfenwelt« ist zum Beispiel etwas unübersichtlich. Mit welchen Ansprüchen geht Dartmoor an seine Serie ran?
Klaus Starke: Der Anspruch unserer Reihe ist unter anderem der, dass sie eben auch als Serie konzipiert ist und besonders das Gameplay konsequent weiterentwickelt wird. Bestimmte Wiedererkennungswerte wird man bei allen Spielen von Dartmoor Softworks finden. Manche von anderen Herstellern veröffentlichte Titel sind Schüsse ins Blaue, also einmalige, halbherzige Versuche von Brettspiel-Laien, von der Bekanntheit einiger Lizenzen (verstärkt durch Awards wie »Spiel des Jahres«) zu profitieren.
Für jedes unserer Brettspiele haben wir viele echte Brettspiel-Freaks ausgewählt, die unsere Computerintelligenzen auf Herz und Nieren testen und wichtige Hinweise auf das Gameplay geben. Nichts ist für eine Brettspiel-Umsetzung schädlicher, als ein schwacher Computergegner.

Spielesteckbrief:
Spiel des Lebens
(Hasbro, jetzt Atari)
Der Klassiker unter den Familienspielen eignet sich hervorragend für den Computer. Das Spiel um Geld, Erfolg und Karriere glänzt durch seine witzigen Animationen. Außerdem fliegt das blöde Glücksrad am PC nicht immer vom Tisch ... Spielesteckbrief:
Carcassonne
(Koch-Media)
Auch ein »Spiel des Jahres«, auch original in Szene gesetzt, aber mit vielen zusätzlichen Optionen wie 3D-Effekten und Animationen. Der Mix aus Puzzle, Domino und Strategiespiel ist eines der beliebtesten Spiele in Deutschland, weil es so einfach zu lernen ist.
gamona: Wie eng wird dabei mit den Autoren zusammen gearbeitet?

Klaus Starke: Die Zusammenarbeit mit den Autoren läuft sehr freundschaftlich und kreativ. Der Umfang der Mitarbeit ist aber von Autor zu Autor verschieden. Klaus Teuber und Michael Schacht beispielsweise arbeiten sehr kreativ an den PC-Titeln mit. Während andere zwar immer auf dem Laufenden sind und auch ihre Kommentare abgeben, uns aber weit gehend aber freie Hand lassen.

gamona: Ich könnte mir zum Beispiel »Dampfross« und »Auf Achse« hervorragend als PC-Spiel vorstellen. Nach welchen Kriterien werden die Titel ausgesucht?

Klaus Starke: Ich mir auch .. :-) Wir haben zunächst viel Wert auf die Meinung der Brettspiel-Freaks gelegt und wirklich akribisch recherchiert, warum gerade bestimmte Spiele weniger gemocht werden und andere echte Kultspiele sind.

Hinzu kommt dann die Frage: Ist dieses Spiel auch als PC-Spiel geeignet? Viele Brettspiele, die auf Geschicklichkeit basieren - zum Beispiel »Villa Paletti«, das aktuelle »Spiel des Jahres« - sind nur sehr schwer für den PC-Spieler interessant zu machen. Der Titel »Spiel des Jahres« allein sagt für ein Brettspiel nicht unbedingt aus, ob es von den Spielern wirklich gemocht wird, sondern ist eine Empfehlung einer kleinen Jury an den Spielwaren-Handel.

Wir haben uns für Spiele entschieden, die Kultcharakter innerhalb der Brettspiel-Szene besitzen. »Kardinal und König« oder »Euphrat und Tigris« kennen Gelegenheitsspieler nicht unbedingt, da beide niemals »Spiel des Jahres« waren. In der Brettspiel-Szene besitzen beide aber wirklich Kultstatus und werden heute noch bis zum Exzess gespielt, während ehemalige »Spiele des Jahres« im Schrank verstauben, teilweise sogar verpönt sind.Wenn zum absoluten Topspiel dann, wie bei »Torres«, auch noch dieser Titel hinzukommt, ist das eine ideale Kombination für unsere Serie.
gamona: Mit »Enter the Matrix« ist der Entwicklungskosten-Rekord deutlich gebrochen worden - wie aufwändig ist es, ein Brettspiel für den PC umzusetzen?

Klaus Starke: Am Ende kommt es darauf an, seinen finanziellen Einsatz auch gewinnbringend zurückzubekommen. Wenn ich zehn Millionen Dollar aufwenden muss, um zehn Millionen Dollar zu erzielen, macht das wirtschaftlich wenig Sinn.
Brettspiele können mit einem überschaubaren Aufwand entwickelt werden, da es getestete Spielssysteme sind, die nach strikten Regeln innerhalb eines begrenzten Spielbretts funktionieren. Das reduziert zwar die Features einer Brettspielumsetzung, ist aber mit einem akzeptablen grafischen Aufwand zu entwickeln. Lediglich die KI fordert den Entwicklern eine Menge ab.

Spielesteckbrief:
Cafe International
(Hasbro, jetzt Atari)
Die Kartenspiel-Variante des »Spiels des Jahres« wird grafisch Eins zu Eins auf den Bildschirm gebracht. Dazu gibt es einige neue Varianten und natürlich das Multiplayer-Game. Einfach zu spielen und richtig witzig: Es geht darum, Damen und Herren verschiedener Nationen an einen Tisch zu bringen.
Spielesteckbrief:
Schmidt Spiele
(Vivendi)
Schmidt hat vor ein paar Jahren begonnen, alle Klassiker für den PC umzusetzen: Brettspiele, Kinderspiele, Kartenspiele. Die Brettspiel-Ausgabe enthält zehn Einzelspiele, darunter auch Backgammon und Schach. Optisch sind alle Spiele optimal und sie lassen sich auch im Netz zocken.gamona: Wird es - einen Erfolg der Titel in diesem Jahr vorausgesetzt - weitere Brettspiele made by Dartmoor geben?

Klaus Starke: Wie gesagt, es soll eine Serie sein, und wir machen uns schon Gedanken über weitere Spiele. Es gibt bereits konkrete Verhandlungen, sogar unterschriftsreife Verträge für weitere Titel. Dartmoor möchte sich im Segment der Brettspielumsetzungen einen qualitativen, internationalen Führungsanspruch erarbeiten.

gamona: Welche Brettspiele spielen Sie persönlich am liebsten?

Klaus Starke: Neben unseren Spielen mag ich auch wirtschaftlich angehauchte Klassiker wie »Öl für uns alle«, »Das Börsenspiel«, »Giganten« oder Titel wie »Shogun« aus der MB-Gamemaster-Reihe. Spiele, bei denen es rein ums (Würfel-)Glück geht, mag ich nicht.


Zur Person: Klaus Starke
(geboren 1965) zählt zum Urgestein der deutschen Entwickler-Szene.

Bis 1995 erntete er erste Lorbeeren beim Microsoft-Entwickler Spectrum Holobyte, 1997 heuerte er für drei Jahre als Produktmanager bei Ascaron an.

Danach leitete Klaus Starke Games-Entwicklungen bei Interactive Magic und Innonics. Die Liste der Spiele, die er mit betreute, liest sich wie ein Best of Games der vergangenen zehn Jahre:

»Civilization«, »X-Com 2 - Terror from the Deep«, »Transport Tycoon«, »Elizabeth I.«, »Seven Kingdoms«, »Wiggles«, um nur einige zu nennen.Klar, dass nach soviel Erfahrung eine eigene Firma her musste: Dartmoor Softworks, gegründet vor einem Jahr. Dass Klaus Starke auch selbst gute Spiele programmiert, bewies er vor zwei Jahren: Das bei Blackstar/Koch Media verlegte »Oil Tycoon« zählt zu den beliebtesten Titeln unter Wirtschaftsfreaks.