Brettspiele auf dem PC -
Volles Brett für Cybersteine
(von Stefan Michaelis)

Es war einmal eine Frage der Ideologie. Heute ist es nur noch eine des Spaß-Faktors: Brettspiele am PC. Sie sind so alt wie das Computerspiel selbst.

Doch erst in den letzten Jahren verschafften sie sich Respekt. Mit einer neuen Serie von Kult-Brettspielen will der deutsche Entwickler Dartmoor Softworks dem Genre nun endgültig die Krone aufsetzen.

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Apropos Krone: Das Spiel der Könige - Schach - dürfte eines der ersten Brettspiele gewesen sein, die vom Spieltisch auf den Bildschirm verlagert wurden. Soweit sich das noch zurück verfolgen lässt, denn schon zu Amiga-Zeiten bastelten unzählige Hobby-Programmierer Bits und Bytes zu Bauern und Läufern. Mit dem ersten PC stieg die Zahl der Free- und Shareware-Programme ins schier Unermessliche. Ob Schach, Dame, Mühle oder Backgammon: Die selbstgebauten PC-Versionen dürften in der Summe weltweit die Millionengrenze erreicht haben.

Profis waren stur
Die professionelle Entwicklerszene hatte zunächst überhaupt kein Brett vor dem Kopf. Die Möglichkeiten der neuen Rechenknechte erschienen zu reizvoll, um etablierte Spielideen nur zu variieren. Jump'n'Runs, Strategiespiele, Adventures, später die ersten 3D-Gehversuche: Das war hip, das war neu, das war anders. Wer dachte da schon an Brettspiele, die das virtuelle Laufen lernen sollten?
Geselligkeit muss sein

Doch trotz umwerfender VGA-Grafik und 40 MB Speicherplatz trafen sich die Joystick-Artisten nach wie vor an langen Winterabenden an Küchen- und Stubentischen, um eine gepflegte Runde »Mensch ärgere Dich nicht« oder »Dampfross« zu spielen.

Ein Brettspiel steht schließlich nicht nur für Sieg oder Niederlage, sondern vor allem für Geselligkeit und Kommunikation. Genau das führte auch zunächst zu starren ideologischen Standpunkten - mit nicht minder starrsinnigen Argumenten, wie sie die Pädagogen pflegten, als der große Streit »Holzspielzeug oder Barbie« ausbrach.

Puristen sterben aus

Der puristische Brettspieler der 80er und 90er Jahre sah all das, was er mit Pappkarten und Holzpöppeln verband, in Computerspielen in Frage gestellt. Manche fühlten sich sogar bemüßigt, die angebliche Vereinsamung der PC-Freaks zu bemitleiden.

Doch das änderte sich sehr schnell, als ein technisches Wunderwerk begann, die Welt zu erobern: das Internet. Plötzlich war beides da - die virtuellen Spielarenen und die Kommunikation. Die Puristen unter den Brettspielern mutierten langsam aber sicher zu einer aussterbenden Rasse.

Java mit Herzblut
Die bis heute konsequenteste Schnittmenge beider Lager ist die »Brettspielwelt«
( www.brettspielwelt.de). Einer kleinen Gemeinschaft von Brettspielern ging vor sieben Jahren die Augen auf, als die Programmiersprache Java ihren Siegeszug im Internet antrat. Java macht gute Online-Spiele möglich, dachten sie sehr richtig, und damit könne man mit der ganzen Welt gepflegt zocken.

In ungeheurer Fleißarbeit bastelte das Team Spiel für Spiel, und das mit soviel Liebe und Herzblut, dass die Verlage von Kosmos bis Hans im Glück offensichtlich selbst zu Fans wurden.Sie ließen die Brettspielwelt machen, ohne auf teure Lizenzierungen zu schielen.

Best of Brettspiel
So ist das virtuelle Brettspiel-Portal heute eine Art »Best of Games«. Die berühmten »Siedler von Catan« wurden zu einer eigenen Version namens »Catan«, »Manhattan« ist dabei, außerdem einer der größten Hits der Neuzeit: »Carcassonne«. Ein Chat-Raum ist integriert, ein ganzes virtuelles Dorf. Alles ist kostenlos, beileibe aber nicht billig. Die grafische Qualität der Games ist ausgezeichnet. So könnte das dort präsentierte »Memory« auch von Profi-Programmierern stammen.

Hasbro hatte es drauf
Mit wenigen Ausnahmen lief der Brettspiel-Boom bis zum Millennium aber an der Computerspiel-Branche vorbei. Größte Ausnahme war Hasbro Interactive, die inzwischen geschlossene Abteilung des US-Spielzeugkonzerns. Dort setzte man vor allem auf ein Zugpferd: »Monopoly«.

Und nutzte die neusten Techniken stets für den höchst möglichen Spielgenuss aus, in dem man von Anfang an auf die Online-Fähigkeit achtete.

Neue Spezies: Casual Gamer
Bis zum Jahrtausendwechsel waren Computerspiele noch nicht das, was man Massenmarkt nennen könnte.

Daher blieben Brettspiel-Umsetzungen für den PC auch Mangelware. Die Branche kümmerte sich mehr oder weniger nur intensiv um reine PC- und Konsolenspieler.

Inzwischen ist Spielen in virtuellen Welten etwas, was jeden beschäftigt, egal wie alt er ist. Die neue Spezies - wir alle - nennen die Marketing-Strategen nun Casual Gamer.

Start mit der Elfenwelt
Vivendi Universal Interactive hatte zuerst versucht, den Trend »Brettspiele am PC« anzuschieben.

»Elfenwelt« hieß die Umsetzung des beliebten »Elfenland«, das große Erwartungen weckte (nicht zuletzt unter den Brettspielern) und diese auch recht gut erfüllte. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ das Game aber nicht.
Nicht so gute Versuche
Zuvor hatte sich Ravensburger Interactive (gibt's nicht mehr) an drei Brettspiel-Hits versucht. »Das verrückte Labyrinth« - ein kniffliges Verschiebe-Strategiespiel, das schon auf dem Tisch vollste Konzentration verlangt - überzeugte auf Grund seiner Unübersichtlichkeit als 3D-Umsetzung nicht. »Scotland Yard« erreichte ebenfalls nicht das Spielgefühl der Brettversion, gab dem Spielprinzip (eine Verfolgungsjagd durch London) aber einen interessanten Kick mit einem Adventure-Modus.

Menschliches Geplapper
Doch dann gelang den Ravensburgern mit »Catan - Die erste Insel« der Volltreffer schlechthin.Das Handels- und Strategiespiel von Klaus Teuber lebt vor allem durch die hemmungslose Feilscherei der Spieler. Diese Hürde musste für Solo-Siedler genommen werden - und wurde mit einem Parforce-Ritt durch die Künstliche Computerintelligenz gemeistert. Die Cartoon-Figuren gelangen so charakterstark, plapperten so menschlich, dass manche Spieler den Multiplayer-Modus vermutlich nie genutzt haben.

Perfektes »Carcassonne«
Trotzdem blieben diese Siedler ein Ausnahmetreffer, kein Startschuss zu einem nachhaltigen Trend. Doch den löste kurze Zeit später Koch Media mit »Carcassonne« aus, einer perfekten Umsetzung des »Spiels des Jahres 2001«. Hier stimmt alles: Die werkgetreue Darstellung einerseits, die Sicht aufs Spiel nach Art eines Computergames zu ermöglichen andererseits. Neben dem Mehrspieler-Modus überzeugt die modifizierbare Intelligenz der PC-Gegner, die »Carcassonne«-Cracks sogar als Sparringspartner nutzen können. Das machte Lust auf mehr.



PC-Brettspiele im Monatsrhythmus
Klaus Starke, Chef von Dartmoor Softworks, beantwortet die Frage, ob die Zeit reif ist für eine Brettspiel-Offensive am PC, klar mit einem »Ja« (siehe Interview). Gleich fünf Games, die von der Kritik und den Fans gleichermaßen gelobt werden, liegen auf dem Amboss der Lemgoer Spieleschmiede: »Euphrat & Tigris« (ein Preview finden Sie in dieser Ausgabe), »Torres«, »Expedition nach Tikal«, »Kardinal und König« und »Löwenherz«. Letzteres entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Autor Klaus Teuber. Und der ist es auch, der im virtuellen Brettspiel neue Chancen sieht, jederzeit seinem Hobby frönen zu können.

Goldene Zeiten für Gamer
Wir dürfen uns also auf Goldene Zeiten für Spielideen am Computer freuen, die längst erprobt und für gut befunden wurden. Die ideologische Debatte ist vorbei, die Vor- und Nachteile von Brett- gegenüber Computerspielen sind längst abgewogen.

Das wichtigste Argument pro PC-Brettspiel allerdings: Es ist ein Segen vor allem für unsere Mütter. Sie werden fortan nicht mehr unseren Zorn zu spüren bekommen, wenn wir nach langer Zeit mal wieder einen alten Brettspielkarton öffnen und entsetzt feststellen: ein Spielstein fehlt - vor langer Zeit begraben in ihrem Staubsauger.